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Full text of "Die wirtschaftlichen Folgen des 30jährigen Krieges für die Altmark; ein Beitrag zur Geschichte des Zusammenbruchs der deutschen Volkswirtschaft in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts"

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Kaphahn,  Fritz 

Die  wirtschaftlichen 
Folgen 


HC 


Geschichtliche  Studien 

Herausgeg'eben  von 
Dr.    -A-irniri    Tille 

Zweiter  Band,  erstes  Heft 


Die  wirtschaftlichen  Folgen 

des  30jährigen  Krieges  für 

die  Altmark 

Ein  Beitrag  zur  Geschichte  des  Zusammenbruchs 

der  deutschen  Volkswirtschaft  in  der  ersten  Hälfte 

des  17.  Jahrhunderts 

Von 

Fritz  Kaphahn 


Gotha  1911 

Friedrich  Andreas  Perthes  A.-G. 


QesGhiGlitliGhe  Studien 


Herausgegeben 


Dr.  Armin  Tille 


Zweiter  Band,  erstes  Heft 

Fritz  Kaphahn:  Die  wirtschaftlichen  Folgen  des  30jährigen 
Krieges  für  die  Altmark 


Gotha  1911 
Friedrich  Andreas  Perthes  A.-G. 


Die  wirtschaftlichen  Folgen 

des  30jährigen  Krieges  für 

die  Altmark 


Ein  Beitrag  zur  Geschichte  des  Zusammenbruchs 

der  deutschen  Volkswirtschaft  in  der  ersten  Hälfte 

des  17.  Jahrhunderts 


Von 


Fritz  Kaphahn 


Gotha  1911 

Friedrich  Andreas  Perthes  A.- G. 


HC 


S7X63S 


Meiner  lieben  Mutter. 


Digitized  by  the  Internet  Archive 

in  2010  with  funding  from 

University  of  Toronto 


http://www.archive.org/details/diewirtschaftlicOOkaph 


VorvsTort. 


Vorliegender  Arbeit,  zu  der  ich  die  erste  Anregung  in  den 
wirtschaftsgeschichtlichen  Übungen  bei  Professor  Hoeniger  in 
Berlin  empfing,  dienten  als  Quellen  teils  gedrucktes,  teils  un- 
gedrucktes Material.     Dieses  letztere  beruht: 

1.  im  Königl.  Geheimen  Staatsarchiv  zu  Berlin  und  im 
Königl.  Staatsarchiv  in  Magdeburg. 

2.  in  den  Archiven  der  Städte  Stendal,  Gardelegen,  See- 
hausen und  Tangermünde.  (Das  Ratsarchiv  zu  Salzwedel  ist 
in  den  1890  er  Jahren  zum  größten  Teile  durch  Brand  zerstört 
worden,  nur  einige  Urkunden  aus  dem  Mittelalter  haben  sich 
erhalten;  die  Archive  Osterburgs  und  Werbens  enthalten  nach 
Mitteilung  der  Magistrate  nichts  Einschlägiges;  die  von  Tanger- 
münde beigebrachten  Nachrichten  endlich  beruhen  nicht  auf 
Autopsie  der  Originalquellen,  sondern  auf  den  mir  freundlichst 
überlassenen  Abschriften  des  jüngst  verstorbenen  Herrn  Ober- 
pfarrers Zahn  in  Tangermünde,  die  dieser  angefertigt  hat,  noch 
bevor  das  Archiv  in  den  Zustand  der  Verwahrlosung  geriet,  in 
dem  es  sich  jetzt  befindet.) 

3.  in  den  Küstereien  und  Pfarreien  altmärkischer  Städte 
und  Dörfer.  Ich  will  auch  an  dieser  Stelle  nicht  unterlassen, 
meinen  Vorschlag  für  Preußen  zu  wiederholen  —  für  Sachsen 
soll  beim  Neubau  des  Königl.  Hauptstaatsarchivs  in  Dresden  dem 
schon  Rechnung  getragen  werden  — ,  die  Kirchenbücher,  deren 
Wichtigkeit  für  sozialstatistische  Untersuchungen  seit  Johann 
Peter  Süßmilchs  ,, göttlicher  Ordnung  in  den  Veränderungen 
des  menschlichen  Geschlechts"  feststeht,  und  von  denen  nur 
wenige  in  die  Zeit  ihrer  Einführung,  das  16.  Jahrhundert, 
zurückreichen,  in  die  Provinzialarchive  zusammenzuziehen,  um 
sie  vor  einem  weiteren  Rückgange  in  ihrem  Bestände  zu  be- 
wahren. Ermittelungen,  wie  die  hier  gepflogenen,  würden  sich 
dann  auf  größere  Gebiete  ausdehnen  und  auch  bequemer  an- 
stellen lassen.     Was  die  Benutzung  der  Bücher  betrifft,  so  ist 


yrn  Vorwort. 

sie  mir  sehr  erleichtert  worden,  nicht  allein  durch  stets  bereit- 
willige Auskunft  und  Hilfeleistung,  sondern  oft  auch  durch 
liebenswürdigste  Gastfreundschaft  der  Herren  Pastoren.  Ihnen 
allen  sei  herzlich  gedankt,  ebenso  Herrn  Geheimen  Archivrat 
Dr.  Bai  Heu  und  Herrn  Dr.  Salz  er  in  Berlin,  Herrn  Archiv- 
direktor Dr.  Winter  und  Herrn  Dr.  Bier  in  Magdeburg,  so- 
wie den  Verwaltern  der  genannten  städtischen  Archive. 

Alles  vorhandene  Quellenmaterial  war  freilich  nicht  gleich- 
mäßig benutzbar.  Im  Magdeburger  Staatsarchiv  liegen  noch 
über  100  Bündel  ungeordneter  altmärkischer  Akten,  die  später 
im  einzelnen  wahrscheinlich  noch  manchen  interessanten  Auf- 
schluß geben  werden.  Eine  Dünnschichtigkeit  der  Unterlagen 
wird  sich  in  der  Arbeit  am  deutlichsten  bei  den  Verhältnissen 
des  platten  Landes,  soweit  sie  den  Adel  und  seine  Untertanen 
betreffen,  erkennen  lassen.  Doch  liegt  dies  weder  am  Mangel  an 
entsprechenden  Quellen  noch  an  einem  Versäumnis  des  Verfassers. 
Dieser  hatte  die  Absicht,  das  v.  d.  Schulenburgische  Archiv  in 
Beetzendorf  für  diese  Fragen  zu  benutzen,  im  August  1909  auch 
schon  die  Erlaubnis  zur  Verwendung  einer  Anzahl  Aktenstücke  er- 
halten, die  ihm  im  Winter  desselben  Jahres  nach  Leipzig  über- 
sandt  wurden,  als  ihm  bei  einer  Anfrage,  ob  er  das  Material 
des  Archivs  auf  Zeugnisse  über  die  Erweiterung  des  adeligen 
Gutsbetriebes  durch  ,, Bauernlegen"  prüfen  dürfe,  nach  langem 
Harren  endlich  mitgeteilt  wurde,  daß  ihm  die  Benutzung  ferner- 
hin nicht  mehr  verstattet  werden  könne;  zwar  traue  man  ihm 
wissenschaftliche  Objektivität  zu,  doch  fürchte  man,  daß  die 
Arbeit  von  unberufener  Seite  gegen  den  Adel  ausgenützt  würde. 
Diese  Entscheidung,  die  natürlich  auch  die  bisherigen  Exzerpte 
entwertete,  traf  aber  zu  einer  Zeit  ein,  in  der  es  im  Interesse 
des  endlichen  Abschlusses  der  Arbeit  nicht  mehr  möglich  war, 
etwa  die  Materialien  eines  anderen  adeligen  Archivs  heran- 
zuziehen. 

Schließlich  bleibt  mir  noch  die  gern  erfüllte  Pflicht,  meinen 
verehrten  Lehrern,  Herrn  Geheimrat  Professor  Dr.  Lamprecht 
und  Herrn  Professor  Dr.  Hoeniger  für  das  Interesse  und  den 
Rat  zu  danken,  mit  denen  sie  meine  Erstlingsarbeit  stets  be- 
gleitet haben;  ebenso  Herrn  Dr.  Armin  Tille,  der  sie  nicht 
nur  in  seine  „Geschichtlichen  Studien"  aufnahm,  sondern  auch 
in  liebenswürdigster  Weise  die  Korrekturbogen  mitlas. 

Leipzig,  April   191L 

Fritz  Kaphahn. 


Inhaltsverzeichnis. 


Seite 

Vorwort vn — vm 

Einleitung::    Geschichte    der    Erforschung    der    wirt- 
schaftlichen Folgen   des   30jährigen  Krieges       1—4 

1.  Kapitel:  Die  wirtschaftlichen  Verhältnisse  in  der 

Altmark  vor  dem  30jährigen  Kriege: 

die  Städte:  Verfall  ihrer  wirtschaftlichen  Blüte  seit 
Mitte  des  15.  Jahrhunderts:  Verlust  des  Übersee- 
handels; mannigfache  Konkurrenz  im  Binnenhandel 
und  Gewerbe.  Anlage  des  ererbten  Reichtums.  — 
Die  Schicksale  der  altmärkisch  -  priegnitzischen 
Städtekasse,  der  städtischen  Kämmereien  bis  zum 
Beginn  des  Krieges;  Bedeutung  der  Kipper-  und 
Wipperzeit;  Natur  der  bei  den  öffentlichen  Kassen 

angelegten  Kapitalien 5 — 19 

der  Adel:  Schicksale  der  altmärkisch-priegnitzischen 
Landschaftskasse  bis  zum  Kriegsbeginn.  —  Die  wirt- 
schaftliche Entwicklung  des  Adels  seit  dem  15.  Jahr- 
hundert: Vergrößerung  seines  Grundbesitzes;  Ent- 
stehung der  Eittergutswirtschaft;  Export  ihrer 
Erzeugnisse  ins  Ausland;  adelige  Kaufmannschaft; 
Wirkung  des  „neuen  Kornzolls".  Eeichtum  und 
Verschuldung  des  Adels  vor  dem  Kriege  .  .  .  19—25 
die  Bauern:  Folgen  der  Entstehung  der  adeligen 
Gutswirtschaft  für  die  bäuerliche  Bevölkerung: 
Dienststeigerung;  Schollengebundenheit;  bäuerliche 
Verschuldung.  Verschiedenartige  Vermögens  Verhält- 
nisse unter  den  Bauern.  —  Das  ländliche  Gesindel    26—30 

2.  Kapitel:  Die  wirtschaftlichen  Folgen  des  Krieges 

für  die  Städte. 

Die  kriegerischen  Ereignisse  in  der  Altmark.  —  Bevöl- 
kerungsrückgang:  Quellen,  Ermittelung,  Resultat; 
Ursachen.  —  Immobiliarschaden :  an  Häusern, 
Gärten,  Wiesen,  Äckern.  —  Wirtschaftliche  Ver- 
hältnisse der  Bevölkerung  nach  dem  Kriege:  Schei- 


z  Inhaltsverzeichnis. 

Seite 
dung  zwischen  1.  Mobilienverhist  durch  Kontribution 
und  Plünderung  und  2.  den  Folgen  des  Zusammen- 
bruchs der  Kreditwirtschaft,  unter  der  die  Städte 
in  den  Krieg  eintraten.  Schicksal  der  altmärkisch- 
priegnitzischen  Stäiltekasse,  d>T  Kämmereien  bis 
1690,  resp.  1750;  Bedeutung  für  die  Gläubiger; 
weitere  Folgen  für  die  Bevölkerung;  Moratorien.  — 
Kritik  der  bisherigen  Methode  der  Ermittelung  des 
Mobiliarschadens;  direkte  Feststellung  des  vorhan- 
denen Geldes  nach  dem  Kriege.  Grad  der  Ver- 
armung: die  Eatsaristokratie;  die  Bevölkerung 
Stendals  von  1643;  die  Leistungen  der  altmärki- 
schen Städte  an  den  Kurfürsten  in  den  40er 
Jahren.    —    Handel    und    Wandel    in    den    ersten 

Jahren  nach  dem  Kriege 31  —  68 

3.  Kapitel:  Die  wirtschaftlichen  Folgen  des  Krieges 
für  das  platte  Land. 

Bevölkerungsrückgang:  Abgrenzung  des  Untersuchungs- 
gebietes; kein  Anteil  des  Krieges  an  der  Entstehung 
der  Wüstungen ;  Eückgang  letzten  Endes  nicht  exakt 
zu  ermitteln,  sondern  nur  vorsichtig  abzuschätzen: 
im  mittleren,  westlichen,  östlichen  Teüe  der  Alt- 
mark. Gesamtresultat.  Ursachen  der  Bevölkerungs- 
abnahme. —  Wirtschaftliche  Verhältnisse  der  Eest- 
bevölkerung:  1.  der  Bauer:  Viehstand,  Äcker, 
Haus;  Verschuldung;  Folgen  der  reduzierten  Ein- 
wohnerzahl für  die  Dienstleistungen.  Grad  der  Ver- 
armung. Das  Amt  Neuendorf.  —  2.  der  Adel: 
sein  Schicksal  als  Gläubiger  der  altmärkisch-prieg- 
nitzischen  Städtekasse,  als  Schuldner  von  Standes- 
genossen und  Bürgern;  Leiden  unter  den  un- 
mittelbaren Wirkungen  des  Krieges.  —  Das  Amt 
Diesdorf.  Wirtschaftliche  Tätigkeit  des  Adels  nach 
dem  Kriege 69—98 

Schlußbemerkungen:  Die  Hauptergebnisse  der  Unter- 
suchung      99—101 

Verzeichnis  der  benutzten  Quellenpublikationen,  der  verwandten 

Literatur  und  der  Abkürzungen 102 — 105 

Bei  wörtlichen  Zitierungen  wurde  der  Text  selbstverständlich  getreu, 
jedoch  in  moderner  Orthographie  wiedergegeben. 


Einleitiing. 


Wenn  man  sich  die  Entwicklung  vergegenwärtigt,  die 
die  Erforschung  der  wirtschaftlichen  Folgen  des  30  jährigen 
Krieges  für  Deutschland  im  letzten  halben  Jahrhundert  ge- 
nommen hat,  so  findet  man,  daß  niemals  darüber  Zweifel 
bestanden  haben,  daß  die  Mitte  des  17.  Jahrhunderts  eine 
außerordentlich  trübe  Zeit  für  unser  Vaterland  gewesen  ist; 
worüber  sich  allein  das  Urteil  gewandelt  hat,  das  sind  die 
Ursachen  und  der  Grad  des   ökonomischen  Tiefstandes. 

Eine  ältere  Auffassung  hatte  von  diesem  letzteren  die 
Vorstellung,  daß  „die  wirtschaftlichen  Zustände  Deutsch- 
lands nach  dem  Kriege  uns  an  eine  Wüstenei  erinnern,  in 
welcher  das  Auge  kaum  einen  glücklichen  Ruhepunkt,  kaum 
eine  Oase  zu  entdecken  vermag"  ^),  daß  man,  „wo  man  seine 
Schritte  hinlenkte,  nur  Ruinen  und  Verwesung,  . . .  zerfallene 
Dörfer,  öde  Städte,  eine  verzweiflungsvolle,  von  der  Kriegs- 
furie ausgemergelte  Generation  erblickte,  die  ihr  Elend  in 
Lüsten  zu  begraben  strebte"  '-),  kurz,  daß  „die  Zustände,  die 
nach  dem  Kriege  eintraten,  außer  allem  Vergleich  mit  an- 
deren Niederlagen  kultivierter  Völker  waren"  ^).  Herbei- 
geführt aber  schienen  diese  traurigen  Verhältnisse  allein 
durch  die  30  langen  Kriegsjahre;  denn  das  Deutschland  vor 
dem  30  jährigen  Kriege  war  noch  ein  blühendes  Land.  Zwar 
gab  man  zu,  daß  seine  höchste  Blüte,  die  Zeit  einer  macht- 
vollen wirtschaftlichen  Expansion  und  eines  gewinnbringenden 


1)  V.  Inama  Sternegg  (1864),  S.  4. 

2)  Hanser  (1862),  S.  226. 

3)  Frey  tag  (1867),  S.  229  (zitiert  nach  8.  Aufl.  1875). 

Geschichtliche  Studien,     lt.  1.  -i 


2  Geschichtliche  Studien.  II.  1. 

Fernhandels  zu  einem  guten  Teil  vorüber  gewesen  sei,  aber 
noch  habe  sich  Handel  und  Handwerk  in  starkem  Gedeihen 
befimden,  und  in  dem  weiten  Reiche  hätte  die  Industrie 
geblüht  1). 

Diese  Ansicht  stellte  sich  aber  um  so  mehr  als  irrig 
heraus,  je  tiefer  man  in  die  europäische  Wirtschaftsgeschichte 
des  16.  Jahrhunderts  eindrang.  Man  erkannte,  daß  die 
deutschen  Städte  in  dieser  Zeit  mehr  als  den  Fernhandel 
verloren,  daß  die  Fremden  das  vergalten,  was  die  Deutschen 
jahrhundertelang  geübt,  indem  sie  nun  ihrerseits  nach  Deutsch- 
land eindrangen,  dem  deutschen  Kaufmann  den  Binnenhandel 
zu  entreißen  suchten  und  durch  die  Einfuhr  fremder  Erzeug- 
nisse der  deutschen  Industrie  den  Absatz  erschwerten  -),  und 
daß  eine  überspannte  Kreditwirtschaft  Fürsten  und  Städte, 
Bürger  und  Bauern  längst  vor  dem  Kriege  in  tiefe  Ver- 
schuldung und  manchen  Gläubiger  um  sein  Geld  brachte'^): 
kurz,  daß  dem  Kriege  eine  jahrzehntelange  wirtschaftliche 
Depression  voranging  und  dieser  „dem  allgemeinen  Ruin  nur 
den  letzten  Ausdruck  gab"^). 

Und  ward  man  auf  der  einen  Seite  inne,  daß  der  öko- 
nomische Verfall  Deutschlands  im  17.  Jahrhundert  zu  einem 
großen  Teile  bedingt  war  durch  die  Entwicklung,  die  das 
Land  im  16.  genommen  hatte,  so  machten  sich  auf  der  an- 
deren Bedenken  gegen  die  Vorstellung  eines  allzu  tiefen 
Ruins  des  Reiches  nach  dem  Kriege  geltend.  Es  wurde 
gezeigt  ^),  daß  in  den  Chroniken,  Autobiographien,  ja  selbst 
in  den  Aktenstücken,  von  denen  die  bisherige  Forschung 
angenommen  hatte,  daß  sie  ein  getreues  Bild   der  Verhält- 


1)  Ebenda,  S.  195. 

2)  Schmoll  er  (1879),  S.  152. 

3)  Eitter  (1895),  S.  464 f.  —  Die  oberdeutschen  Kapitalisten  haben 
namentlich  durch  die  Staatsbankerotte  Frankreichs  und  Spaniens,  deren 
Fürsten  sie  hohe  Summen  geliehen  hatten,  seit  der  zweiten  Hälfte  des 
16.  Jahrhunderts  starke  Verluste  zu  verzeichnen  gehabt;  vgl.  Ehren berg 
(1895),  S.  41. 

4)  Lampreeht,  VI  (1904),  S.  341. 

5)  Zuerst  von  Erdmannsdörffer  (1892),  S.  lOlff. 


IL  1.      Kaphahn,  Die  wirtschaftl.  Folgen  d.  30jähr.  Krieges  usw.  3 

nisse  nach  dem  Kriege  abgäben,  nicht  nur  bewußte  Korrek- 
turen nach  der  Seite  des  Schlimmen  hin  vorlagen,  sei  es 
nun,  daß  es  den  Verfassern  darauf  ankam,  die  Unfähigkeit 
zu  weitereu  Leistungen  zu  erweisen,  oder  sei  es,  daß  sie  sich 
aus  konfessionellem  Haß  zu  Entstellungen  hinreißen  ließen, 
sondern  auch  ein  den  Zeitgenossen  unbewußtes  Moment  in 
ihnen  eine  übertreibende  Rolle  spielt.  Es  ist  dieser  „Hang 
zum  Ungeheuerlichen  in  der  Sprache",  der  „Superlativ  des 
Entsetzens",  der  in  fast  allen  Schriftstücken  dominiert,  kein 
Spezifikum  allein  des  17.  Jahrhunderts,  sondern  ein  Erbe 
dieser  Zeit  noch  vom  Mittelalter  her,  eine  Erscheinung,  die 
auf  gleicher  Linie  steht  mit  den  Fabeleien  jener  frühen  Zeiten 
über  „die  Größe  von  Heeren,  die  Menge  gefallener  Krieger, 
die  Ausdehnung  von  Seuchen  und  die  verheerende  Kraft 
von  Bränden"  ^).  Psychologisch  betrachtet  erweist  sie  sich 
als  ein  grobes,  noch  undifferenziertes  Auffassungsvermögen 
von  Massenerscheinungen,  das  der  Erkenntnis  des  rechten 
Maßes  und  der  Unterschiedsgrade  von  Wirkungen  außer- 
ordentlicher Ereignisse  noch  ganz  enträt,  sondern  deren 
Folgen  immer  ins  Äußerste  steigert. 

Nach  diesen  kritischen  Äußerungen  sind  dann  Spezial- 
untersuchungen erschienen  und  haben  die  Zweifel  gegenüber 
der  Ansicht  eines  völligen  wirtschaftlichen  Verfalls  Deutsch- 
lands nach  dem  30  jährigen  Kriege  nur  als  zu  begründet  er- 
wiesen -),  so  daß  neuerdings  versucht  werden  konnte  unter 
Betonung  der  Notwendigkeit  weiterer  Einzelforschungen  für 
ein  abschließendes  Urteil,  aber  durch  Verarbeitung  der  bis- 
herigen, doch  schon  bestimmte  Thesen  über  „die  Kriegs- 
verwüstungen und  ihr  mögliches  Ausmaß"  aufzustellen  3),  — 


1)  Lamprecht,  II,  S.  189.  —  Vgl.  auch  Köhler,  S.  238. 

2)  Es  sei  vor  allem  auf  die  Ausführungen  Wuttkes  (1893),  S.  61  fF. 
über  die  relativ  günstige  wirtschaftliche  Lage  Sachsens  nach  dem  30jäh- 
rigen  Kriege  hingewiesen. 

3)  Während  Haendcke  (1906),  S.  159,  179  es  noch  beim  "Warnen 
vor  Überschätzung  der  Wirkungen  des  Krieges  bewenden  läßt  und  im 
Yorwort  seines  Werkes  ablehnt,  aus  den  beigebrachten  Einzeltatsachen 
ein  Gesamturteil  zu  formen,  stellt  Hoeniger  (1909)  die  bestimmte  Be- 

1* 


4  Geschichtliche  Studien.  II.  1. 

Die  nachfolgenden  Ausführungen  wollen,  ohne  einer  vor- 
gefaßten Meinung  zu  folgen,  lediglich  die  tatsächlichen  Ver- 
hältnisse in  einem  kleinen  Gebiete  ermitteln.  Sie  konnten 
dabei  aus  dem  bisherigen  Gang  der  Forschung  eine  doppelte 
Lehre  ziehen :  einmal,  für  die  Ermittlung  von  Tatsachen  nur 
Quellen  heranzuziehen,  deren  Wirklichkeitswiedergabe  durch 
die  erwähnten  Momente  nicht  beeinträchtigt  ist,  und,  da  diese 
sich  bis  in  die  aktenmäßigen  Berichte  erstrecken,  soviel  als 
möglich  statistisches  Material  zu  verwenden;  zum  andern 
aber,  die  wirtschaftlichen  Verhältnisse  in  der  Altmark  vor 
dem  Kriege  zum  Gegenstand  einer  eingehenderen  Darstellung 
zu  machen. 


hauptung  auf,  daß  die  Zahl  der  durch  den  Krieg  für  immer  vernichteten 
Dörfer  Deutschlands  (S.  424),  der  Rückgang  seines  Viehbestandes  (S.  426) 
und  sein  Kapitalverlust  (S.  433)  bei  weitem  niedriger  anzuschlagen  sei, 
als  es  bisher  geschehen  ist,  und  „ein  wirklich  erhebliches  Minus  der 
Volkszahl  von  1648  gegenüber  der  von  1618  nicht  wahrscheinlich  ist" 
(S.  429). 


Erstes  Kapitel. 

Die  wirtschaftlichen  Verhältnisse  in  der  Ältmark 
vor  dem  50jährigen  Kriege. 


Die  altmärkischen  Städte,  voran  Stendal  und  Salzwedel, 
haben  schon  früh,  seit  der  zweiten  Hälfte  des  12.  Jahr- 
hunderts, an  dem  wirtschaftlichen  Aufschwung  Norddeutsch- 
lands, der  sich  später  mit  dem  Namen  der  Hansa  verknüpfte, 
regen  Anteil  genommen.  Von  ihren  Handelsbeziehungen 
wissen  wir,  daß  sie  sich  vornehmlich  westwärts  nach  Flandern 
hin  erstreckten,  und  unter  den  Waren,  die  sie  handelten, 
standen  Tuch,  Leinwand,  Getreide,  Produkte  der  Viehzucht 
und  der  Waldwirtschaft  sowie  Metalle  in  erster  Reihe  ^).  Den 
Wendepunkt  der  glänzenden  Entfaltung  bezeichnet  aber  die 
zweite  Hälfte  des  15.  Jahrhunderts.  Zwar  haben  wir  aus 
dem  Jahre  1466  noch  die  Nachricht,  daß  „die  Stendaler 
Kaufleute  in  Genter  Laken  und  Gütern  mehr  als  die  Kauf- 
leute andrer  Städte  hantierten",  und  zwei  Jahre  später  wird 
ihnen  von  Lübeck  mitgeteilt,  daß  Antwerpen  nach  einer  von 
der  Hansa  über  die  Stadt  verhängten  Sperre  dem  Handel 
wieder  geölFnet  sei  -);  aber  in  dieser  Zeit  war  es  auch,  daß 
Holländer  und  Engländer  zu  den  Hansen  auf  dem  Gebiete 
der  Schiffahrt  in  erfolgreiche  Konkurrenz  traten  und  die  Er- 
zeugnisse der  in  junger  Kraft  sich  entwickelnden  englischen 
Tuchindustrie  in  Antwerpen,  wohin  sich  von  Brügge  und 
Gent  aus  um  die  Mitte  des  15.  Jahrhunderts  der  Handels- 
schwerpunkt in  den  Niederlanden  verlegte,   den   hansischen 


1)  Götze,  S.  48f.  —  Baechthold,  S.  180,  182. 

2)  Götze,  S.  418. 


6  Geschichtliche  Studien.  II.  1. 

den  Rang  streitig  machten  i).  Hinzu  kam,  daß  in  der  Mark 
seit  dem  15.  Jahrhundert  die  landesherrliche  Gewalt  sich 
den  Städten  gegenüber  in  steigendem  Maße  zur  Geltung  zu 
bringen  wußte;  1488  brach  Kurfürst  Johann  Cicero  die 
Selbständigkeit  der  altmärkischen  Städte  gelegentlich  eines 
Aufstandes  wegen  Einführung  einer  Biersteuer  und  verbot 
ihnen  jedes  Bündnis  mit  fremden  Städten,  was  zu  ihrem 
schließhchen  Austritt  aus  der  Hansa  im  Jahre  1518  führte  -). 
Ferne  Handelsbeziehungen  aber,  die  diese  für  die  altmärkischen 
Städte  ungünstige  Entwicklung  überdauerten,  fielen  der  kon- 
sequent egoistischen  Handelspolitik  zum  Opfer,  die  Hamburg 
seit  der  Mitte  des  15.  Jahrhunderts  mit  steigendem  Erfolge 
einschlug.  Im  Jahre  1458  forderte  es  zum  ersten  Male  das 
Stapelrecht  für  alles  Getreide,  das  die  Elbe  herabgeschifft 
wurde.  Trotz  der  heftigsten  Anfeindungen  von  Fürsten  und 
Städten  des  Binnenlandes  wußte  die  Stadt  den  Getreidestapel 
doch  weiterhin  mit  Erfolg  zu  behaupten;  ja  1482  fügte  sie  den 
von  Wein  und  Bier  hinzu  '■^),  und  ohne  die  Befreiung  der  mär- 
kischen Städte  vom  Stapelzwang,  die  Joachim  I.  1518  vom 
Kaiser  erwirkt  hatte,  zu  respektieren,  gewann  sie  bald  darauf 
das  Stapelrecht  für  alle  Waren  ohne  Ausnahme  ^).  Dies 
bedeutete  aber  eine  völlige  Unterbindung  des  überseeischen 
Verkehres  der  binnenländischen,  und  damit  auch  der  alt- 
märkischen Städte. 

Aber  auch  in  dem  Handel  bis  zur  Küste  blieben  die 
altmärkischen  Kaufleute  nicht  ungestört.  Wir  wollen  an 
dieser  Stelle  des  zunehmenden  Wolle-  und  Getreidehandels 
des  Adels  seit  dem  16.  Jahrhundert  nur  als  einer  Tatsache 
gedenken,  die  uns  später  noch  ausführlicher  beschäftigen 
wird.     Zu  ihm  gesellten  sich  die   fremden  ^)  Kaufleute,    die 


1)  Pirenne,  S.  490,  498. 

2)  Götze,  S.  235ff.,  418. 

3)  Naude  (1889),  S.  39 f. 

4)  Schmoller  (1884),  S.  1033f. 

5)  Es  soU  an  dieser  Stelle  ein  für  allemal  bemerkt  sein,  daß  die 
Worte  „fremd"  und  „ausländisch"  in  der  Arbeit  im  territorialen  Sinne, 
also  gleichbedeutend  mit  außerbrandenburgisch  gebraucht  sind. 


II.  1.       Kaphahn,  Die  wirtschaftl.  Folgen  d.  SOjähr.  Krieges  usw.  7 

1472  schon  so  zahlreich  in  der  Mark  waren,  daß  Kurfürst 
Albrecht  Alcibiades,  als  er  zur  Aufbesserung  seiner  Ein- 
nahmen einen  Zoll  auf  Fische,  ^Yein,  Honig,  Schmalz,  Talg 
und  Teer  legen,  die  größeren  märkischen  Städte  aber  davon 
befreien  wollte,  an  den  Abgaben  der  Fremden  genug  zu 
haben  glaubte  ^).  Seit  der  Mitte  des  16.  Jahrhunderts  hat 
dann  namentlich  von  Hamburg  her  ihre  Zahl  noch  erheblich 
zugenommen  -).  Sie  entzogen  nicht  allein  dem  altmärkischen 
Kaufmann  seine  Nahrung,  sondern  erschwerten  auch  der 
Tuchindustrie,  wie  sie  namenthch  in  Stendal  imd  Salzwedel 
betrieben  wurde,  den  Absatz,  teils  durch  die  Einfuhr  fremder 
Erzeugnisse,  teils  durch  die  Ausfuhr  von  Wolle,  wodurch 
deren  Preise  stiegen  und  eine  Verteuerung  der  heimischen 
Produkte  eintrat.  Und  bei  diesem  Wolle-,  aber  auch  Ge- 
treide- und  Viehaufkauf  suchten  sie  die  städtischen  Märkte 
zu  umgehen,  indem  sie  entweder  Märker,  „verdorbene  Hand- 
werker und  Lediggänger",  wie  sie  die  Städte  nennen,  dazu 
veranlaßten  oder  selbst  außerhalb  der  Jahrmärkte  auf  das 
Land  zogen  und  dessen  Produkte  zum  Export  erstanden. 
Und  hier  trafen  sie  sich  mit  den  Hausierern,  „unbesessenen 
Gesellen",  die  den  Bauern  ihre  Waren  verhandelten  und 
dafür  Korn,  Wolle,  Flachs,  Hanf,  Vieh  und  Geflügel  ein- 
tauschten und  alles  dies  dem  städtischen  Markt  entzogen  '^). 
Aber  mit  dieser  Konkurrenz  der  Fremden  nicht  genug! 
Zu  den  ausländischen  Hausierern  gesellten  sich  die  einheimi- 
schen; dazu  braute  der  Adel  zunehmend  über  seinen  Bedarf  hin- 
aus Bier,  legte  in  den  Dörfern  neue  Krüge  an,  versorgte  die 
Bauern  bei  ihren  Festen  und  Gelagen,  bei  ihren  Hochzeiten 
und  Kindelbieren  mit  seinen  Brauerzeugnissen  und  beschränkte 
dadurch  das  Absatzgebiet  für  die  Bierproduktion  der  Städte, 


1)  Priebatsch,  S.  35. 

2)  Schmoller  (1884),  S.  1042. 

3)  Vgl.  die  Edikte  von  1563  (C.  C.  M.  V.  II.  1.  Kap.  Sp.  Iff.),  1572 
(C.  C.  M.  V,  n.  1.  Kap.  Sp.  7ff),  1578  (C.  C.  M.  V.  H.  1.  Kap.  Sp.  9ff.), 
1583  (C.  C.  M.  V.  IL  4.  Kap.  Sp.  209 ff.),  1607  (C.  C.  M.  V.  II.  1.  Kap. 
Sp.  11  ff.),  1611  (C.  C.  M.  V.  IL  4.  Kap.  Sp.  217  ff.)  und  1615  (C  C.  M.  V.  II. 
2.  Kap.  Sp.  77  ff.) 


8  Geschichtliche  Studien.  II.  1. 

die  für  sie  in  jener  Zeit  noch  ein  Hauptnahrungszweig  war^). 
Darüber  beklagte  sich  Gardelegen,  die  bedeutendste  Braustadt 
der  Altmark,  ausdrücklich  1560-);  und  seit  dem  Beginn  des 
17.  Jahrhunderts,  von  welcher  Zeit  an  wir  die  Menge  des  jähr- 
lich gebrauten  Bieres  hier  kontrollieren  können,  sehen  wir 
diese  beständig  sinken.  AVährend  man  ]  602  5888  Halbgebräu 
24  seh  und  1604  5476  Halbgebräu  18  seh  erzeugte,  sank  die 
jährliche  Bierproduktion  im  zweiten  Jahrzehnt  des  17.  Jahr- 
hunderts auf  durchschnittlich  4133  Halbgebräu  das  Jahr, 
1621  bis  1623  sogar  auf  3232,  und  —  anscheinend  unter 
dem  Drucke  der  seit  1624  stark  erhöhten  Bierziese  —  1624 
auf  1721,  1625  auf  1838  Halbgebräu  ^j.  Eine  ähnliche  Be- 
obachtung läßt  sich  auch  bei  Stendal  machen,  und  hier  wie 
auch  in  anderen  Städten  treffen  wir  ein  letztes,  die  Existenz- 
bedingungen anderer  städtischer  Gewerbezweige  erschweren- 
des Moment  an:  das  zunehmende  Handwerk  auf  dem  Lande. 
Am  bezeichnendsten  hierfür  ist  die  Erweiterung  des  den 
Stendaler  Schneidern  1563  verliehenen  Privilegs  von  1580. 
Während  ursprünglich  nur  untersagt  wurde,  das  Schneider- 
handwerk in  den  Dörfern,  die  bis  zwei  Meilen  von  der  Stadt 
entfernt  waren,  ohne  Wissen  und  Willen  des  städtischen 
Handwerks  zu  betreiben,  trat  an  Stelle  des  einfachen  Ver- 
botes in  der  Erweiterung  die  Fixierung  einer  hohen  Strafe 
bei  Übertretungen  ^). 

Die  Bürger,  die  diese  ungünstige  Entwicklung  traf,  wehrten 
sich  dagegen  kaum  anders,  als  daß  sie  den  Kurfürsten  immer 
von  neuem  um  den  Erlaß  von  Edikten  gegen  die  „der 
Nahrung   der  Städte   höchst   schädlichen"  Dinge   ersuchten; 


1)  Verbote  des  adeligen  Bierbrauens  über  den  Eigenbedarf  hinaus 
erschienen  seit  Beginn  des  16.  Jahrhunderts:  1513  (C.  C.  M.  VI.  I. 
Sp.  15 f.);  ferner  in  den  Landtagsrezessen  von  1536  (C.C.M.VI.I.Sp.33ff.), 
1538  (C.  C.  M.  VI.  I.  öp.  43  ff.),  1550  (C.  C.  M.  VI.  I.  Sp.  81  ff.)  u.  a.  m. 

2)  B.  G.  St.  Eep.  21.  58.  Eingabe  von  1560  Montags  nach  Estomihi. 

3)  Vgl.  die  Kämmereirechnungen  auf  dem  Gardelegener  Eathaus,  die 
mit  1602  anheben,  in  den  ersten  Jahren  aber  nur  unregelmäßige  An- 
gaben über  die  Bierproduktion  enthalten. 

4)  M.  St.  Eep.  D.  Amt  Tangermünde  (Nachtrag),  Nr.  57. 


n.  1.      K aph ahn,  Die  wirtschaftl.  Folgen  d.  30 jähr.  Krieges  usw.  9 

die  große  Zahl  und  häufige  Wiederholung  solcher  Bitten  zeigt 
aber  deutlich  genug,  wie  wenig  sie  auszurichten  vermochten. 
Die  kühn  vorwärtsdringende  Tatkraft  der  Vorfahren  war  bei 
den  Enkeln  geschwunden  und  an  ihre  Stelle  ein  kleinlicher 
Neid  getreten,  der  sie  in  der  Gewerbepolitik  dazu  verführte, 
die  Arbeitskompetenzen  verwandter  Nahrungszweige  immer 
schärfer  voneinander  abzugrenzen,  wodurch  die  Produkte  bis 
zu  ihrer  Fertigstellung  dauernd  mehr  Hände  passieren  mußten : 
Bestrebungen,  die  aber  nicht  geboren  waren  aus  dem  Ver- 
langen nach  organischer  Vereinfachung  des  Herstellungs- 
prozesses, sondern  diesen  sinnlos  zerschnitten  und  kompli- 
zierten ^).  Ererbten  Reichtum  aber  verbrauchte  man  oft 
genug  in  Luxus  und  Wohlleben  -),  oder  man  begnügte  sich, 
das  Geld  zinsbar  auszuleihen  an  einheimische  oder  fremde 
Bürger,  an  Adelige,  oder  endlich  auch  an  öffentliche  Kassen. 
Zu  dieser  lezteren  Anlage  bot  sich  im  16.  Jahrhundert 
in  Brandenburg,  wie  auch  in  anderen  deutschen  Landen  eine 
besonders  günstige  Gelegenheit.  Es  war  die  Zeit  der  zu- 
nehmenden Festigung  der  Territorialgewalten,  da  in  ihnen 
die  Zentralverwaltung  eine  starke  Erweiterung  erfuhr  und 
das  besoldete  Beamtentum  sich  vermehrte;  es  war  die  Zeit, 
da  das  aufkommende  Söldnerwesen  die  Kriegsführung  ver- 
teuerte und  man  mit  italienischen  Baumeistern  kostspielige 
Festungen  aufführte;  es  war  endlich  die  Zeit,  da  die  Fürsten 
für  ihren  Hofhalt,   der  sich  noch  ganz  in   den  Formen   des 


1)  Schmoller  (1888),  S.  66.  —  Als  Beispiel  kann  die  zweite  Er- 
weiterung des  genannten  Privilegs  der  Stendaler  Schneider  gelten  aus 
dem  Jahre  1598,  in  der  es  den  Altflickern  und  Kürschnern  verboten  wird, 
Pelz  mit  Gewand  oder  Barchent  zu  beziehen,  was  allein  den  Schneidern 
vorbehalten  bleiben  soll. 

2)  Eine  Vorstellung  davon  gibt  eine  kurfürstliche  Verordnung  von 
1551  (C.  C.  M.  V.  I.  1.  Kap.  Sp.  25 ff.),  die  festsetzt,  daß  die  Hoch- 
zeiten nicht  länger  als  drei  Tage  dauern,  daß  am  ersten  Tagemorgens 
und  am  ganzen  dritten  nur  die  Verwandten  und  auswärtigen  Gäste  be- 
köstigt, an  den  beiden  Festtagen  nicht  mehr  als  120  Personen  außer  den 
Kindern  geladen  und  zu  jeder  Mahlzeit  nicht  mehr  als  vier,  am  Braut- 
tage fünf  Gerichte  außer  Butter  und  Käse  geboten  werden  dürfen.  Und 
dabei  war  dies  eine  einschränkende  Bestimmung ! 


10  Geschichtliche  Studien.  n.  1. 

mittelalterlichen  Gefolgsluxus  bewegte,  große  Summen  be- 
nötigten. Die  TerritorialheiTscher  aber,  deren  Einnahmen 
mit  den  Ausgaben  durchaus  nicht  mehr  das  Gleichgewicht 
hielten,  vermochten  nur  ganz  ungenügend  durch  Einführung 
neuer  Abgaben  ihre  Kassen  zu  füllen,  waren  vielmehr  genötigt, 
Schulden  zu  machen  ^). 

Es  kann  nicht  die  Aufgabe  dieser  Arbeit  sein,  das 
brandenburgische  Finanzwesen,  wie  es  sich  im  16.  Jahr- 
hundert entwickelte,  eingehend  zur  Darstellung  zu  bringen. 
Worauf  es  hier  allein  ankommt,  ist  die  Feststellung  der 
ökonomischen  Wirkung,  die  es  in  der  Altmark  hervorbrachte. 

Schon  im  15.  und  beginnenden  16.  Jahrhundert  haben 
brandenburgische  Kurfürsten  bei  in-  und  ausländischen 
Geldhabern  "-)  Kapitalien  aufnehmen  und  ihre  Stände  um 
deren  Abtragung  angehen  müssen.  Seit  den  Tagen 
Joachims  IL  aber  schwollen  diese  Summen  gewaltig  an; 
1540  waren  es  eine  Million  Gulden,  die  Ritterschaft  und 
Städte  übernehmen  sollten.  Sie  wollten  es  tun,  jedoch  nur 
unter  der  Bedingung,  daß  die  Verwaltung  des  Schulden- 
wesens in  ihre  Hände  gelange,  und  —  Joachim  IL  willigte 
darein^).  So  wurde  denn  das  „ständische  Kreditwerk", 
d.  h.  verschiedene  Landschaftskassen  unter  adeliger  und 
Städtekassen  unter  städtischer  Leitung  errichtet,  die  sich 
in  die  landesherrlichen  Schulden  anfangs  in  nicht  festem 
Verhältnis  teilten,  bis  1594  das  vor  1540  übliche  von  -j^, 
die  diese,  und  ^^3,  das  jene  übernahmen,   wieder   eingeführt 


1)  Vgl.  im  allgemeinen  Lamprecht  V,  S.  534,  545;  speziell  für 
Brandenburg:  Schmoller  (1898),  S.  126,  131. 

2)  Über  die  Gläubiger  des  Kurfürsten  sind  wir,  soweit  ich  sehe,  noch 
schlecht  unterrichtet;  daß  aber  beide  Kategorien  in  Frage  kommen,  ver- 
bürgen die  beiden  Tatsachen:  daß  einerseits  der  Landeshauptmann  der 
Uckermark,  Hans  v.  Arnim,  1550  Pfandinhaber  des  vorher  kurfürstlichen 
Klosters  Himmelpfort  war  (Isaacsohn  [1879],  S.  463  Anm.  2)  und  ander- 
seits Joachim  II.  1554  für  ein  großes  Borggeschäft  beim  Hamburger 
Rat  Kredit  fand  (Schmoller  [1884],  S.  1039).  —  Vgl.  auch  S.  25, 
Anm.  1. 

3)  Isaacsohn  (1880),  S.  11. 


II.  1.       Kaphahn,  Die  wirtschaftl.  Folgen  d.  SOjäbr.  Krieges  usw.  11 

wurde  ^).  Die  Stände  unterschrieben  und  besiegelten  auch  die 
Landesschuldscheine,  die  zum  Zwecke  der  Schuldentilgung 
von  ihnen  ausgegeben  und  von  den  Vermögenden  unter  der 
in-  und  ausländischen  Bevölkerung  erworben  wurden  -). 
Der  altmärkische  Adel  verwaltete  dabei  zusammen  mit  dem 
priegnitzischen  eine  Kasse,  ebenso  die  Städte. 

Für  die  altmärkisch -priegnitzische  Städtekasse,  deren 
Schicksal  uns  im  weiteren  beschäftigen  soll,  bildete  die  Ein- 
nahme, von  der  die  Zinsen  für  die  von  den  Einwohnern  über- 
nommenen Obligationen  aufzubringen  waren,  und  deren  Summe 
von  Jahr  zu  Jahr  vermindert  werden  sollte,  anfangs  nur  die 
alte  städtische  Grund-  und  Vermögenssteuer,  der  „Vor-  und 
Pfundschoß "•'^).  In  einer  festen  Summe  sollten  ihn  die 
Städte  jährlich  an  zwei  Terminen,  zu  Ostern  und  zu  Luciä 
einbringen;  da  aber  von  den  landesherrlichen  Schulden,  die 
die  Städtekasse  übernahm,  stets  ein  Teil  an  die  städtischen 
Kämmereien  weitergegeben  wurde,  die  ihn  in  gleicher  Weise 
durch  Ausgabe  von  Obligationen  zu  decken  suchten,  und 
die  Zinsen,  die  sie  dafür  aufzubringen  hatten,  vom  jährlich 
der  Hauptkasse  zu  liefernden  Schoß  abzogen,  so  erreichte 
dieser  nie  die  festgesetzte  Höhe  und  nahm  ab,  je  mehr 
Schulden  von  den  einzelnen  städtischen  Kassen  übernommen 
wurden*).  Bei  den  hohen  Summen  aber,  die  der  gemein- 
same „Städtekasten"  auf  sich  nehmen  mußte  ^),  kam  es  bald 
dahin,  daß  dessen  Einnahmen  nicht  mehr  ausreichten,  die 
fälligen  Zinsen  zu  decken,  geschweige  denn  Kapitalien  ab- 
zulegen.    Da  versuchte  man,  ihm  neue  Einnahmequellen  zu 


1)  Ebenda,  S.  15;  Isaacsohn  (1879),  S.  455,  4(52. 

2)  Krug,  S.  8. 

3)  V.  Eauraer,  S.  330. 

4)  Der  nominelle  Schoß  der  Städte  an  den  Kasten  betrug  1625 
47  027  fl,  die  Abzüge  aber  17  220  fl,  so  daß  die  Kasse  in  Wirklichkeit 
über  nicht  mehr  als  19  807  fl  Schoßeinkünfte  verfügte  —  von  den  Kück- 
ständen  einzelner  Städte  noch  ganz  abgesehen  (Götze,  S.  410). 

5)  Von  1540  bis  1565:  628  630  fl  16  gr  11  ^  1  h;  von  1565  bis 
1599:  485422  fl  1  gr  10  <3.  Vgl.  B.  G.  St.  Rep.  53.  27.  Eingabe  von  1622 
8.  d.;  auch  Götze,  S.  404f. 


12  Geschichtliche  Studien.  II.  I. 

verschaffen  in  Form  von  indirekten  Steuern,  führte  1560 
das  „  Zuschüttel ",  eine  Abgabe  von  3  gr  von  jedem  Halb- 
gebräu Bieres  ein,  1572  den  „Scheffelgroschen",  d.  h.  eine 
solche  von  1  gr  von  jedem  in  den  Städten  vermahlenen 
Scheffel  Korn,  1594  endlich  eine  Erhöhung  des  Biergeldes, 
die  „Zubuße",  die  6  gr  für  das  Halbgebräu  betrug  ^).  Aber 
diese  neuen  Einnahmen  des  Städtekastens  waren  viel  zu 
gering,  als  daß  sie  die  Verhältnisse  hätten  bessern  können. 
Immer  größere  Kapitalien  mußte  er  aufnehmen,  um  allein  die 
jährlichen  Zinsen  bezahlen  zu  können.  1595  belief  sich  die 
verzinsbare  Schuld  der  altmärkisch -priegnitzischen  Städte- 
kasse auf  1  005  600  fl  und  die  Summe,  die  zur  Zahlung  der 
Zinsen  jährlich  geborgt  werden  mußte,  auf  12135  fl  3  gr 
9  '^  1  h  -),  und  im  beginnenden  17.  Jahrhundert  stieg  sie 
dauernd  weiter  an.  Als  dann  die  Zeit  der  Kipper  und 
Wipper  kam  und  die  alte  harte  Münze  außerordentlich  teuer 
Avard,  bemächtigte  sich  der  ängstlichen  Gläubiger  eine  große 
Unruhe,  und  sie  forderten  ihre  Kapitalien  zurück ;  die  Zu- 
versichtlicheren aber  benutzten  die  Gelegenheit,  ihr  Geld 
zu  hohem  Preise  bei  der  Kasse,  die  es  dringend  brauchte, 
anzulegen.  Deren  Schuldensumme  wuchs  unter  diesen  Um- 
ständen in  den  Jahren  1619  bis  1622  noch  rascher  als  bis- 
her und  betrug  1620:  1175  342  fl2  gr  %  1622:  1271216  fl^), 
1624  endlich:  1310154  fl  =  rund  25548  kg  Feinsilber  ^). 
Diese  verhängnisvolle  Entwicklung  bewog  1622  den  Kur- 
fürsten Georg  Wilhelm,  eine  Kommission  unter  dem  Vor- 
sitz  des  Landesoberhauptmanns  der  Altmark,  Thomas  v.  d. 


1)  V.  Eaumer,  S.  332,  Götze,  S.  408. 

2)  B.  G.  St.  Eep.  53.  25. 

3)  Vgl.  die  Rechnung  der  Städtekasse  von  1620  im  Stendaler  Stadt- 
archiv. Spätere  Rechnungen  aus  der  Zeit  vor  dem  Kriege  und  während 
desselben ,  die  G  ö  t  z  e  noch  zur  Verfügung  standen ,  habe  ich  nicht  auf- 
finden können. 

4)  B.  G.  St.  Eep.  53.  26a.  —  Götze,  S.  408. 

5)  B.  G.  St.  Eep.  53.  25.  —  1  thlr  ==  1^  fl  enthält  bei  den  branden- 
burgischen Münzen  des  16.  und  beginnenden  17.  Jahrhunderts  25,987  gr 
Feinsilber.     Vgl.  Bahrfeldt ,  S.  531  f. 


II.  1.       Kaphahn,  Die  wirtschaftl.  Folgen  d.  30jähr.  Krieges  usw.  13 

Knesebeck,  und  des  Kanzlers  Pruckmann  einzusetzen,  die 
das  Schuldenwesen  der  altmärkisch-priegnitzischen  Städte 
untersuchen  und  auf  seine  Besserung  sinnen  sollten.  Von 
1622  bis  1624  war  sie  tätig  und  auf  ihren  Rat  hin  wurden  an 
neuen  Steuern,  die  dem  Städtekasten  zufliefsen  sollten,  ver- 
ordnet: die  Abgabe  von  4  statt  bisher  2  gr  von  jedem 
Scheffel  vermahlenen  Weizens,  die  von  2  thlr  von  jeder 
Branntweinblase,  die  „neue  Zubuße"  (eine  abermals  erhöhte 
Biersteuer),  endhch  eine  Viehsteuer  ^).  Doch  der  Erfolg 
war  ebenso  negativ,  wie  der  aller  früheren  Einnahme- 
steigerungen; es  kam  zu  keiner  Sanierung.  Dazu  hätte  es 
viel  bedeutenderer  Zuflüsse  bedurft!  Die  Untersuchung 
der  Schuldenverhältnisse  der  altmärkisch  -  priegnitzischen 
Städtekasse  führte  allein  dazu,  daß  die  Leute,  die  ihr  Geld 
bisher  in  der  Kasse  angelegt  hatten,  mißtrauisch  wurden, 
daß  sie  den  Kredit  verlor  und,  als  sie  Ende  1623  200000  fl 
aufgekündigter  Kapitalien  zahlen  sollte,  in  Zahlungsunfähig- 
keit geriet  -). 

Und  in  keiner  besseren  Lage  befanden  sich  um  diese  Zeit 
die  Kämmereien,  die  Finanzverwaltungen  der  altmärkischen 
Städte.  Schon  vor  1540  sind  sie  durch  Übernahme  landes- 
herrlicher Verpflichtungen  in  Schulden  geraten;  sie  beliefen 
sich  bei  Stendal  auf  8300  fl,  bei  Salzwedel  auf  21 106  fl  12  gr, 
bei  Gardelegen  auf  12  371  fl  6  gr,  bei  Seehausen  auf  777  fl, 


1)  Die  Abgabe  vom  Scheffel  Weizen  ist  schon  1602  um  1  gr  erhöht 
worden  (Götze,  S.  405).  Wenn  dieser  aber  S.  409  die  „neue  Zubuße" 
auf  3i  thlr  angibt,  so  verwechselt  er  sie  mit  der  ebenfalls  1624  erfolgten 
Erhöhung  des  „neuen  Biergeldes"  von  3^  auf  7  thlr  pro  Gebräu,  das 
aber  der  „Neuen  Biergeld-Kasse",  einem  dritten  Kreditinstitut  neben  den 
Städte-  und  Landschaftskassen,  zufloß  (Isaacsohn  [1880],  S.  28).  Ob 
freilich  die  „neue  Zubuße"  für  den  altmärkisch-priegnitzischen  Städte- 
kasten ebenfalls  12  gr  wie  in  den  brandenburgischen  Landen  rechts  der 
Elbe  betrug  (C.  C.  M.  VI.  I.  Sp.  329  ff.),  läßt  sich  bei  der  mangelnden  Über- 
lieferung mit  Sicherheit  nicht  entscheiden. 

2)  Ebenda,  Bericht  von  1623  Dez.  22.  —  Vgl.  auch  Isaacsohn 
(1880),  S.  27.  —  1623  nahm  die  Kasse  noch  68294  fl  Kapitalien  neu 
auf,  1625  dagegen  nur  1000  fl,  1626:  2000  fl  (Götze,  S.  493). 


14  Geschichtliche  Studien.  II.  1. 

bei  Tangermünde   auf   4920  fl,   bei    Osterburg   auf  1400  fl, 
bei  Werben  endlich  auf  1510  fl  ^). 

Seit  den  40  er  Jahren  des  16.  Jahrhunderts  aber  schwollen 
diese  Summen  infolge  der  Übernahme  eines  Teiles  der  landes- 
herrlichen Schulden  beträchtlich  an.  Zwar  haben  manche 
von  den  Städten  sie  nicht  allein  pünktlich  verzinst,  sondern 
auch  Kapital  abgetragen,  so  daß  die  Zinsen,  die  die  Städte 
für  ihre  eigenen  Schulden  aufzubringen  hatten,  hinter  den 
jährlichen  Abzügen  vom  Schosse  an  die  Städtekasse  zurück- 
blieben. Stendal  zahlte  1553:  2153  fl  11  sh  2  -^,  50  Jahre 
später,  1603:  2393  fl  2  sh  4  A,  wiederum  15  Jahre  später, 
1618:  2623  fl  22  sh  6  4  Zinsen,  und  in  dieser  Höhe  hielt 
sich  die  Summe  hin  bis  zum  Jahre  1625  mit  2643  fl  20  sh 
7  A-  Vom  jährlichen  Schoß  aber  zog  Stendal  um  dieselbe 
Zeit  3418  fl  14  sh  3  -^  ab  -).  In  Gardelegen  gar,  dessen 
Abzüge  sich  auf  1949  fl  15  sh  4  ^  beliefen,  betrug  die  Zins- 
summe 1602  nur  486  fl  19  sh  4  -^  und  sie  nahm  in  der 
folgenden  Zeit  noch  ab,  um  1614  den  niedrigsten  Stand  von 
287  fl  14  sh  zu  erreichen.  In  einem  weiteren  Jahrzehnt  aber 
ist  der  Rat,  namentlich  durch  den  Erwerb  einer  Wasser- 
mühle, genötigt  worden,  neue  Kapitalien  aufzunehmen,  so 
daß  seine  jährlichen  Zinsverpflichtungen  wieder  anstiegen 
und  sich  1625  auf  1012  fl  5  sh  4  '^  stellten  %  Und  auch 
Tangermünde  hatte  zu  Beginn  des  zweiten  Jahrzehnts  des 
17.  Jahrhunderts  eine  kleinere  Summe  zu  verzinsen,  als  die 
betrug,  welche  es  an  kurfürstlichen  Schulden  übernommen  hatte. 
Im  Jahre  1611  standen  898  fl  6  sh  2  -^  jährlich  zu  zahlender 
Zinsen,  1677  fl  2  sh  ordentlichen  Abzügen  gegenüber^).  Seit 
dem  Jahre  1617  aber,  in  dem  die  Stadt  durch  einen  großen 
Brand  heimgesucht  wurde  und  die  bürgerlichen  Steuern  eine 
starke  Abnahme  erfuhren,  mußte  der  Rat  von  neuem  Schulden 


1)  Götze,  S.  401. 

2)  Ebenda,    und    in   den   Kämmereirechnungen   im  Stendaler   Stadt- 
archiv. 

3)  "Vgl.   die    Kämmereirechnungen    der    Stadt    aus    den    betreffenden 
Jahren  auf  dem  Gardelegener  Eathaus. 

4)  22.  Jahresbericht,  Heft  1,  S.  14,  18. 


U.  1.      Kaphahn,  Die  wirtschaftl.  Folgen  d.  30 jähr.  Krieges  usw.  15 

machen,  und  dadurch  kam  es,  daß  er  1620:  1112fl  12  sh 
3  4,  1621:  1239  fl  20  sh  2  ^,  1622:  1357  fl  14  sh  3  A, 
1623:  1449  fl  14  sh  2  A,  1624:  1459  fl  14  sh  3  4  Zinsen 
zu  zahlen  hatte  ^).  SchHmmer  noch  lagen  die  Verhältnisse 
in  Seehausen.  Hier  waren  schon  1609  die  Zinsen  auf  jähr- 
lich 2402  fl  23  sh  8  -??  aufgelaufen,  die  zwar  bis  1620  auf 
2222  fl  13  sh  7  4  zurückgingen,  die  Abzüge  von  1568  fl  10  sh 
aber  weit  übertrafen  -).  Die  absoluten  Schuldensummen,  die 
diesen,  in  den  auf  uns  gekommenen  Kämmereirechnungen 
allein  angegebenen  Zinsen  entsprachen,  beliefen  sich  gegen 
Beginn  des  30jährigen  Krieges,  da  der  Zinsfuß  zwischen 
5  und  6  \  schwankte ,  wir  also  durchschnittlich  5i  %  an- 
nehmen können^): 

bei  Stendal  auf  etwa  48  078  fl 

„  Tangermünde  „  „     26  538  „ 

„  Gardelegen  „  „     18  404  „ 

„  Seehausen  „  „     40  417  „ 

„  Osterburg  „  13  920  „^) 

„  Werben  „  15  000  „  '") 

„  Altsalz wedel  „  61  958  „  ^). 

Sämtliche  altmärkische  Städte  —  mit  Ausnahme  Neusalz- 
wedels —  hatten  infolge  dessen  eine  Schuldenlast  von  etwa 
225  000  fl  =  rund  4387i  kg  Feinsilber  zu  tragen. 


1)  Nach  Abschriften  der  Kämmereirechnungen  dieser  Jahre  durch 
Herrn  Oberpfarrer  Zahn -Tangermünde  (f). 

2)  Im  Seehausener  Stadtarchiv  haben  sich  Kämmereirechnungen  nur 
aus  diesen  beiden  Jahren  vor  dem  Kriege  gefunden. 

3)  Vgl.  22.  Jahresbericht,  Heft  1,  S.  4—6. 

4)  Diese  Summe  gibt  die  Stadt  in  einer  undatierten  Eingabe  an  den 
Kurfürsten  an,  deren  Terminus  post  quem  sieh  jedoch  auf  1596  bestimmen 
läßt.    B.  G.  St.  Rep.  21.  110^. 

5)  Angabe  in  einer  Eingabe  von  1632  Mai  12.  B.  G.  St,  Rep.  21. 
175 a.  Daß  es  sich  nicht  um  Schulden  handeln  kann,  die  im  Kriege  ge- 
macht worden  sind,  wird  sich  später  zeigen. 

6)  Diese  Summe  gibt  die  Stadt  für  das  Jahr  1614  an.  B.  G.  St. 
Rep.  53.  26».'  —  Die  jährlich  zu  zahlende  Zinssumme  von  3464  fi  beweist 
gleichzeitig,  daß  annähernd  5^  7o  ^^^h  hier  der  durchschnittliche  Zinsfuß 


16  Geschichtliche  Studien.  11. 1. 

Für  die  drückende  finanzielle  Lage,  in  der  sich  die  Städte 
vor. dem  Kriege  befanden,  spricht  auch  weiterhin  der  Um- 
stand, daß  manche  selbst  durch  Aufnahme  neuer  Schulden 
nicht  imstande  waren,  den  jährlich  an  die  Städtekasse  ab- 
zuliefernden Schoß  aufzubringen,  so  daß  sie  damit  in  Rück- 
stand blieben.  Die  Retardaten  der  altmärkischen  Städte 
Salzwedel,  Tangermünde,  Werben  und  Seehausen  betrugen 
1622  zusammen  mit  denen  der  priegnitzischen  Pritzwalk, 
Kvritz,  Havelberg  und  Lenzen  123  525  fl  13  gr  6  A  Der 
Kurfürst  erließ  ihnen  diese  unter  der  Bedingung,  daß  sie  in  den 
kommenden  Jahren  nicht  im  Rückstand  bleiben  würden  ^); 
doch  das  Gegenteil  trat  ein,  die  Summe  der  Retardaten  nahm 
in  der  folgenden  Zeit  zu.  Und  dies  aus  begreiflichen  Grün- 
den; denn  die  erste  Hälfte  des  Jahres  1622  bedeutet  den  Höhe- 
punkt jener  Erscheinung  in  der  deutschen  Münzgeschichte, 
das  man  das  Kipper-  und  Wippertum  zu  nennen  pflegt  und 
das  sich  in  einer  außerordentlichen  Verschlechterung  des 
Feingehaltes  der  Scheidemünzen  und  einer  entsprechenden 
Verteuerung  der  alten,  guten  Münze  äußerte.  Die  Er- 
scheinung war  einerseits  begründet  durch  das  Ansteigen  des 
Marktpreises  des  Silbers  infolge  der  Abnahme  der  deutschen 
Edelmetallproduktion  seit  der  zweiten  Hälfte  des  16.  Jahr- 
hunderts -),  sodann  aber  in  der  durch  ihre  Finanznot  verur- 
sachten Münzpolitik  der  deutschen  Fürsten,  die  ihre  Ein- 
nahmen zu  vergrößern  suchten,  indem  sie  neue  Münzstätten 
errichteten,  diese  verpachteten,  den  Pächtern  aber,  um  von 
ihnen  einen  möglichst  hohen  Schlagsatz  zu  erlangen,  zuHeßen, 
daß  sie  den  Feingehalt  der  Scheidemünzen  zimehmend  ver- 
ringerten 3).  So  stieg  der  Zahlwert  des  alten  Reichstalers 
gegenüber  seinem,  seit  dem  kaiserlichen  Münzedikt  von  1559 
festgelegten  Nominalwert  von  24  gr  schon  zu  Ende  des  16. 


war.  —  Von   Neusalzwedel  habe  ich   leider   keine  Schuldenangaben 
finden  können. 

1)  B.  G.  St.  Rep.  53.  26  a. 

2)  Eitter,  S.  461. 

3)  Opel,  S.  218ff. 


IL  1.      Kaphahn,  Die  wirtschaftl.  Folgen d.  30 jähr.  Krieges  usw.  1 7 

und  zu  Beginn  des  17.  Jahrhunderts  langsam  an.  In  der 
Altmark  zahlte  man  für  ihn  1599:  24  gr  4  A,  1605:  26  gr, 
1608:  28  gr  Scheidemünze.  Als  die  Bevölkerung  aber  sah, 
wie  die  Münzpächter  immer  reicher  wurden,  geriet  sie  in 
einen  solchen  Geldtaumel,  daß  fortwährend  mehr  Private 
Geld  prägten  und  der  eine  schlechteres  als  der  andere.  Der 
Wert  des  Reichstalers  stieg  unter  diesen  Umständen  rapid : 
1616:  auf  30  gr,  1619:  auf  36  bis  40  gr,  1620  Januar:  auf  2  fl, 
1620  September:  auf  2  fl  14  gr,  1621  Januar:  auf  3  fl,  Ende 
Juni :  auf  5  fl,  1622  Januar:  gar  auf  9  bis  10  fl  Scheidemünze  ^). 
Trotz  kurfürstlicher  Dekrete  gegen  die  Kipper-  und  Wipperei 
war  die  Entwicklung  anfangs  nicht  aufzuhalten  gewesen; 
erst  als  aus  ihr  ernstliche  Handelsstörungen  erwuchsen,  als 
Bauern  und  Adelige  sich  weigerten,  für  das  minderwertige 
Geld,  das  Bäcker  und  Fleischer  von  ihren  Kunden  erhielten, 
ihnen  Vieh  und  Getreide  zu  liefern  -),  erst  als  die  erbitterten 
Bürger  die  Häuser  der  Falschmünzer  stürmten  °),  traten  mit 
Pfingsten  1622  wieder  geordnetere  Verhältnisse  ein.  Das 
von  der  kurfürstlichen  Regierung  festgelegte  Wertverhältnis 
der  alten,  guten  Münzen  zu  den  leichten,  neuen  begann  von 
Gewerbe-  und  Handeltreibenden  respektiert  zu  werden,  und 
das  tägliche  Wirtschaftsleben  lenkte  wieder  in  die  gewohnten 
Bahnen  ein  ^). 

Welches  war  nun  das  Ergebnis  dieser  Münzwirren  für 
die  öfientlichen  Kassen?  Indem  sie  von  den  Bürgern  die 
Abgaben  in  Form  des  minderwertigen  Geldes  erhielten,  mit 
dem  sich  ihre  Gläubiger  nicht  abfinden   ließen,   mußten   sie 


1)  Götze,  S.  409. 

2)  Vgl.  das  kurfürstliche  Edikt  von  1622  März  3.  (C.  C.  M.  IV.  I. 
5.  Kap.  Sp.  1199  ff.) 

3)  So  zogen  z.  B.  in  Salzwedel  die  Bürger  vor  die  Wohnungen  dreier 
der  Kipperei  verdächtiger  Personen,  zerschlugen  die  Fenster,  drangen  in 
die  Behausungen  ein,  raubten,  was  an  Korn,  Hering,  Stockfisch,  Flachs, 
Kleidern  und  Fleisch  vorhanden  war  und  zerstörten  die  Geräte.  B.  G.  St. 
Eep.  21.  156.  Eingabe  von  1622  Febr.  10.  —  In  anderen  Städten  kam  es 
zu  ähnlichen  Ereignissen. 

4)  C.  C.  M.  IV.  I.  5.  Kap.  Sp.  1203  ff.     Edikt  vom  Neujahrstag  1623. 

Geschichtliche  Studien.     IT.  1.  o 


18  Geschichtliche  Studien.  II.  1. 

zu  teuerem  Preise  desto  größere  Anleihen  machen,  um  nicht 
allein  die  fälligen  Zinsen  zu  berichtigen,  sondern  auch  die 
vielen  aufgekündigten  Kapitalien  zurückzuzahlen.  Wir  sahen 
schon,  wie  sowohl  die  Schulden  der  altmärkisch-priegnitzi- 
schen  Städtekasse,  als  auch  die  der  städtischen  Kämmereien 
zu  Beginn  der  20er  Jahre  stark  anstiegen.  Oft  konnten 
diese  letzteren  die  wachsenden  Ausgaben  auch  durch  Auf- 
nahme neuer  Kapitalien  nicht  decken  und  dadurch  ent- 
standen die  erwähnten  Retardaten  der  einzelnen  Städte  beim 
Kasten.  — 

So  war  denn  zur  Zeit,  da  die  Wogen  des  Krieges  auch 
die  Altmark  zu  berühren  begannen,  ein  bedeutendes  Kapital 
altmärkischer  Bürger,  Bürgerswitwen  und  -Waisen  bei  den 
öfi'entlichen  Kassen  in  zinsbaren,  kündbaren  und  unkünd- 
baren Darlehen  angelegt.     Beim  Städtekasten  hatten   1620: 

Stendaler:  123  498t  fl 

Salz  wedeler:  47  9661 

Gardelegener :  411371 

Tangermünder:  59066t 

Seehausener:  17  866t 

Osterburger :  1 4  000 

Werbener:  1 333i 


zusammen  also:  304  8691  fl 

stehen  ^);  und  hierzu  kamen  ihre  Posten  bei  den  Kämmereien. 
Leider  kennen  wir  diese  nur  von  Tangermünde  im  Jahre 
1611,  wo  der  Stadt,  bei  ca.  16  332  fl  Gesamtschulden,  alt- 
märkische Bürger  ca.  8300  fl  geliehen  hatten  -).  Wenn  wir 
für  die  übrigen  Städte  annehmen  dürfen,  daß  auch  sie  mit 
reichlich  der  Hälfte  ihrer  Schulden  städtischen  Gläubigern 
verhaftet  waren,  so  wird  das  Kapital,  das  diese  gegen  Kriegs- 
beginn in  Darlehen  an  die  Städtekasse  und  die  Kämmereien 
investiert  hatten,  kaum  weniger  als  420  000  bis  430 000 fl 


1)  Vgl.  die  Eechnung  der  altmärkisch-priegnitzischen  Städtekasse  von 
1620  im  Stendaler  Eatsarchiv. 

2)  22.  Jahresbericht,  1.  Heft  S.  14f. 


II.  1.       Kaphahn,  Die  Wirtschaft!.  Folgen  d.  30jähr.  Krieges  usw.  19 

oder  rund  8190  bis  8390  kg  Feinsilber  betragen 
haben.  Sehen  wir  diese  Tatsache  von  seiten  der  Bürger 
an,  so  sollte  es  scheinen,  daß  sie  die  Behauptung  vom  wirt- 
schaftlichen Rückgang  der  Städte,  wie  er  schon  im  16.  Jahr- 
hundert eingetreten  sei,  widerlege,  indem  sie  erkennen  lasse, 
daß  der  bürgerliche  Reichtum  zu  Beginn  des  Krieges  doch 
ein  ganz  beträchtlicher  war. 

Zur  Aufhellung  dieses  scheinbaren  Widerspruchs  müssen 
wir  über  die  Natur  dieses  Besitzes  der  Bürger  zur  Klarheit 
kommen.  Er  bestand  in  Forderungsrechten  an  die  öffent- 
lichen Kassen  für  Kapitalien,  die  sie  ihnen  geliehen  hatten  — 
aber  ihnen  entsprachen  keine  realisierbaren  Werte,  da  sie 
nicht  wirtschaftlich  produktiv  angelegt,  sondern  lediglich  zur 
Tilgung  landesherrlicher  Schulden  verwendet  worden  waren. 
Somit  standen  diese  Summen  nur  auf  dem  Papiere,  und  ihre 
Zunahme  war  darum  durchaus  kein  Anzeichen  für  einen  ent- 
sprechenden Zuwachs  an  realen  Wirtschaftsgütern,  an  fest- 
gegründetem Wohlstand  im  Lande;  im  Gegenteil,  die  Ent- 
wicklung der  öffentlichen  Kassen  im  16.  und  beginnenden 
17.  Jahrhundert  hat  ebenso  wie  der  zvmehmende  Fremden- 
handel nicht  zu  einer  Vermehrung,  sondern,  soweit  es  aus- 
ländische Gläubiger  zu  befriedigen  galt,  vielmehr  zu  einer 
Verminderung  des  flüssigen  Kapitals  in  der  Altmark  bei- 
getragen 1).  Der  täuschende  Kreditbau  aber  mußte  zusammen- 
brechen in  dem  Moment,  da  die  Quellen  für  die  Bezahlung 
der  Zinsen  und  aufgekündigten  Summen  versiegten,  d.  h., 
als  die  Einnahmen  aus  den  Steuern  stark  zurückgingen  und 
die  Aufnahme  neuer  Schulden  unmöglich  wurde.  Dies  aber 
bewirkte  der  Krieg.  — 

In  einer  ganz  anderen  Lage  befand  sich  um  dieselbe 
Zeit   die    altmärkisch  -  priegnitzische  Landschaftskasse.     Aus 


1)  Es  stellt  zu  vermuten,  daß  ähnlicher  Natur  auch  ein  Teil  des 
Besitzes  der  Augsburgischen  Bürger  war,  der  bis  zum  Kriegsbeginn  hin 
zunahm;  jedenfalls  bedarf  die  Untersuchung  von  Härtung  einer  er- 
gänzenden Mitteilung  über  das  Wesen  der  „leicht  und  an  vielen  Orten 
zu  verwundenden  Unternehmungen   der  Eeichen"  (S.  1288). 

2* 


20  Geschichtliche  Studien.  IL  1. 

einer  „notwendigen  und  gewissen  Nachrichtigung,  weicher- 
maßen beider  Landschaft  Altmark  und  Priegnitz  Schulden- 
wesen stehen",  vom  Jahre  1599  erfahren  wir,  daß  die  Kasse 
1572  bis  1599  553  6645  thlr  Schulden  übernommen  und  bis 
1599  532  279  thlr  wieder  abgetragen  hatte,  so  daß  sie  in 
diesem  Jahre  eine  Schuldenlast  von  nur  21  3855  thlr  be- 
schwerte ^).  Über  ihre  weiteren  Schicksale  gibt  uns  dann 
das  „neue  Schuldenbuch  der  altmärkisch  -  priegnitzischen 
Ritterschaft"  seit  1602  Auskunft  -).  Es  ist  hier  nicht  der 
Ort,  sämtliche  Schulden  aufzuzählen,  die  die  Kasse  in  den 
folgenden  Jahren  auf  sich  genommen  hat;  nur  ein  bedeut- 
sames Moment  ist  hervorzuheben.  1614  ging  Kurfürst  Johann 
Sigismund  die  altmärkisch-priegnitzische  und  mittelmärkische 
Ritterschaft  darum  an,  210  000  thlr  seiner  dänischen  Schulden 
zu  übernehmen,  wofür  er  ihnen  die  vier  altmärkischen  Amter 
Arendsee,  Diesdorf,  Neuendorf  und  Salzwedel  verpfänden 
wollte.  Sie  gingen  darauf  ein,  und  die  altmärkisch-prieg- 
nitzische Landschaftskasse  brauchte  ihren  Kredit  bei  fremden 
Geldleuten  gar  nicht  stark  in  Anspruch  zu  nehmen,  da  sie 
einen  Metallvorrat  angesammelt  hatte,  den  sie  nun  produktiv 
in  den  Amtern  anzulegen  hoifte.  Aber  auch  die  Gelder, 
die  sie  zur  kurfürstlichen  Schuldentilgung  borgte,  hat  sie 
wie  alle  späteren  bis  1623  rasch  wieder  abgezahlt,  so  daß  sie 
im  Gegensatz  zur  Städtekasse  zu  Beginn  der  kriegerischen 
Wirren  völlig  schuldenfrei  war. 

Diese  Tatsache  ist  einmal  darin  begründet,  daß  die 
Kasse  stets  mit  einer  geringeren,  meist  nur  halb  so  großen 
Summe  kurfürstlicher  Verpflichtungen  wie  der  Städtekasten, 
belastet  wurde  ^),  zum  andern  aber,  daß  ihre  Einnahmen 
bessere  waren.  Sie  bestanden  zum  größten  Teil  aus  bäuer- 
lichen Abgaben: 

1.  einer   Vermögenssteuer    auf   Grund    und   Boden    und 
Vieh.    Li  der  Altmark  betrug  sie  um  die  Mitte  des  1 6.  Jahr- 


1)  B.  G.  St.  Eep.  53.  14  i. 

2)  Ebenda. 

3)  Vgl.  S.  10. 


n.  1.      K  aphahn ,  Die  wirtschaftl.  Folgen  d.  30jähr.  Krieges  usw.  21 

himderts  von  je  48  fl  Immobiliarwert  1  fl,  von  jedem  Pferde 
3i  sh,  von  jedem  Füllen  3  dr  (Drillinge),  von  jedem  Ochsen 
2i  sh,  von  jedem  Rind  und  jeder  Kuh  1  sh  3  dr,  von  jedem 
Schaf  oder  Schwein  und  jedem  Stock  Bienen  3  dr  ^). 

2.  dem  Hufenschoß,  den  schon  im  15.  Jahrhundert  die 
Ritterschaft  zur  Abtragung  kurfürstlicher  Schulden  auf  eine 
bestimmte  Zeit  als  Steuer  von  den  Bauern  zu  erheben  be- 
willigte, welches  Recht  sie  auch  noch  zäh  behauptete,  als 
er  seit  1534  eine  ständige  Abgabe  wurde  und  jährlich  8  gr 
von  jeder  Hufe,  jedem  Kossät,  Gärtner,  Müller,  Fischer, 
Schmied  und  Schäfer  betrug  -). 

Ein  gleiches  Schicksal  hatte  der  dritte  Bestandteil  der 
landschaftlichen  Einnahmen : 

3.  der  Giebelschoß,  der  seit  1550  eingeführt  1  fl  für 
jeden  Hüfner  und  V2  fl  für  jeden  Kossäten  betrug,  und  der 
anfangs  auf  14  Jahre  verwilligt,  bald  zu  einer  ständigen 
Einnahme  wurde  ^). 

Seit  1550  mußte  auch  der  Adel,  der  im  Bedevertrag 
von  1283  völlige  Steuerfreiheit  errungen  hatte,  das  Roß- 
dienstgeld ,  d.  h.  jährlich  20  fl  von  jedem  seiner  Pferde 
geben.  Und  er  konnte  sie  leisten !  Denn  ganz  im  Gegen- 
satz zu  den  Städten  bewegte  er  sich  im  16.  Jahrhundert 
wirtschaftlich  auf  einer  stark  aufsteigenden  Linie:  es  war 
die  Zeit,  da  in  den  brandenburgischen  Landen  die  adelige 
Gutswirtschaft  immer  größere  Ausdehnung  gewann. 

Dm-ch  das  eindringende  Söldnerwesen  war  der  Adel  im 
14.  und  15.  Jahrhundert  je  länger  je  mehr  seiner  alten  Be- 
schäftigung, des  Heeresdienstes,  beraubt  worden.  Er  mußte 
sich  eine  neue  suchen,  und,  indem  er  auf  sein  ländliches 
Gut  ging,  wurde  er  Landwirt,  Junker.  Was  er  hier  vor- 
fand,   waren  freilich  nur  relativ  kleine  Gebiete,  die  ihm  zu 


1)  V.  Kaum  er,  S.  329. 

2)  Auf  dem  Landtag  von  1472  (C.  C.  M.  VI.  I.  Sp.  9fF.)  wurde  er 
auf  4  Jahre,  1524  (C.  C.  M.  VI.  I.  Sp.  15 ff.)  auf  8,  1534  (C.  C.  M.  IV.  III. 
1.  Kap.  Sp.lff.)  wiederum  auf  8  Jahre  verwilligt;  1550  (C.  C.  M.  VI.  I. 
Sp.  81  ff.)  erscheint  er  aber  schon  als  dauernde  Abgabe. 

3)  C.  C.  M.  VI.  I.  Sp.  87  ff. 


22  Geschichtliche  Studien.  II.  I. 

eigen  gehörten,  und  wollte  er  nicht  der  Verarmung  verfallen, 
so  mußte  er  auf  Erweiterung  seines  Besitzes  denken.  Mit 
wirklichem  Erfolge  konnte  er  diese  aber  nur  auf  Kosten  des 
Bauernlandes  betreiben  ^),  und  so  ließ  er  sich  denn  von 
seinem  Landesherrn  das  Recht  verleihen,  zur  Vergrößerung 
seiner  Rittersitze  einen  Bauern  auskaufen  und  einen  in  dieser 
Beziehung  unwillf ährlichen  gegen  Bezahlung  seines  Hofes 
von  diesem  entfernen  zu  können.  Im  Landtagsrezeß  von 
1540  wurde  von  diesem  Rechte  schon  als  von  einem  „alten" 
gesprochen  -);  in  späterer  Zeit  erhielt  es  der  Adel  neu  bestätigt, 
so  1593  imd  1602  •^).  Zu  Beginn  des  17.  Jahrhunderts  aber 
wurde  das  „Bauernlegen"  von  einigen  altmärkischen  Junkern 
so  stark  betrieben,  daß  die  zu  Seehausen  versammelte  ge- 
samte Landschaft  am  3.  Juni  1606  dagegen  Einspruch  erhob*): 
das  Recht  des  Auskaufs  sei  nicht  allein  zur  Erweiterung 
ihrer  Rittersitze,  sondern  auch  zu  der  Witwen  Leibgedingen 
und  zur  Errichtung  von  Meiereien,  Schäfereien  und  Vor- 
werken benutzt  worden.  Dies  sei  aber  unmöglich  die  Mei- 
nung des  Kurfürsten  gewesen,  als  er  es  dem  Adel  verlieh, 
vor  allem  nicht,  daß  von  den  eingezogenen  Hufen  keine 
Steuern  bezahlt  würden;  wer  dies  wünsche,  solle  sich  bei 
den  Verordneten  der  Landschaft  melden  und  mit  einer  Summe 
Geldes  für  immer  abfinden.  1615  nahm  sich  dann  auch 
der  Kurfürst  der  Bauern  an  und  verbot  das  fernere  Bauern- 
legen, ohne  jedoch  an  den  einmal  eingetretenen  Verhältnissen 
etwas  zu  ändern  ^). 

So  blieb  dem  Adel  der  erreichte  Vorteil  eines  erweiterten 
Wirtschaftbetriebes  und  einer  weit  über  den  eigenen  Bedarf 
hinausgehenden  Produktion,  so  daß  er  an  einen  Export  außer 
Landes  in  größerem  Umfange  denken  konnte.   Daran  hinderte 


1)  Naude  (1901),  S.  25.  —  Daneben  nahm  der  Adel  auch  Land, 
das  bisher  wüst  gelegen  oder  als  Wald  und  Weide  genutzt  worden  war, 
unter  den  Pflug. 

2)  C.  C.  M.  VI.  I.  Sp.  59fF.  —  Vgl.  auch  Großmann,  S.  15. 

3)  C.  C.  M.  VI.  I.  Sp.  131  ff.,  151  ff. 

4)  B.  G.  St.  Rep.  53.  U^. 

5)  C.  C.  M.  VI.  I.  Sp.  2G3ff. 


II.  1.      Kaphahn,  Die  wirtschaftl.  Folgen  d.  30 jähr,  Krieges  usw.  23 

ihn  freilich  anfangs  das  alte  städtische  Bann-  und  Meilen- 
recht, d.  h.  das  Gebot,  daß  alle  Produkte  des  platten  Landes 
in  einem  bestimmten  Umkreis  von  der  Stadt  auf  deren 
Markt  gebracht  werden  sollten.  Früh  jedoch  hat  er  sich 
von  diesem  Zwange  zu  befreien  gewußt.  Schon  1527  wurde 
ihm  gestattet,  die  Eigenerzeugnisse  und  die  Pachteinnahmen 
von  den  untertänigen  Bauern  zollfrei  außer  Landes  und 
Fisch,  Wein,  Bier  und  Fleisch  zu  seiner  Notdurft  zollfrei 
ins  Land  hereinzuführen,  und  dieses  Recht  hat  er  sich  in  den 
30  er  Jahren  immer  neu  bestätigen  lassen  ^).  Noch  aber 
mußte  er,  was  das  Getreide  anbetrifft,  sich  dem  kurfürst- 
lichen Ausfuhrverbot  fügen  und  zu  einer  Zeit,  da  der  Absatz 
nach  auswärts  besonders  lohnend  erschien,  es  auf  den  städti- 
schen Markt  mit  seiner  niedrigeren  Preistaxe  bringen.  Doch 
auch  dieser  Fessel  wußte  er  sich  zu  entledigen.  Auf  dem 
Landtage  von  1540  setzte  er  die  Bestimmung  durch,  daß 
er  auch  zu  Teuerungszeiten  sein  Getreide  exportieren  dürfe, 
und  nur  bei  allerhöchster  Not  im  Lande  und  auf  ausdrück- 
lichen kurfürstlichen  Befehl  hin  blieb  es  ihm  untersagt.  1563 
und  1583  ward  diese  Verordnung  erneuert"-). 

Trotzdem  der  gesamte  märkische,  und  damit  auch  der 
altmärkische  Adel  seit  dem  5.  Jahrzehnt  des  16.  Jahrhunderts 
das  Recht  eines  fast  völlig  ungehinderten  Exportes  seiner 
Erzeugnisse  genoß,  zu  denen  außer  Getreide  namentlich  noch 
Wolle,  aber  auch  Vieh  und  Holz  kam,  so  hatte  er  doch 
damit  nicht  genug.  Schon  1536  ertönten  von  den  Städten 
Klagen,  daß  er  kaufe,  um  mit  Gewinn  wieder  zu  verkaufen, 
und  sie  wiederholten  sich  trotz  des  strengsten,  kurfürstlichen 
Verbotes  adeliger  Kaufmannschaft  ^). 

1)  C.  C.  M.  YI.  I.  Sp.  17fF.:  1527;  Neubestätigung  1534  (C.  C.  M. 
VI.  I.  Sp.  25 ff.);  1535  (C.  C.  M.  V.  II.  2.  Kap.  Sp.  71  ff.);  1536  (C.  C.  M. 
VI.  I.  Sp.  33fiF.);  1538  (C.  C.  M.  VI.  I.  Sp.  43  ff.). 

2)  C.  C.  M.  VI.  I.  Sp.  59ff.:  1540;  Erneuerung  1563  (C.  C.  M.  IV.  I. 
1.  Kap.  Sp.  3ff.);  1583  (C.  C.  M.  V.  II.  4.  Kap.  Sp.  209ff.). 

3)  Kurfürstliche  Verbote  adeliger  Kaufmannschaft:  1536  (C.  C.  M. 
VI.  I.  Sp.  33 ff.);  1549  (C.  C.  M.  IV.  IV.  Sp.  11  ff.):  1572  (C.  C.  M.  V.  II. 
1.  Kap.  Sp.  7 ff.);  1578  (C.  C.  M.  V.  II.  1.  Kap.  Sp.  9 ff.);  1583  (C.  C.  M. 
V.  IL  4.  Kap.  Sp.  209 ff.);  1607  (C.  C.  M.  V.  II.  1.  Kap.  Sp.  11  ff.). 


24  Geschichtliche  Studien.  II.  1. 

Durch  den  1569  von  Kurfürst  Joachim  IL  eingeführten 
neuen  Kornzoll  ^),  der  auch  die  Adeligen  traf,  ist  der  eigene 
Export  ihres  Getreides  zurückgegangen.  Zwar  gelang  es  der 
märkischen  Ritterschaft  1572  noch,  ihn,  soweit  er  als 
Land- („Achsen"-) zoll  erhoben  wurde,  durch  eine  Pauschal- 
summe von  jährlich  8000  thlr,  zu  der  die  Altmärker  2200  thlr 
beitrugen,  auf  5  Jahre  abzulösen  -);  als  aber  der  Kurfürst 
Johann  Georg  sich  1578  auf  die  Erneuerung  dieses  Ab- 
kommens nicht  einließ,  und  den  Adel  zur  Erlegung  des 
Zolles  zwangt),  hinderte  er  es  nicht,  daß  die  Ausfuhr  des 
Getreides  und  zunehmend  auch  die  seiner  übrigen  Erzeug- 
nisse in  Hände  fremder,  namentlich  Hamburger  Kaufleute 
glitt  ^). 

Die  notwendige  Folgeerscheinung  dieses  wirtschaftlichen 
Aufschwungs  des  Adels  im  16.  Jahrhundert  war,  daß  sein 
Reichtum  zunahm.  Dies  zeigt  sich  nicht  allein  daran,  daß 
die  ersten  Geschlechter  der  Altmark  ihre  Söhne  auf  weite 
Reisen  nach  Itahen,  Frankreich,  England  und  Holland 
schickten,  wie  wir  sie  von  den  v.  d.  Knesebecks  ^)  und  den 
V.  Bismarcks  *")  aus  dem  beginnenden  17.  Jahrhundert  kennen, 
sondern  auch  an  den  Posten,  die  die  märkischen  Adeligen 
bei  der  altmärkisch-priegnitzischen  Städtekasse  stehen  hatten. 
Sie  betrugen  1620:  407  079i  thlr  =  542  7721  fl  =  rund 
10  584  kg  Feinsilber");  1622:  412  901t  thlr  =  550  535i  fl 
=  rund  10  735  kg  Feinsilber*);  unter  den  vornehmsten 
Gläubigern  aber  befanden  sich  1620  Georg  v.  d.  Schulen- 
burg mit  57  800  thlr,  Thomas  v.  d.  Knesebeck  mit  40  250  thlr, 


1)  C.  C.  M.  lY.  I.  1.  Kap.  Sp.  463  ff. 

2)  C.  C.  M.  VI.  L  Sp.  115  ff. 

3)  C.  C.  M.  IV.  I.  1.  Kap.  Sp.  11  ff. 

4)  Xaude  (1901),  S.  42 f. 

5)  18.  Jahresbericht,  S.  35,  47. 

6)  ilarcks,  S.  6. 

7)  Nach  der  Rechnung  des  Städtekastens  v.  J.  1620  im  Stendaler 
Katsarchiv.  Dabei  waren  die  a  1 1 märkischen  Adeligen  nicht  auszusondern, 
da  bei  den  einzelnen  ihr  Wohnsitz  nicht  angegeben  ist. 

8)  Nach  einem  Bericht  des  Vorstehers  des  Städtekastens  an  den 
Kurfürsten  von  1622  Juni  10.     B.  G.  St.  Eep.  53.  26a. 


II.  1.      Kaphahn,  Die  wirtschaftl.  Folgen  d.  30 jähr.  Krieges  usw.  25 

Philipp  V.  Quitzow  mit  34  000  thlr,  Joachim  Werner  v.  Alvens- 
leben  mit  28  525  thh-,  endlich  Barten  von  Bartenslebens 
Erben  mit  27  500  thlr  ^).  Da  sie  ihr  Geld  aber  gerade  bei 
der  Städtekasse  anlegten,  hinter  der,  wie  wir  sahen,  keine 
wirtschaftlich  produktiven  Güter  standen,  war  auch  ihr  Reich- 
tum auf  tönerne  Füße  gebaut  und  ging  zu  einem  großen 
Teile  unter  bei  dem  Bankerott,  der  im  Kriege  über  die  Kasse 
hereinbrach. 

Neben  diesen  Forderungsrechten  an  die  öffentlichen 
Kassen  besaßen  vermögende  Adelige  auch  solche  an  Standes- 
genossen, die  nicht  nur  durch  Auskauf  von  Bauern,  sondern 
auch  durch  Erwerb  von  Ritterhufen  und  größeren  Gütern 
ihren  Besitz  zu  vermehren  suchten  -),  zu  diesem  Zwecke  aber 
bei  Bürger  und  Adel  Hypotheken  aufnehmen  mußten.  Deut- 
lich läßt  dies  schon  ein  kurfürstliches  Verbot  an  den  Adel 
von  1573  erkennen,  ohne  landesherrlichen  Konsens  die  Lehn- 
güter nicht  zu  verkaufen,  zu  verwechseln,  zu  versetzen  und  zu 
verpfänden  ^).  In  der  Zeit  bis  zum  Kriege  haben  dann  die 
Kreditgeschäfte  zwischen  Adel  und  Adel,  aber  auch  Adel 
und  Bürger  sich  fortgesetzt;  bis  zu  welcher  Überschuldung 
sie  aber  führen  konnten,  meldet  die  Klage  Hans  Ciamors 
V.  Alvensleben  1606  über  die  übergroße  Schuldenlast,  mit  der 
sein  Bruder  Albrecht  auf  Rogätz  beschwert  sei  ^). 


1)  Bei  den  Kämmereien  scheinen  die  Adeligen  wenig  Geld  angelegt 
zu  haben,  in  Tangermünde  1611  wenigstens  nur  ca.  1855  fl  (vgl.  S.  15, 
Anm.  4);  dagegen  liehen  sie  dem  Kurfürsten  direkt  bedeutende  Summen, 
durch  die  z.  B.  die  v.  Alvenslebea  den  langjährigen  Pfandbesitz  von 
Schlössern  und  Landgütern  erwarben  (v.  Mülverstedt,  S.  560). 

2)  So  gewann  z.  B.  Joachim  v.  Alvensleben  auf  Erxleben  1578  neben 
dem  Zehnt  6  zehntfreie  Hufen  und  5  Höfe  zu  Groß  Santersleben  (im 
Magdeburgischen)  für  3000  thlr  von  Albrecht  und  George  v.  Sohenck  zu 
Boddensell  (C.  D.  A.  III.  Nr.  621);  die  Brüder  Levin,  Hans  und  Joachim 
Friedrich  v.  d.  Schulenburg  1602  das  Gut  Tucheim  (im  Kreise  Jerichow) 
für  21000  thlr  von  Jobst  v.  Hopkorff  (C.  D.  A.  III.  Nr.  787);  Christoph 
V.  Alvensleben  1607  das  Gut  Pollwitz  für  5  700  fl  von  Nicolaus  Uhden, 
Bürgern  zu  Gardelegen  (C.  D.  A.  HI.  Nr.  835). 

3)  C.  C.  M.  U.V.  Sp.  13  f. 

4)  C.  D.  A.  III.  Nr.  826.  —  Für  adelige  Hypothekenaufnahmen  vgl. 
auch  ebenda  Nr.  661.     (Albrecht  v.  Alvensleben   auf  Rogätz   stellt   1583 


*26  Geschichtliche  Studien.  II.  1. 

Eine  Frage  aber  ist  bei  der  Schilderung  der  wachsenden 
adehgen  Gutswirtschaft  noch  unberührt  geblieben:  auf  welche 
AVeise  sie  sich  den  erhöhten  Bedarf  an  Arbeitskräften  be- 
schaffte? Wir  kommen  damit  zur  Lage  der  Bauern,  wie  sie 
sich  neben  der  veränderten  des  Adels  im  Laufe  des  16. 
und  beginnenden  17.  Jahrhunderts  gestaltete;  denn  dieser 
hielt  nur  ein  geringes  Gesinde  und  ließ  seine  vergrößerten 
Acker  vielmehr  durch  die  untertänigen  Bauern  bestellen. 
Ob  dies  in  der  Kolonisationszeit  auch  schon  von  den  ein- 
gewanderten Deutschen  geschah,  läßt  sich  nicht  bestimmt 
angeben,  fest  steht  aber,  daß  die  „servitia  equorum  et  curuum", 
die  ursprünglich  die  Verpflichtung  der  Bauern  bedeutete,  zu 
Kriegszeiten  einen  Heerwagen  zu  stellen,  im  14.  Jahrhundert 
in  Ackerfronden  oder  entsprechende  Geld-  und  Natural- 
abgaben umgewandelt  erscheinen  ^).  In  einer  Zeit ,  da  der 
adelige  Grundbesitz  noch  von  geringer  Ausdehnung  war, 
mögen  jene  nicht  drückend  gewesen  sein;  als  aber  mit  der 
Erweiterung  desselben  der  Adel  die  oft  durch  Bauernlegen 
an  Zahl  reduzierten  L'ntertanen  zur  Bestellung  auch  des 
vergrößerten  Ackers  zwang,  mußte  der  Bauer  einen  immer 
beträchtlicheren  Teil  seiner  Arbeitskraft  in  den  Dienst  des 
Junkers  stellen.  Trefflich  veranschaulicht  diesen  Prozeß  eine 
Beschwerde  des  Schulzen  und  der  Gemeinde  zu  Fischbeck 
a.  E.  über  Valentin  v.  Bismarck,  ihren  Junker  zu  Schön- 
hauseu,  vom  Jahre  1616  -).  Da  heißt  es,  daß  1560  der 
Kurfürst  Joachim  II.  in  Schönhausen  noch  einen  Besitz  von 
5  Hufen  gehabt  habe,  auf  dem  er  4  Gespann  Pferde  ge- 
halten, so  daß  die  Schönhausener  und  Fischbecker  Acker- 
leute mit  der  Bestellung  nichts  zu  tun,  sondern  ihm  nur 
einige  größere  Reisedienste  zu  leisten  hatten.  Im  Jahre 
1562  habe  er  aber  Jost  und  Jürgen  v.  Bismarck  seinen 
Besitz    absretreten    und     begehrt,    daß     die    Schönhausener 


Joachim  Grunow  eine  Schuldverschreibung  von  500  thlr  aus):  Nr.  726. 
(Valentin  v.  Alvensleben  auf  Isenschnippe  leiht  1591  Günzel  v.  Veitheim 
auf  Harbke  600  thlr)  usw. 

1)  Vgl.  Großmann,  S.  9. 

2)  M.  St.  Eep.  A.  23  c.     Amt  Tangermünde,  Xr.  178. 


n.  1.      Kaphahn,  Die  wirtschaftl.  Folgen  d.  30 jähr.  Krieges  usw.  27 

und  Fischbecker  Ackerleute  dazu  5  Hufen  von  ihrem 
Acker  hingäben  und  die  10  Bismarckischen  bestellten,  da- 
gegen versichert,  daß  sie  keine  Reisen  mehr  tun  sollten. 
Sie  seien  darauf  eingegangen;  aber  bei  den  10  Hufen  sei 
es  nicht  geblieben,  der  Junker  habe  in  den  Dörfern  wüste 
und  bebaute  Hufen  hinzu  erworben,  welche  alle  die  Unter- 
tanen bestellen  müßten.  Früher  hätten  sie  auch  beim 
Bau  der  Eibteiche  eine  Tonne  guten  Biers  erhalten,  was 
sie  aber  jetzt  erhielten,  wäre  kein  Bier  mehr  und  sogar 
das  Gesinde  weigere  sich,  es  zu  trinken.  Nun  verlange 
der  Junker  gar  noch,  ihm  einen  AVispel  Gerste  von 
fernher  zu  holen,  ein  jeglicher  mit  4  Pferden,  und  auf  zwei 
Nächte  Futter  mitzunehmen;  von  langen  Reisen  seien  sie 
aber  doch  befreit.  Als  sie  sich  aus  diesem  Grunde  ge- 
weigert hätten,  habe  er  ihrer  drei  gefänglich  bestraft,  den 
andern  aber  eine  Geldstrafe  und  jedem  eine  Speckseite  ab- 
genommen. Es  zeugt  für  die  Begründetheit  dieser  Beschwer- 
den, die  gleichzeitig  interessanten  Aufschluß  über  die  Ent- 
stehung und  ersten  Schicksale  des  v.  Bismarckschen  Be- 
sitzes in  Schönhausen  geben,  daß  der  Kurfürst  daraufhin 
den  Junker  ermahnte,  von  seinen  unbilligen  Forderungen 
abzulassen. 

Unter  diesen  Umständen  begreift  es  sich,  daß  manche 
Bauern  Haus  und  Hof  verließen  und  in  den  Städten  oder 
fremdem  Lande  sich  eine  neue  Heimat  suchten.  Gegen 
diese  bäuerlichen  Abzüge,  deren  jeder  für  die  Junker  den 
Verlust  einer  stark  benötigten  Arbeitskraft  bedeutete,  hat 
sich  der  Adel  aber  früh  zu  schützen  gewußt.  In  dem  Land- 
tagsrezeß  von  1518  wird  schon  als  von  einem  alten  Ver- 
trage gesprochen,  daß  ein  Bauer,  der  ursprünglich  seine  Hof- 
stelle ganz  nach  Belieben  aufgeben  konnte ,  dies  nur  tun 
dürfe,  wenn  er  einen  Gewährsmann  stelle  ^),  auf  dem  Land- 
tag von  1536  aber  wurde  der  Abzug  der  Bauern  überhaupt 
von  der  Erlaubnis  des  Gutsherrn,  dem  er  Dienste  zu  leisten 
hatte,  abhängig  gemacht,  den  Städten  ausdrücklich  verboten, 


1)  C.  D.  Br.  Cont.  U.  S.  224  ff. 


28  Geschichtliche  Studien.  II.  1. 

Bauern  ohne  adelige  Abzugsbriefe  bei  sich  aufzunehmen  und 
damit  deren  Schollengebundenheit  erreicht  '). 

So  wurden  denn  die  Untertanen  von  ihren  adeligen  Guts- 
herren oder  den  kurfürstlichen  Amtsleuten,  die  es  in  der 
Verwaltung  des  landesherrlichen  Grundbesitzes  ihnen  gleich- 
taten, gezwungen,  auf  ihrem  Hofe  zu  bleiben  —  so  lange 
es  diesen  nicht  beliebte,  das  Gut  aufzukaufen  und  ihrem 
Besitze  einzuverleiben.  Die  natürliche  Folge  war,  daß  sie 
mit  ihrem  Geld-  und  Naturalzins  bei  Junker  und  Amtmann 
im  Rückstand  blieben,  oder,  um  diese  zu  befriedigen,  in  der 
Stadt  borgten  und  so  in  Verschuldung  gerieten.  In  der 
westlichen  Altmark  war  diese  im  beginnenden  17.  Jahr- 
hundert schon  so  stark,  daß  die  Zeit  erfüllt  war  von  ELlagen 
städtischer  Gläubiger  über  ihre  ländlichen  Schuldner  und 
von  bäuerlichen  Konkursen  -) ;  die  Retardaten  der  Unter- 
tanen des  Amtes  Diesdorf  an  geborgtem  und  Pachtkorn  be- 
trugen Michaelis  1626  mehr  als  das  doppelte  der  gesamten 
jährlichen  Kornzinsabgabe:  296  w  4  s  1  v  gegenüber  114  w 
1   s  2  v  ^j. 

Xach  alledem  könnte  es  scheinen,  daß  die  wirtschaft- 
liche Lage  der  gesamten  bäuerlichen  Bevölkerung  der  Alt- 
mark vor  dem  Kriege  drückend,  wenn  nicht  verzweiflungs- 
voll gewesen  sei.  Dem  war  jedoch  nicht  so.  Man  darf 
nicht  vergessen,  daß  es  auch  Bauern  gab,  die  nicht  mit 
Diensten  beschwert  waren,  sei  es  nun  von  allem  Anfang 
an,  wie  die  Lehnschulzen  und  Lehnbauern  —  unter  diesen 
letzteren  in  der  Altmark  besonders  die  Freisassen  in  der 
Wische  ^)    — ,    sei    es ,    daß    sie    im    Laufe    der    Zeit    die 


1)  C.  C.  M.  VI.  I.  Sp.  33  ff.  —  Zum  Gesindezwangsdienst,  der  For- 
derung des  Adels,  daß  die  Kinder  seiner  Untertanen,  bevor  sie  in  fremde 
Dienste  gingen,  ihm  drei  Jahre  um  geringes  Entgelt  dienten,  ist  es  in 
der  Zeit  bis  zum  30jährigen  Kriege  in  der  Altmark  noch  nicht  gekommen 
(vgl.  Großmann,  S.  36  Anm.  1). 

2)  Zahlreiche  Belege  ergäben  dafür  die  Abschiede  des  v.  d.  Schulen- 
burgischen  Gerichts  in  Beetzendorf. 

3)  M.  St.  Kep.  D.  Amt  Diesdorf,  Nr.  363. 

4)  Großmann,  S.  51f. 


II.  1.       K ap hall n,  Die  wirtschaftl.  Folgen  d.  30 jähr.  Krieges  usw.  29 

Dienste  abgelöst  hatten,  wie  es  1585  der  kurfürstliche 
Amtmann  zu  Diesdorf  berichtet:  daß  vor  Zeiten  die- 
jenigen Schulzen  und  Bauern,  die  vermögend  gewesen  seien, 
sich  von  den  Diensten  freigekauft  hätten,  und  die  anderen 
nun  diese  allein  tun  müßten,  wodurch  ihnen  eine  große  Be- 
schwernis erwachsen  wäre  ^).  Daraus  erkennt  man  deutlich, 
daß  unter  der  bäuerlichen  Bevölkerung  verschiedenartige  A-'er- 
mögensverhältnisse  herrschten,  daß  sich  neben  Armen  und 
Geplagten  auch  Wohlhabende  fanden.  Diesen,  die  ihre  ganze 
Arbeitskraft  auf  ihren  Grundbesitz  verwenden  konnten,  kam 
auch  in  erster  Linie  die  Befreiung  der  Bauern  vom  städti- 
schen Bannrecht  zugute,  wie  sie  auf  dem  Landtag  von  1536 
erklärt  wurde  ^),  der  dann  1540  die  weitere  Bestimmung  folgte, 
daß  der  Bauer  seine  Erzeugnisse  nicht  bloß  inner-,  sondern 
auch  außerhalb  des  Territoriums  nach  jedem  beliebigen  Markt 
„verführen"  dürfe  ^),  ein  Recht,  das  ihm  1572  und  1602 
von  neuem  bestätigt  wurde  ^).  Aus  diesen  Verhältnissen 
heraus  erklärt  es  sich,  daß  unter  den  Gläubigern  der  alt- 
märkisch-priegnitzischen  Städtekasse  im  Jahre  1620  auch 
Bauersleute  mit  Einlagen  bis  zu  1000  Talern  zu  finden  sind. 
Ein  Übelstand  traf  freilich  sämtliche  Bewohner  des 
platten  Landes :  das  waren  die  Plagen  durch  streifendes  Ge- 
sindel, gegen  das  sich  landesherrhche  Verordnungen,  wie 
sie  uns  aus  der  zweiten  Hälfte  des  16.  Jahrhunderts  er- 
halten sind,  immer  von  neuem  wandten :  gegen  die  „  fremden 


1)  M.  St.  Rep.  D.  Amt  Diesdorf,  Nr.  175,  Bl.  36. 

2)  C.  C.  M.  VI.  I.  Sp.  33 ff. 

3)  C.  C.  M.  VI.  I.  Sp.  59  ff. 

4)  In  beiden  Landtagsrezessen ,  sowohl  in  dem  von  1572  (C.  C.  M. 
VI.  I.  Sp.  103  ff)  als  auch  in  dem  von  1602  (C.  C.  M.  VI.  I.  Sp.  151  ff.) 
heißt  es,  daß  die  Bauern,  wie  auch  der  Adel  sich  einem  ausdrücklichen  landes- 
herrlichen Gebot,  ihre  Produkte  nur  im  Lande  zu  verkaufen,  fügen  müssen: 
jedoch  wolle  der  Kurfürst  dafür  sorgen,  daß  das  Getreide  nach  Maßgabe 
des  Preises  in  den  nächsten  ausländischen  Städten  bezahlt  werde.  1593 
(C.  C.  M.  VI.  I.  Sp.  131  ff.)  wurde  den  Bauern  der  Verkauf  ihres  „Ge- 
treidich und  anderen,  so  sie  zu  verkaufen  haben",  wieder  auf  das  branden- 
burgische Territorium  beschränkt,  eine  Bestimmung,  die  aber  1602  wieder 
aufgehoben  wurde. 


30  Geschichtliche  Studien.  II.  1 . 

Bettler  und  Landstreicher",  die  „ Landbeschädiger ,  Räuber 
und  Mordbrenner",  die  „gardenden  Landsknechte,  Placker, 
losen  Buben  und  herrenloses  Gesindel",  oder  wie  die  strei- 
fenden Scharen  genannt  sein  mögen,  die  bei  den  Untertanen 
bettelten  und,  wenn  diese  nichts  geben  wollten,  ihnen  das 
Ihre  abdrängten,  die  sich  zusammenrotteten,  Dörfer  über- 
fielen und  sie  ausplünderten  ^).  Mit  dem  zweiten  Jahrzehnt 
des  17.  Jahrhunderts  nahm  ihr  Treiben  stark  zu.  In  einem 
Edikt  von  1616  heißt  es,  daß  „Mutwillen,  Frevel  und  Ver- 
gewaltigung", die  das  Gesindel  an  den  Bauern  verübte,  noch 
nie  so  stark  gewesen  seien  wie  jetzt,  daß  es  sich  zu  40  Mann 
zusammenrotte,  einbräche  und  alles  „  durchmause,  zerschlage 
und  verderbe"  -).  Zu  Beginn  der  20er  Jahre  waren  es  dann 
namentlich  die  geworbenen  Soldaten,  die  mit  dem  Gesindel 
gingen  und  die  Bauern  plackten  ^),  Heimsuchungen,  die  noch 
zunehmen  mußten,  als  erst  der  Krieg  auch  die  Altmark  zu 
berühren  begann. 


1)  C.  C.  M.  V.  V.  1.  Kap.  Sp.  Iff.:  1565;  Sp.  3 ff.:  1567;  Sp.  5 ff.: 
1572;  Sp.  9ff:  1573;  Sp.  llff.:  1574;  Sp.  15fiF.:  1584;  Sp.  17ff.:  1589; 
Sp.  19ff.:  1590;  Sp.21f.:  1595;  Sp.  21ff.:  1596;  Sp.27ff.:  1599;  Sp.  31fF.: 
1603.  —  C.  C.  M.  VI.  I.  Sp.  187 ff.:  1606. 

2)  C.  C.  M.  m.  I.  Sp.  5ff.  —  Vgl.  auch  die  Edikte  ähnlichen  Inhalts 
von  1612  (C.  C.  M.  ni.  I.  Sp.  Iff.)  und  1615  (C.  C.  M.  V.  V.  1.  Kap. 
Sp.  35  ff.). 

3)  Vgl.  die  Edikte  von  1620  (C.  C.  M.  lU.  I.  Sp.  9  f.)  und  1624  (C.  C. 
M.  ni.  I.  Sp.  9  ff). 


Zweites  Kapitel. 

Die  wirtschaftlichen  Folgen  des  50jährigen  Krieges 
für  die  Städte  der  Ältmark. 


Von  einigen  Truppendurchzügen  in  den  ersten  Jahren 
des  Krieges  abgesehen,  wurde  die  Altmark  erst  1626  von 
dessen  Wogen  berührt,  in  der  Zeit,  da  nach  den  Niederlagen 
der  Protestanten  in  Böhmen  und  Westdeutschland  sich  der 
niedersächsische  Kreis  unter  der  Führung  König  Christians  IV. 
von  Dänemark  aufraffte  und  mit  dem  Rest  der  protestan- 
tischen Truppen  den  Kaiserlichen  im  Kampfe  entgegentrat 
Dänische  und  Mansfeldische  Soldaten  durchzogen  in  diesem 
Jahre  das  Land.  Als  sich  dann  deren  Schicksal  an  der 
Dessauer  Eibbrücke  und  bei  Lutter  am  Barenberge  (1626) 
erfüllt  hatte,  folgte  für  die  Altmark  eine  fast  ununter- 
brochene, vierjährige  Einquartierung  Tillyscher  und  Wallen- 
steinscher  Völker,  die  in  den  Sommermonaten  des  Jahres 
1631    von  den  Schweden  abgelöst  wurden. 

Nach  dem  Siege  Gustav  Adolfs  bei  Breitenfeld  (1631) 
wurde  dann  ja  der  Kriegsschauplatz  für  einige  Jahre  nach 
Süddeutschland  verlegt,  und  die  Altmark  blieb  von  Unruhen 
verschont.  Als  aber  mit  der  Nördlinger  Schlacht  (1634) 
sich  das  Kriegsglück  wieder  auf  Seite  der  Kaiserlichen  wandte, 
wurde  auch  die  Altmark  in  der  zweiten  Hälfte  der  30  er 
Jahre  von  neuem  Tummelplatz  schwedischer,  kaiserlicher 
und  sächsischer  Völker.  Es  war  die  traurigste  Zeit  für  das 
Land.  Mit  dem  Jahre  1640  zogen  wieder  bessere  Zeiten 
ein,  und  nach  einem  längeren  Aufenthalt  schwedischer  Truppen 
unter  Torstenson  (1642)  und  dem  Durchzug  kaiserlicher  unter 


32  Geschichtliche  Studien.  ü.  1. 

Gallas  (1644)  blieb  das  Land  von  kriegerischen  Ereignissen 
verschont  ^). 

Wenn  wir  nun  nach  den  wirtschafthchen  Folgen  fragen, 
die  durch  den  Krieg  für  die  Altmark  eintraten,  richtet  sich 
unser  Augenmerk  zuerst  auf  die  Abnahme  der  Bevölkerung, 
der  Wirtschaftssubjekte.  Bis  zu  welchem  Grade  und  aus 
welchen  Gründen  ist  diese  eingetreten? 

Für  Ermittlung  des  Einwohnerrückgangs  in  den  Städten 
stehen  uns  —  von  den  Angaben  der  Magistrate  in  den  Ein- 
gaben an  den  Kurfürsten  abgesehen,  deren  summarischer  und 
unverhohlen  übertreibender  Charakter  sie  von  vornherein 
von  einer  Verwendung  ausschließt  —  zwei  Arten  von  Quellen 
zur  Verfügung: 

1.  die  Schoßregister,  das  sind  Verzeichnisse  der  in 
den  altmärkischen  Städten  vorhandenen  Feuerstellen,  die  zum 
Zwecke  von  Steuererhebungen  angelegt  worden  sind.  Das 
letzte  vor  dem  Kriege  angelegte  stammt  aus  dem  Jahre  1567  -) ; 
da  es  1638,  1645  und  1653  revidiert  wurde,  würden  sich 
daraus  Schlüsse  auf  den  veränderten  Bevölkerungszustand 
machen  lassen.  Doch  abgesehen  davon,  daß  das  halbe  Jahr- 
hundert, das  zwischen  der  Aufnahme  von  1567  und  dem 
Kriegsbeginn  liegt,  erfüllt  ist  von  Beschwerden  der  Städte 
über  die  Fehlerhaftigkeit  des  Registers ,  ein  Umstand ,  der 
mindestens  zur  Vorsicht  in  dessen  Benutzung  für  die  Ver- 
hältnisse vor  dem  Kriege  mahnt,  ist  eine  ausgiebige  Ver- 
wendung auch  darum  ausgeschlossen,  weil  sich  die  Originale 
der  Revisionen  nicht  erhalten  haben  ^)  und  nur  noch  gelegent- 
liche Angaben    finden.      Zu    diesen    werden   wir   aber    nur 


1)  Über  diese  ist  ausführlicher  nachzulesen  bei  Götze,  429 ff.  und 
bei  Zahn  (1904),  S.  4 ff. 

2)  Götze,  S.  252. 

3)  Auch  nicht  im  landständischen  Archiv  zu  Berlin,  wo  sie  Jastrow, 
S.  198  vermutet.  —  Der  Revisionen  von  1638  und  1645  wird  unter 
anderem  auch  in  einem  Bericht  Th.  v.  d.  Knesebecks  von  1648  Jan.  2. 
Erwähnung  getan  (B.  G.  St.  Eep.  53.  40).  —  In  dem  Verzeichnis  der 
Feuerstellen  der  kurmärkischen  Städte  aus  den  Jahren  1645  und  1653, 
das  Büsching,  S.  505  —  9  mitteilt  und  für  das  Meinardus,  S.  CXLf. 
die  urkundlichen  Belege  beigebracht  hat,  fehlen  die  altmärkischen  Städte. 


IL  1.      Kaphahn,  Die  wirtschaftl.  Folgen  d.  SOjähr.  Krieges  usw.  33 

dann  greifen,  wenn  uns  die  zweite  Quellenart  im  Stiche 
läßt;  dies  aber  sind: 

2.  die  Kirchenbücher,  wie  sie  sich  in  den  altmär- 
kischen Städten  mit  Ausnahme  Osterburgs  und  St.  Nikolais 
in  Gardelegen  aus  der  Zeit  vor  und  nach  dem  Kriege  er- 
halten haben  ^).  Vor  den  Schoßregistern  besitzen  sie  den 
Vorzug,  daß  sie  zu  einem  ganz  anderen  Zwecke  angelegt 
worden  sind,  als  auf  Fragen  zu  antworten,  die  wir  an  sie 
stellen,  und  daß  deshalb  eine  bewußte  Korrektur  der  Wirklich- 
keit durch  die  Zeitgenossen  in  dieser  Hinsicht  bei  ihnen  aus- 
geschlossen erscheint.  Gewiß  ist  zuzugeben,  daß  an  ihrer  Stelle 
eine  ungewollte  treten  konnte,  indem  Eintragungen  vergessen 
wurden,  und  in  Kriegs-  und  Pestzeiten  mag  dies  mitunter  der 
Fall  gewesen  sein.  In  Jahren  aber,  da  normale  Verhältnisse 
herrschten  —  und  wir  werden  sie  für  diese  in  erster  Linie 
verwenden  —  zeigt  sich  in  der  Führung  der  Register  ein 
hoher  Grad  von  Zuverlässigkeit. 

In  diesen  Kirchenbüchern  sind  uns  nun  die  Zahlen  der 
jährlich  getrauten,  getauften  und  gestorbenen  Menschen- 
kinder einer  Parochie  übermittelt.  Welche  gestalten  sich 
zur  Benutzung  für  unsere  Zw^ecke,  der  Ermittlung  der  Be- 
völkerungsabnahme, nun  am  günstigsten?  Auszuschließen 
sind  von  vornherein  die  Ziffern  der  jährHchen  Trauungen, 
da  sie  nicht  alle  zwischen  zwei  Menschen  verschiedenen 
Geschlechtes  vollzogenen  Verbindungen  wiedergeben  und  die 
Zahl  der  illegitimen  Geburten  in  jener  Zeit  nicht  unbeträcht- 
lich war.  Von  den  beiden  anderen  Zahlengruppen  aber 
verdient  die  der  Täuflinge  den  Vorzug  vor  der  der  Ver- 
storbenen; denn  während  diese  durch  die  Seuchen  außer- 
ordentlichen Schwankungen  unterworfen  war,  gibt  jene  in 
ihrer  gleichmäßigeren  Entwicklung  ein  getreueres  Bild  von 
dem  wirklichen  Zustande  und  der  Bewegung  innerhalb  der 
Bevölkerung  -). 

1)  Vgl,  Krieg,  S.  16 fF.  —  Die  Angaben  über  den  Beginn  der 
Kirchenbuchüberlieferung  erwiesen  sich  bei  näherer  Prüfung  aber  oft  als 
ungenau  und  wenig  zuverlässig. 

2)  Vgl.  Jastrow,  S.  74. 

Geschichtliche  Studien.     IT.  1.  q 


34 


Geschichtliche  Studien. 


II.  1. 


Damit  haben  wir  uns  die  Hilfsmittel  gesichert  und  können 
nun  an  die  Ermittlung  des  Bevölkerungsrückganges  heran- 
gehen. Die  in  den  altmärkischen  Städten  erhaltenen  Kirchen- 
die   Jahre    vor   und    nach   dem   Kriege 


101,6 


bücher    geben    für 
folgendes  Bild: 

Stendal 

Taufen 
1G21-25  277,2 
1646—50  112,4 
1651-55  103,0 
1656-60  100, 
1661—65     90,4 

Tangermünde 

Taufen 
1621—25  136,8 
1646—50     70,6 
1651-55     76,8 
1656-60     73, 
1661-65     75,8 


Tr. 


5,0  1 
),2  J 


Salzwedel 

Taufen  Tr. 

226,2  — 

172,8  45,8 


3,8  1 
J,0J 


74,9 


Tr. 

18,1 
21,2 

18,8 
18,8 


147,2  1  39,0 

128,6r     '    40,2 

116,8  37,2 

Seehausen 


Gardelegen  (St.  Marien) 


Taufen 
43,0 
30,5 
31,8 
28 
31,8 


Tr. 


,6/ 


30,2 


Taufen 
78,0 
31,4 
34,6 
36,0 
37,2 


Tr. 

6,4 
9,8 
9,6 
9,4 


Werben 


Taufen 
62,4 
15,6 
21,0 
19 
20,2 


Tr. 


.0  1 
,0  j 


20,0 


Was  sagt  uns  nun  diese  Tabelle?  Aus  der  Vergleichung 
der  Taufzahlen  von  1646 — 50  und  1651  —  55  ergibt  sich,  daß 
Ende  der  40  er  Jahre  noch  ein  starker  Ausgleich  unter  der  Be- 
völkerung eintrat,  indem  die  größeren  Städte  die  Menschen, 
die  im  Laufe  des  Krieges  zugewandert  waren,  wieder  ab- 
gaben, während  die  kleineren  an  Einwohnern  zunahmen.  Die 
dauernden  Folgen  des  Krieges  für  die  Bevölkerung  der 
einzelnen  Städte  lassen  sich  darum  erst  an  den  Verhält- 
nissen erkennen,  wie  sie  um  1650  anzutreffen  sind. 

Nun  kann  man  weiterhin  die  Beobachtung  machen,  daß 
die  Tauf  zahlen  der  zweiten  Hälfte  der  50  er  Jahre  durchgängig 
an  Höhe  hinter  denen  der  ersten  Hälfte  zurückstehen.  Eine  Er- 
klärung hierfür  wäre  Auswanderung,  der  Rückgang  in  Stendal 
und  Salzwedel  noch  in  den  60  er  Jahren  hat  darin  auch  zweifel- 
los seine  Ursache  ^).   Für  die  allgemeine  Abnahme  der  Tauf- 

1)  Für  die  Neustadt  Salzwedel  haben  wir  den  urkundlichen  Beleg. 
In  einer  Entschuldigung  der  Stadt  an  den  Kurfürsten  v.  J.  1660,  daß  sie 
die  verlangte  Eevision  der  Feuerstellen  nicht  vorgenommen  habe,  gibt  sie 
als  Grund  an ,  daß  sie  unnütz  sei,  weil  täglich  noch  Bürger  austräten. 
B.  G.  St.  Eep.  21.  161. 


n.  1.      Kaphahn,  Die  wirtschaftl.  Folgen  d.  30 jähr.  Krieges  usw.  35 

zahlen  in  den  50er  Jahren  aber,  die  auf  dem  Lande,  wie 
sich  noch  zeigen  wird,  ein  Seitenstück  findet,  kommt  ein 
anderes  Moment  in  Frage.  Wie  wir  später  sehen  werden, 
sind  während  des  Krieges  viele  Bürger  aus  den  Städten  aus- 
gelaufen und  haben  erst  nach  Jahren  wieder  einen  festen 
Wohnsitz  gefunden.  Es  versteht  sich  von  selbst,  daß  bei 
dem  unsteten  Zustande,  in  dem  sich  ein  Teil  der  Bevölkerung 
befand,  es  in  dieser  Zeit  zu  relativ  wenigen  Eheschließungen 
kam  und  dementsprechend  weniger  Kinder  geboren  wurden. 
Die  aber,  die  seit  Ende  der  20  er  Jahre  das  Licht  der  Welt 
erblickten,  kamen  in  den  50er  Jahren  in  das  heiratsfähige 
Alter  und,  da  sie  relativ  gering  an  Zahl  waren,  konnten  sie 
auch  weniger  Ehen  eingehen;  es  wurden  infolgedessen  auch 
weniger  Kinder  geboren.  Daraus  erklärt  sich  m.  E.,  wenn 
in  allen  Städten  in  den  50  er  Jahren  die  GeburtszifFern 
vorübergehend  fallen;  und  die  der  Getrauten,  die  wir 
bei  der  fragmentarischen  Überlieferung  anführen  können, 
bestätigen  dies.  W^o  die  Taufzahlen  aber  nicht  sinken,  wie 
in  Seehausen,  da  findet  diese  Ausnahme  ihre  Erklärung  in 
dem  Umstände,  dass  sich  hier  allerlei  Fremde:  in  Deutsch- 
land zurückgebliebene  Schweden,  Handwerker  aus  Mansfeld 
und  Thüringen,  ja  aus  Mitten walde  in  Oberbayern  und  aus 
der  Steiermark  niederliessen  ^).  Will  man  darum  den  Bevöl- 
kerungszustand in  den  Städten  zu  Ende  des  Krieges  ermitteln, 
so  darf  man  nicht  die  Summe  der  Täuflinge  um  1650,  sondern 
muss  —  Seehausen  ausgeschlossen  —  den  Durchschnitt  aus 
dem  ganzen  6.  Jahrzehnt  als  maßgebend  betrachten,  um 
auf  diese  Weise  der  relativ  dünneren  Schicht  der  10  bis 
20  jährigen  Rechnung  zu  tragen. 

In  Gardelegen  ist  nun,  wie  schon  erwähnt,  nur  für 
einen  Teil  dej  Stadt  das  Kirchenbuch  erhalten.  Wollen 
wir  die  Verhältnisse  für  den  ganzen  Ort  ermitteln,  so  müßten 
wir  zu  den  Nachrichten  über  den  Rückgang  der  Feuerstellen 
greifen,  die  auf  uns  gekommen  sind.  Diese  besagen,  daß 
die  Stadt,  in  der  man  1567  483  Feuerstellen  zähhe,    1645 


1)  Daume,  S.  27. 

3* 


36  Geschichtliche  Studien.  IL  1 . 

nur  170  und  1650  „kaum  200"  bewohnte  Häuser  gehabt 
haben  soll  ^),  müssen  aber  durch  ihre  Rundheit  und  Un- 
bestimmtheit unser  Mißtrauen  erregen,  das  um  so  be- 
rechtigter erscheint,  wenn  wir  den  Rückgang  in  Betracht 
ziehen,  der  sich  aus  dem  einen  erhaltenen  Kirchenbuch 
von  St.  Marien  ergibt.  Nach  den  obigen  Angaben  verlor 
die  Stadt  weit  über  die  Hälfte  der  Bevölkerung,  während 
sich  aus  diesem  eine  Abnahme  von  nur  30%  feststellen 
läßt. 

Nun  wäre  es  zwar  möglich,  daß  der  Ort  in  seinen  beiden 
Teilen  einen  verschieden  großen  Bevölkerungsrückgang  er- 
fuhr; dafür  haben  wir  aber  absolut  keinen  Anhaltpunkt- 
Nehmen  wir  darum  Gleichmäßigkeit  an  —  wenn  anders  wir 
überhaupt  zu  einem  Resultat  gelangen  wollen  — ,  so  erhalten 
wir,  da  die  Gemeinde  von  St.  Marien  ein  reichliches  Drittel, 
die  von  St.  Nikolai  knapp  zwei  Drittel  der  Einwohnerschaft 
umschloß,  einen  jährlichen  Taufendurchschnitt  von  122,0  vor 
und  85,1  nach  dem  Kriege  -). 

Noch  schlimmer  steht  es  mit  der  Überlieferung  bei  Oster- 
burg.  Hier  lassen  uns  die  Kirchenbücher  überhaupt  im 
Stich,  und  wir  müssen  uns  vollständig  an  die  Mitteilungen 
über  die  veränderte  Zahl  bewohnter  Feuerstellen  halten,  die 
zum  Glück  einen  zuverlässigeren  Charakter  tragen.  Gegen 
Ende  des  16.  Jahrhunderts  versichert  die  Stadt,   daß  deren 


1)  Meinardus,  S.  CXLI. 

2)  Dies  ergibt  sich  aus  folgender  Kechnung.  Für  die  Altstadt  Salz- 
wedel sind  uns  1615  503  bewohnte  Feuerstellen  verbürgt  (B.  G.  St.  Eep. 
53.  22.  Eingabe  von  1624  März  19.).  Die  Taufenzahl  in  den  Jahren 
1613 — 17  stellt  sich  hier  im  Durchschnitt  auf  jährlich  127.  Nehmen  wir 
an,  daß  Gardelegen,  das  sich  über  das  Schoßregister  von  1567  nie  be- 
schwert hat,  die  ungefähre  Zahl  von  483  bewohnten  Feuerstellen  bis 
gegen  Kriegsbeginn  beibehielt,  so  ergibt  sich  unter  der  Voraussetzung, 
daß  die  zu  einer  Hausstelle  gehörigen  Personen  in  Altsalzwedel  und 
Gardelegen  um  dieselbe  Zeit  an  Zahl  dieselben  waren,  folgende  Gleichung: 
503  :  483  =  127  :  x,  wobei  x  die  Summe  der  jährlichen  Täuflinge  in  Garde- 
legen vor  dem  Kriege  bedeutet.  Da  sie  sich  auf  122  stellt,  so  ist  43 
ein  reichliches  Drittel  dieser  Summe.  Die  ungefähre  Taufenzahl  nach  dem 
Kriege  ergibt  dann  aber  die  Proportion:  43:30  =  122:y;  y  =  85,1. 


II.  1.      Kaphahn,  Die  wirtschaftl.  Folgen  d.  30 jähr.  Krieges  usw. 


37 


1567  ermittelte  Summe  von  300  noch  zutreffe  ^);  1643  waren 
dagegen  nur  22,  1662  99  Häuser  bewohnt  -).  Die  erstere 
Angabe  trifft  eine  Zeit,  in  der  vor  kurzem  noch  die  ganze 
Stadt  16  Wochen  leergestanden  hatte,  die  Bürger  vor  den 
herannahenden  Schweden  in  die  benachbarten  Dörfer,  Städte 
und  weiter  geflüchtet  waren :  also  einen  anormalen  Zustand  ■''). 
Die  zweite  dagegen  wird  fast  die  Verhältnisse  wiedergeben, 
die  eintraten,  als  die  flüchtigen  Bürger,  soweit  sie  überhaupt 
die  Absicht  hatten,  in  die  Heimat  zurückzukehren,  sich 
wieder  eingefunden  hatten.  Dann  würde  man  aber  in  Oster- 
burg  vor  dem  Kriege  ca.  75,8  und  nach  dem  Kriege  ca.  25,0 
jährlich  Täuflinge  haben  zählen  können  ^). 

Stellen  wir  nun,  nachdem  wir  die  Taufzahlen  sämtlicher 
altmärkischen  Städte  gewonnen  haben,  diese  zusammen  und 
suchen  wir  mit  Hilfe  des  Süßmilchschen  Reduktionsfaktors 
30,  mit  dem  man  die  Zahl  der  Taufen  multiplizieren  muss, 
um  die  ungefähre  Einwohnerzahl  zu  erlangen^),  diese  vor 
und  nach  dem  Kriege  zu  bestimmen,  so  erhalten  wir  die 
folgende  Tabelle: 


vor  dem  K 

rieg 

e 

nach  dem 

Kriege 

Kückgang 

Taufen  Einwohnerzahl 

Taufen 

Einwohnerzahl 

inVo 

Stendal           277,2 

ca. 

8300 

101,6 

ca. 

3000 

63,3 

Salzwedel        226,2 

6800 

137,6 

4100 

39,2 

Gardelegen      121,0 

3700 

85,1 

2600 

30,2 

Tangermünde  136,8 

4100 

74,9 

2  200 

45,3 

Seehauseu          78,0 

2300 

34,6 

1050 

55,6 

Osterburg          75,8 

2300 

25,0 

750 

67,0 

Werben             62,4 

1900 

20,0 

600 

69,9 

zusammen:  978,4 

ca. 

29400 

478,8 

ca. 

14300 

51,6 

1)  In  der  S.  15  Anm.  4  zitierten,  undatierten  Eingabe. 

2)  Meinardus,  S.  CXLI. 

3)  Vgl.  die  Eingabe  der  Stadt  an  den  Kurfürsten  von  1644  Nov.  20. 
B.  G.  St.  Eep.  21.  110  »>. 

4)  Die  Taufzahlen  gewinnen  wir  durch  die  gleichen  Überlegungen  wie 
bei  Gardelegen ;  die  vor  dem  Kriege  durch  die  Proportion :  503  ;  300  = 
127  :  x;  die  nach  ihm  durch  diese :  503  :  99  =  127  :  y. 

5)  Jastrow,  S.  73  empfiehlt  ihn  für  historische  Arbeiten  immer 
noch  als  den  brauchbarsten. 


38  GesehichtUche  Studien.  IL  1. 

Daraus  ersieht  man,  dass  die  altmärkischen  Städte  in  ihrer 
Gesamtheit  wenig  mehr  als  die  Hälfte  ihrer  früheren  Ein- 
wohnerzahl im  Laufe  des  Krieges  verloren  haben.  Unter 
ihnen  aber  kann  man  beobachten,  daß  der  Bevölkerungs- 
verlust im  Osten  ein  stärkerer  war  als  im  Westen.  Welches 
nun  sind  die  Gründe  dieser  Erscheinung?  Oder  wenn  wir 
die  Frage  etwas  allgemeiner  stellen,  welches  ist  das  Schicksal 
der  verschwundenen  städtischen  Bevölkerung  gewesen? 

Man  kann  hierbei  an  verschiedene  Ursachen  des  Rück- 
ganges denken :  zuerst  wohl  an  Degen  und  Flinte.  Doch 
in  keiner  der  unzähligen  Klagen,  die  die  Städte  über  das 
Treiben  der  eingelagerten  Soldateska  an  den  Kurfürsten 
sandten,  wird  eines  ernstlichen  Vergehens  am  Leben  der 
Bürger  Erwähnung  getan.  Freilich  diese  lernten  die  Soldaten 
des  30jährigen  Krieges  auch  noch  auf  eine  andere  Weise 
kennen:  wenn  sie  eine  Stadt  erstürmten.  Wir  haben  aber 
kaum  Nachrichten  über  die  Opfer  solcher  Ereignisse.  Die 
einzige,  einigermaßen  zuverlässige,  die  Ritner  mitteilt,  daß 
beim  Überfall  Tangermündes  durch  die  Kaiserlichen  1637 
„wohl  12  Personen"  ums  Leben  gekommen  seien  ^),  scheint 
aber  doch  darauf  hinzuweisen,  daß  die  Zahl  der  getöteten 
Einwohner  aus  diesen  Anlässen  nicht  erheblich  gewesen  ist. 
Daß  aber  Schuß  und  Stoß  keine  Hauptursache  der  Bevölke- 
rungsreduktion waren,  zeigt  der  außerordentliche  Rückgang 
Stendals  und  der  Salzwedels  und  Gardelegens  an,  von 
Städten,  die  während  des  Krieges  nie  erstürmt  und  geplündert 
worden  sind  -). 

Aber  auch  die  W^irkung  der  Pesten,  die  man  gewöhn- 
lich neben  Mord  und  WafFentod  als  Grund  der  verringerten 
Einwohnerzahl  anführt,  wird  oft  falsch'  eingeschätzt.  Vor 
allem  muß  der  Vorstellung  entgegengetreten  werden,  als 
seien  die  Seuchen  eine  spezifische  Erscheinung  der  Zeit  des 
30jährigen  Krieges;  vielmehr  das  ganze  16.  Jahrhundert  hin- 


1)  Kitner,  S.  50. 

2)  Götze,  S.  489.  —  Bekmann,  V.  Teil,  I.  Buch,  3.  Kap.  Sp.  29; 
4.  Kap.  Sp.  58  ff. 


II.  1.       Kaphahn,  Die  wirtschaftl.  Folgen  d.  30 jähr.  Krieges  usw.  39 

durch  haben  sie  die  altmärkischen  Städte  heimgesucht: 
Stendal  in  den  Jahren  1516,  1526,  1538,  1548,  1583, 
1591,  1598  und  1611  i);  Salzwedel  1484,  1548,  1581, 
1598,  1610 -);  Gardelegen  1516,  1548,  1566,  1598,  1607 '5) 
und  die  übrigen  Städte  in  ähnlicher  Weise,  nur  daß  bei  ihnen 
die  Überlieferungen  nicht  so  weit  zurückreichen  ^). 

In  wenigen  FäUen  beginnen  die  Aufzeichnungen  der 
Kirchenbücher  in  so  früher  Zeit,  daß  sie  uns  einen  Einblick 
in  die  Wirkungen  der  Pesten  des  16.  und  beginnenden 
17.  Jahrhunderts  gewähren  können.  Sie  traten,  wie  sich 
aus  der  Zahl  der  Toten  ergibt,  in  den  verschiedenen  Jahren 
verschieden  stark  auf;  doch  eine  Folgeerscheinung  hatten  sie 
stets:  in  den  Jahren  unmittelbar  nach  der  Seuche  stiegen 
die  Zahlen  der  Trauungen  erheblich,  oft  über  das  doppelte 
normaler  Zeiten  an  —  die  verwaisten  Haushalte  bedurften 
schleunig  neuer  Vorsteher  oder  Vorsteherinnen!  — ;  dem- 
zufolge wurden  relativ  mehr  Kinder  geboren,  und  die  Be- 
völkerung erreichte  bei  einer  geringen  Sterblichkeit  in  der 
folgenden  Zeit,  vor  allem  aber  auch  durch  Zuzug  von  aus- 
wärts, namentlich  vom  Lande,  bald  wieder  ihren  früheren 
Bestand,  ja  vergrößerte  sich. 

Das  Gesagte  läßt  sich  am  besten  an  den  Verhältnissen 
in  Salzwedel  nachweisen.  Hier  wurden  in  den  anderthalb 
Menschenaltern  vor  dem  Kriege  (1582 — 1625)  durchschnitt- 
lich jährlich  177,8  Kinder  getauft,  während  205,8  Menschen 
starben.  Trotzdem  nahm  die  Stadt  in  dieser  Zeit  dauernd 
an  Einwohnern  zu,  indem  sich  durchschnittlich  1586  bis 
1595:  150,  1596  —  1605:  193,  1606  —  1615:  198,  1616 
bis  1625:  221  Taufen  zählen  lassen.  Als  ein  Beispiel 
für   die   Eigenbewegung   der   städtischen   Bevölkerung   nach 


1)  Götze,  S.  379.  —  Bekmann,  V.  I.  2.  Kap.  Sp.  251f. 

2)  Ebenda,  3.  Kap.  Sp.  73. 

3)  Ebenda,  4.  Kap.  Sp.  68. 

4)  Für  Tangermünde  gibt  Ritner,  S.  16:  1598,99  und  1611  als 
Pestjahre  an;  für  Seehausen  Bekmann,  V.  I.  5.  Kap.  Sp.  45 f.:  1583, 
1607;  für  Osterburg  ders.  V.  I.  7.  Kap.  Sp.  43:  1426,  1548,  1583;  für 
Werben  V.  I.  8.  Kap.  Sp.  50  nur  solche  im  Kriege. 


40  Geschichtliche  Studien.  IL  1. 

einer  Pest  kann  die  Gemeinde  von  St.  Katharinen  in 
Salzwedel  vor  und  nach  der  Seuche  von  1581  dienen.  Hier 
zählt  man: 


r 

Frauungen 

Taufen 

Tote 

1576- 

-1680 

30,4 

95,0 

78,2 

1581 

10 

65 

790 

1582 

94 

78 

70 

1583 

51 

100 

57 

1584 
1585- 

-1589 

30 
28,0 

}  87,0 

41 

61,4 

Diese  letztere  Erscheinung  findet  sich  nun  auch  bei  den 
Pesten,  von  denen  die  Altmark  während  des  Krieges  1626, 
an  manchen  Orten  bis  1628  hin,  und  dann  wiederum  1636 
und  1639  heimgesucht  worden  ist,  nur  mit  dem  Unter- 
schiede, daß  die  städtische  Bevölkerung  1  bis  2  Jahrzehnte 
nach  ihnen  nicht  wieder  zur  alten  Höhe  gelangt  war.  Woran 
lag  das?  Man  könnte  an  eine  verstärkte  Wirkung  der 
Pesten,  eine  bedeutendere  Zahl  von  Menschen  denken,  die 
durch  sie  im  Laufe  des  Krieges  hinweggeraiFt  worden  sind, 
zumal  da  an  manchen  Orten  mit  der  zweiten  Pest  zugleich 
eine  Hungersnot  auftrat  i).  Wenden  wir  uns  aber  wiederum 
nach    Salzwedel-),    so    zeigt    sich,    daß    hier    die    Seuchen 


1)  Für  sie  teilt  uns  Eitner,  S.  59  auch  einen  Fall  versuchter 
Menschenfresserei  aus  Stendal  mit.  Selbst  wenn  es  sich  dabei  um 
eine  wirklich  stattgefundene  Tat  handelt  —  vgl.  die  kritischen  Ausfüh- 
rungen diesbezüglichen  Nachrichten  gegenüber  von  Hoeniger,  S.  408 fif.  — 
so  kann  doch  diese  Art  der  Bevölkerungsverminderung  für  den  Gesamt- 
verlust der  Altmark  absolut  nicht  ins  Gewicht  fallen. 

2)  Allein  für  diese  Stadt  reichen  die  Tauf-  und  Toten register  in 
die  Zeit  vor  dem  Kriege  zurück,  so  daß  die  Wirkungen  der  Pesten  einiger- 
maßen exakt  —  für  die  absolut  genau  übermittelten  Zahlen  der  Gestor- 
benen in  den  Pestjahren  ist  selbstverständlich  nicht  zu  garantieren !  — 
auch  nur  hier  erkennen  können.  Die  runden  Zahlen,  die  Bekmann, 
a.  a.  0.  für  Gardelegen,  Seehausen  und  Osterburg  als  Pestopfer  vor  dem 
Kriege  mitteilt,  und  die  wahrscheinlich  auf  Schätzungen  beruhen,  können 
f  ;r  unsere  Zwecke  nicht  in  Betracht  kommen ;  aber  auch  die  (wie  ge- 
wonnenen ?)  Ziffern  nicht,  die  Götze,  S.  565  als  Summen  der  Toten  in 
den  Pestjahren  1583,  1598  und  1607  für  Stendal  angibt  weil  die  durch- 


n.  1.      Kaphahn,  Die  wirtscbaftl.  Folgen  d,  30 jähr.  Krieges  usw.  41 

während  des  Krieges  durchaus  keinen  größeren  Prozentsatz 
der  Bevölkerung  forderten  als  die  vor  dem  Kriege. 

1581/82  starben  790  Personen  bei  95  Taufen  in  den  vorangeg.  Jahren  ^) 
1598  99        „        788         „        „157       „       „     „ 
1610/n        „      1540         „        „207       „       „     „ 
1625/26       „     1455         „         „228       „       „     „ 
1636  u.  39   „       971         „        „  134      „       „     „ 

Übertraf  die  Zahl  der  Toten  in  den  Pestjahren  die  der 
Täuflinge  in  den  vorangegangenen  vor  dem  Kriege  8^,  3, 
7^ mal,  so  in  seinem  Verlaufe  6|  und  T^mal.  Selbstver- 
ständlich darf  diese  einzelne  Beobachtung  nicht  ohne  weiteres 
verallgemeinert  werden,  umsoweniger  da  in  Stendal  den 
Seuchen  zur  Kriegszeit  ein  größerer  Prozentsatz  der  Be- 
völkerung als  in  Salzwedel  zum  Opfer  fiel,  1626:  9  mal, 
1636:  11  mal  so  viele  Menschen,  als  in  den  vorangehenden 
Jahren  durchschnittlich  getauft  wurden  —  wobei  allerdings 
zu  berücksichtigen  ist,  daß  beide  Male  Bauern  und  Adelige 
in  die  Stadt  geflüchtet  waren  und  diese  eine  übernormale 
Bevölkerung  aufwies  -).  Da  wir  aber  bei  Stendal  ebensowenig 
wie  bei  einer  anderen  Stadt  diese  Wirkungen  in  Vergleich 
zu  denen  vor  dem  Kriege  setzen  können,  so  müssen  wir 
diese  Frage  für  die  Orte  außer  Salzwedel  überhaupt  offen 
lassen. 

Aber  selbst  wenn  bei  einigen  den  Rückgang  ihrer  Ein- 
wohnerzahl teilweise  ein  stärkeres  Auftreten  der  Pest  hervor- 
gerufen hätte,  so  fände  damit  doch  derjenige  Salzwedels  noch 
durchaus  keine  Erklärung.  Dieser  muß  andere  Ursachen  ge- 
habt haben,  und  sie  lassen  sich  unschwer  finden :  sie  beruhen 
nicht  in  einer  verstärkten  Wirkung  der  Seuchen,  sondern  in 


schnittliche  Taufenzahl,  d.  h.  die  Größe  der  Stadt  in  den  vorangegangenen 
nicht  auf  uns  gekommen  ist. 

1)  Allein  in  Neusalzwedel.  In  Altsalzwedel  starb  im  September  1581 
auch  der  Kirchenbuchführer  und  die  Aufzeichnungen  brechen  um  diese 
Zeit  ab. 

2)  Zu  einer  vorübergehenden  Flucht  der  Landbewohner  m  die 
Städte  kam  es  zur  Kriegszeit  —  wie  wir  noch  sehen  werden  —  zu  wieder- 
holten Malen. 


4'2  Geschichtliche  Studien.  U.  1. 

einer  geringeren  Erholungsfähigkeit  der  Städte 
zur  Kriegszeit  von  den  Pestverlusten,  die  sich 
nicht  allein  in  einer  Abnahme  der  Fruchtbarkeit  des  Volkes 
äußerte,  einer  Tatsache,  die  in  dem  Rückgang  der  Taufzahlen 
in  den  50  er  Jahren  noch  ihre  späten  Folgen  zeigte,  sondern 
auch  darin,  daß  der  fi'üher  bedeutende  dauernde  Zuzug 
von  auswärts  ausblieb.  Ja  das  Gegenteil  trat  jetzt  ein,  und 
damit  kommen  wir  zu  dem  weiteren  Grund  der  Bevölkerungs- 
abnahme der  Städte :  im  Laufe  des  Krieges  kam  es  zu  einem 
Abzug  der  Bürger  in  fremde  Städte  und  Länder. 
Salzwedel  klagt  dies  in  den  ersten  Jahren  des  Krieges  be- 
ständig dem  Kurfürsten  ^),  aber  auch  für  die  anderen  Städte 
spielt  dieser  Umstand  eine  große  Rolle.  Stendal  jammert 
schon  Mitte  1626,  daß  von  den  1252  Häusern,  die  man 
1567  in  der  Stadt  zählte,  400  leer  und  öde  stünden  und 
täglich  mehr  Einwohner  um  Erteilung  ihres  Abschiedes  an- 
hielten-);  und  Osterburg  Anfang  1627,  daß  von  den  300 
Bürgern  der  Stadt  160  ausgelaufen  seien  ■^).  Mögen  die  An- 
gaben übertrieben  erscheinen,  die  Tatsache  einer  bedeutenden 
Ausvranderung  bleibt  bestehen.  Für  Tangermünde  endlich 
berichtet  Ritner,  daß  1626,  beim  Herannahen  der  Kaiser- 
lichen, viele  von  der  Bürgerschaft  zu  Wasser  und  zu  Lande 
flohen,  und  als  Folge  der  dänischen  und  kaiserlichen  Ein- 
quartierung für  die  ganze  Altmark,  daß  die  Einwohner  häufig 
in  andere  Länder  gegangen  seien  -). 

Das  „Austreten"  der  Bürger  wiederholte  sich  Ende  der 
30er  und  zu  Beginn  der  40er  Jahre,  in  denen  Kaiserliche, 
Schweden  und  der  Kurfürst  gemeinsam  Kriegssteuern  von 
ihnen  erhoben.  Dieser  schreibt  in  einer  Resolution  vom 
8.  März  1641  bezeichnenderweise  an  seine  Räte,  man  solle 
die  altmärkischen  Stände  um  Bezahlung  ihrer  Kontribution 
anhalten,   „jedoch   mit   Behutsamkeit,   daß   wir   dabei   nicht 


1)  B.  G.  St.  Eep.  21.  156.     In   den   Eingabea   von    162f3   Dez.  28., 
1627  JuH  30,  1628  Febr.  18. 

2)  Götze,  S.  439. 

3)  B.  G.  St.  Eep.  21.  110  b.    In  einer  Eingabe  von  1627  Jan.  5. 
4i  Ritner,  S.  35. 


II.  1.       Kaphahn,  Die  wirtschaftl.  Folgen  (1.  SOjähr.  Krieges  usw.  43 

mehr  Schaden  des  Landes  und  Verlierung  einiges  Volks, 
als  Vorteil  und  Frommen  empfinden  mögen"  ^).  Freilich 
nicht  alle  Flüchtlinge  wandten  sich  in  dieser  Zeit  in  fremde 
Länder,  sondern  mitunter  nur  in  die  nächsten  Städte  und 
Dörfer,  und  kehrten  in  friedlicher  Zeit  wieder  nach  der 
Heimat  zurück,  ima  freilich  mitunter  bei  Erneuerung  des 
Kriegswesens  wieder  auszutreten,  so  daß  die  altmärkischen 
Städte  1642  klagten,  daß  die  Torstensonsche  Einquartierung 
zur  Folge  habe,  daß  „jedermann,  der  sich  in  der  Hoffnung 
der  Besserung,  ja  wohl  gar  des  Friedens  noch  wieder  zu 
den  Seinigen  gefunden  und  anzubauen  gemeinet,  hinwiederum, 
wo  nicht  Erleichterung  erfolget,  sich  aufs  Weglaufen  setzet"-). 
Wie  wir  sahen,  war  dann  die  zweite  Hälfte  der  40er  Jahre 
noch  erfüllt  von  Veränderungen  innerhalb  der  Stadtbevöl- 
kerung. 

Als  Grund  für  diese  Auswanderung  der  Bürger  geben 
alle  Zeitgenossen  die  hohen  Kriegslasten  an,  und  zweifellos 
hat  dies  für  die  endenden  30er  und  beginnenden  40er  Jahre 
seine  Richtigkeit.  In  der  zweiten  Hälfte  der  20er  Jahre 
waren  sie  aber  nur  ein  letzter  Anlaß,  denn  damals  begannen 
sie  ja  erst.  Die  eigentliche  Ursache  lag  tiefer.  Wir 
erinnern  uns,  wie  sich  im  16.  Jahrhundert  die  Bedin- 
gungen für  das  wirtschaftliche  Fortkommen  in  den  Städten 
verschlechterten.  Mochte  der  einzelne  in  einer  ruhig  dahin- 
fließenden Zeit,  in  der  sich  die  Wirkung  der  veränderten 
Wirtschaftslage  nur  allmählich  fühlbar  machte  und  die  Hoff- 
nung auf  bessere  Tage  ihn  vertrösten  konnte,  noch  zögern, 
die  Heimat  zu  verlassen,  so  entschloß  er  sich  dazu  rasch  in 
einem  Augenblicke,  da  ihm  bei  seinem  kümmerlichen  Aus- 
kommen auch  noch  außerordentliche  Leistungen  zugemutet 
wurden.  Wohin  sich  die  Märker  aber  wandten,  meldet  uns 
eine  späte  Mitteilung  Stendals  vom  Jahre  1641,  in  der  es 
heißt,  daß  die  Tuchmacher  nach  Hamburg  in  Dienste  ge- 
gangen seien  '^),  und  die  Eingabe  der  Stände  an  Schwarzen- 

1)  Prot,  und  Eel.  I,  S.  178. 

2)  Ebenda,  S.  443. 

3)  B.  G.  St.  Eep.  53.  37.     Eingabe  von  1641  Okt.  31. 


44  Geschichtliche  Studien.  II.  1. 

berg  vom  Ende  des  Jahres  1640,  in  der  sie  klagen,  daß  die 
Einwohner  sich  nach  Polen,  Sachsen,  Holstein  und  die  See- 
städte gewandt  hätten  ^).  Daraus  erkennen  wir,  daß  es  im 
Laufe  des  Krieges  zu  einer  territorialen  Umschich- 
tung der  Bevölkerung  Deutschlands  gekommen  ist. 
Nur  für  wenige  dieser  Städte,  resp.  Länder  hegen  exakte 
Untersuchungen  über  die  sozialökonomischen  Folgen  des 
Krieges  vor.  Sollte  sich  aber  für  andere  dasselbe  heraus- 
stellen, was  für  Sachsen  als  ebenso  bestimmt  wie  für  Ham- 
burg gelten  kann:  daß  ihre  Bevölkerung  im  Laufe  des 
Krieges  eine  Vermehrung  erfuhr  -),  so  wäre  dies  die  Be- 
stätigung einer  Vermutung,  die  erst  neuerdings  geäußert 
worden  ist:  daß  es  bei  einer  Abnahme  der  Einwohner  in 
dem  einen  Lande  zu  einer  Zunahme  im  anderen  kam,  daß 
jene  und  diese  sich  oft  kompensierten  •^). 

Wenn  wir  nun  aber  zu  unserem  Ausgangspunkt,  der 
Frage  nach  dem  Grunde  des  Bevölkerungsrückganges  und 
seiner  Verschiedenheiten  in  den  altmärkischen  Städten  zu- 
rückkehren, so  können  wir  jetzt  zusammenfassend  sagen,  daß 
seine  Hauptursachen,  und  für  Salzwedel  die  alleinigen,  zu 
suchen  sind:  in  der  Unfähigkeit  der  städtischen  Bevölkerung^ 
aus  sich  selbst  heraus  oder  durch  fremde  Zuwanderung  die 
Seuchenverluste  zu  ergänzen,  und  in  der  Auswanderung  der 
Bürger  aus  ihrer  Heimat;  daß  die  größere  Abnahme  im 
Osten  vielleicht  durch  eine  gegenüber  ihrem  früheren  Auf- 
treten erhöhte  Wirkung  der  Pesten,  vielleicht  auch  durch 
ein    bedeutenderes    Auslaufen    verursacht    worden    ist;    daß 


1)  U.  und  A.  X.  S.  81. 

2)  Vgl.  Wuttke,  S.  65,  und  Schmoller  (1884),  S.  1044  (die 
Schätzung  des  Italieners,  der  für  Hamburg,  das  1594  nur  19000  Ein- 
wohner hatte,  1663  nicht  weniger  als  100000  annimmt,  mag  übertrieben 
sein ,  an  einem  bedeutenden  Bevölkerungszuwachs  wird  man  gleichwoh 
nicht  zweifeln  können);  für  Lübeck  hat  Eeisner,  S.  83ff.,  106,  fest 
gestellt,  daß  die  Einwohnerzahl  nach  dem  30jährigen  Kriege  nicht  geringer 
als  vor  ihm  war. 

3)  Vgl.  Hoeniger,  S.  430. 


II.  1.       Kaphahn,  Die  wirtsehaftl.  Folgen  d.  30 jähr.  Krieges  usw.  45 

endlich  Mord  und  Waffentod  zur  allgemeinen  Reduktion  der 
Einwohnerzahl  am  wenigsten  beigetragen  haben  ^). 

Nur  sehr  allmählich,  in  einem  Zeitverlaufe,  der  sich  bis 
tief  ins  19.  Jahrhundert  hinein  erstreckt '-),  sind  die  alt- 
märkischen Städte  wieder  zu  der  Bevölkerungshöhe  gelaugt, 
die  sie  vor  dem  30jährigen  Kriege  hatten,  und  die  Be- 
mühungen des  Großen  Kurfürsten ,  durch  Steuerbefreiungen 
und  andere  Privilegien  Leute  in  die  Städte  zu  locken,  waren 
anfangs  nur  von  ganz  geringem  Erfolge  gekrönt. 

Welches  sind  nun  die  Folgen  dieser  dauernden  Ein- 
wohnerabnahme für  das  äußere  Bild  der  Städte  gewesen, 
oder,  wenn  wir  in  der  Frage  den  Weg  angeben  wollen,  auf 
dem  wir  sie  zu  beantworten  suchen:  welchen  Verlust  an 
Immobilien  führte  der  Krieg  für  die  Städte  herbei? 

Bei  dem  Abgang  an  Häusern  denkt  man  zuerst  an  die 
Wirkungen  der  „Kriegsfackel".  Aber  keine  der  Feuers- 
brünste im  .30  jährigen  Kriege,  soweit  uns  darüber  Mitteilungen 
erhalten  sind,  ist  durch  das  Kriegswesen  verursacht  worden, 
und  ihre  Zahl  hat  in  seinem  Verlaufe  gegenüber  der  Zeit 
vor-  und  nachher  nicht  zugenommen.  Die  Art  des  Haus- 
baues und  die  Unzulänglichkeit  der  Schutzvorrichtungen 
gegen  Feuer  ließen  noch  zu  Beginn  der  Neuzeit  die  Städte 
häufig  unter  ausgedehnten  Bränden  leiden:  so  Altsalzwedel 
1535,  1595,  1600,  1629,  1686^);  Neusalzwedel  1474,  1559, 


1)  Bestimmter  wird  man  sich  nach  den  vorliegenden  Tatsachen  nicht 
ausdrücken  können.  Wenn  Meinardus,  S.  CXXII  behauptet:  „Nur  die 
wenigsten  Bürger  der  Städte  waren  in  der  Lage,  sich  und  ihre  Familie 
durch  die  Flucht  dem  allgemeinen  Verderben  zu  entziehen,  da  dazu  be- 
deutende Geldmittel  gehörten;  der  Verlust  an  Menschenmaterial,  den  die 
kurmärkischen  Immediatstädte  im  30jährigen  Kriege  erlitten,  ist  denn 
auch  wesentlich  durch  das  Schwert  (sie !)  und  die  Seuchen  herbeigeführt  wor- 
den", so  bleibt  er  uns  für  diese  Behauptung  nur  den  Beweis  schuldig, 
den  er  wohl  auch  schwerlich  zu  erbringen  imstande  sein  würde. 

2)  Stendal  z.  B.  erreichte  erst  in  den  60  er  Jahren  des  19.  Jahr- 
hunderts  wieder   eine  Einwohnerzahl  von  8—9000,   vgl.  Götze,  S.  570. 

3)  Bekmann,  V.  I.  3.  Kap.  Sp.  73 f.  —  Die  drei  mittleren  Brände 
finden  ihren  urkundlichen  Beleg  in  einer  Eingabe  der  Stadt  von  1645 
Sept.  30.    B.  G.  St.  Rep.  53.  40. 


46  Geschichtliche  Studien.  II.  1. 

1630  (Verlust  eines  Hauses),  1673  ^);  Gardelegen  1526,  in 
den  60  er  und  80er  Jahren  des  16.  Jahrhunderts,  1646,  1648, 
1658  (Verlust  von  120  Häusern),  1 667  (Verlust  von  80  Häusern), 
1685  (Verlust  von  142  Häusern)  -);  Tangermünde  1617 
(Verlust  von  486  Häusern  und  53  Scheunen),  Ende  der 
70er  und  Anfang  der  80er  Jahre  des  17.  Jahrhunderts-^); 
Osterburg  1515,  1526,  1565,  1573,  1633  (Verlust  von 
220  Häusern)  ^);  Werben  1596,  1659  (Verlust  von  5  Häusern), 
1660  (Verlust  von  15  Häusern),  1674  (Verlust  von  2  Häusern), 
1692/93  •^);  Stendal  endlich  1595,  1642  (durch  Blitz  ver- 
ursacht), 1648  (ebenfalls),  1660'').  Für  Seehausen  reicht 
die  Tradition  nicht  bis  zum  Krieg  zurück;  doch  zweifellos 
verhielten  sich  hier  die  Dinge  nicht  anders  als  in  den  übrigen 
Städten,  und  ein  durch  das  Brennen  der  Soldaten  ent- 
standener Hausschaden  wird  sich  auch  hier  kaum  nach- 
weisen lassen  ').  Was  aber  die  Tatsache  anbetrifft,  daß  die 
Soldaten  Gebäude  einrissen  und  das  Holz  zu  ihren  Lager- 
feuern verwandten  —  was  man  ihnen  besonders  verdachte  *)  — , 
so  handelte  es  sich  wohlgemerkt  immer  um  verlassene,  „wüste" 
Häuser,  und  die  Soldaten  leiteten  nur  einen  Vorgang 
ein,  den  die  Bürger  später,  in  Friedenszeiten,  fortsetzten. 
W^as  sollte  man  auch  mit  den  „desolaten"  Grundstücken 
beginnen?  Einzelne  Einwohner  kauften  sie  bei  einem  ziem- 
lichen Angebot  und  geringer  Nachfrage  um  billiges  Geld, 
beseitigten,  wie  es  wenigstens  in  Tangermünde  und  Stendal 
geschah,  die  einfallenden  Gebäude  und  verwandelten  sie  in 


1)  Bekmann,  Y.  I.  3.  Kap.  Sp.  118. 

2)  Ebenda,  4.  Kap.  Sp.  64  ff. 

3)  Ebenda,  6.  Kap.  Sp.  57. 

4)  Ebenda,  7.  Kap.  Sp.  42  f.  —  B.  gibt  den  letzten  Brand  für  1631 
an;  eine  Eingabe  des  Kates  an  den  Kurfürsten  von  1634  Dez.  12.  rekti- 
fiziert ihn  aber  für  1633.  —  B.  G.  St.  Rep.  21.  110i>. 

5)  Ebenda,  8.  Kap.  Sp.  49  f. 

6)  Ebenda,  2.  Kap.  Sp.  249. 

7)  Ebenda,  5.  Kap.  Sp.  43  f. 

8)  Vgl.  Ritner,  S.  66  (Winter  1639/40).  Dasselbe  wird  aber  auch 
für  Gardelegen  1637  Okt.  27  an  den  Kurfürsten  berichtet.  —  B.  G.  St. 
Rep.  21.  68. 


II.  1.      Kaphahn,  Die  wirtschaftl.  Folgen  d.  30 jähr.  Krieges  usw.  47 

Gärten  oder  errichteten  neue  Wirtschaftsgebäude  darauf  ^). 
So  verloren  die  Städte  notwendigerweise  die  Häuser,  die 
infolge  der  reduzierten  Einwohnerzahl  verlassen  blieben.  Einem 
besonderen  Verfall  waren  dabei  die  Vorstädte  ausgesetzt; 
die  eine  Seehausens  von  39  Häusern  verschwand  vollständig  -), 
und  die  „Neustadt"  Tangermündes  zählte  vor  dem  Kriege 
91,  nach  diesem  aber  nur  noch  8  bewohnte  Stätten  ^). 

So  oft  sich  militärische  Operationen  in  der  Altmark  ab- 
spielten, haben  dann  die  Orte,  die  eine  Befestigung  erfuhren, 
Schaden  an  ihren  Fluren  erlitten,  auf  denen  Pallisaden 
und  Schanzwerke  errichtet  wurden.  Salzwedel  klagte  dies 
Mitte  1627  ^),  von  ^y erben  berichtete  Thomas  v.  d.  Knese- 
beck  1632,  daß  die  durch  Gustav  Adolf  angelegte  Schanze 
(neben  dem  Verlust  von  78  Häusern)  einen  beträchtlichen 
Abgang  von  Wiesen  und  Ackern  für  die  Stadt  zur  Folge 
gehabt  hätte  5),  und  Gardelegen  jammert  1643  über  die 
Schäden,  die  es  an  seinen  Gärten  erfahren  habe  ^).  Tanger- 
münde endlich  litt  besonders  unter  dem  verschanzten  Feld- 
lager, daß  der  dänische  General  Fuchs  1626  in  unmittel- 
barer Nähe  der  Stadt  zu  seiner  Verteidigung  gegen  die 
Kaiserlichen  angelegt  hatte ;  R  i  t  n  e  r ,  der  uns  dies  berichtet, 
fügt  für  1651,  dem  Erscheinungsjahre  seines  Buches,  hinzu: 
„wie  man  denn  noch  itzo  von  solchen  Werken  auf  den 
Ackern  etwas  siehet"  '),  d.  h.  aber:  die  Folgen  waren  bei- 
nahe getilgt.  Zugegeben,  daß  sie  an  andern  Orten  länger 
sichtbar  blieben,  im  allgemeinen  muß  jedoch  betont  werden, 
daß   die   Altmärker,    sobald   wieder    friedliche   Zustände    in 


1)  Vgl.  29.  Jahresbericht,  S.  4  für  Tangermünde.  — Von  Stendal 
heißt  es  1641  Sept.  30,  daß  es  „mit  den  desolierten  Areis  also  beschafifen 
sei,  daß  die  Bürger  derselben  genießen  und  Weingarten  darauf  ange- 
richtet."    B.  G.  St.  Rep.  53.  37. 

2)  Götze,  S.  491. 

3)  Ritner,  S.  8. 

4)  B.  G.  St.  Rep.  21.  156.    Eingabe  von  1627  Juli  30. 

5)  Ebenda,  Rep.  21.  175.    Bericht  von  1632  Mai  12. 

6)  Ebenda,  Rep.  21.  58.    Eingabe  von  1643  Juli  24. 

7)  Ritner,  S.  31f. 


48  Geschichtliche  Studien.  II.  1. 

das  Land  eingezogen  waren,  drauf  und  dran  gingen, 
die  Schäden,  die  der  Krieg  geschlagen  hatte,  zu  be- 
seitigen. — 

Wenn  es  endlich  gilt,  die  wirtschaftliche  Lage  zu  prüfen, 
in  der  sich  die  städtische  Bevölkerung  nach  dem  Kriege 
befand,  so  ist  dabei  zu  scheiden  zM'ischen  dem  durch  Plün- 
derung und  Kontribution  reduzierten  Mobiliarbesitz  und  den 
Folgen  des  Krieges  für  die  kredit\virtschaftlichen  Zustände, 
miter  denen  die  Städte  in  den  Krieg  eintraten.  Diese  letz- 
teren fallen  zusammen  mit  den  Konkursen,  die  über  die 
öffentlichen  Kassen  und  viele  Private  im  Laufe  des  Krieges 
hereinbrachen,  und  der  tiefen  Verschuldung,  die  auf  dem 
Wirtschaftsleben  nach  dem  Kriege  lastete. 

Als  ein  Erzeugnis  der  wirtschaftlichen  Entwicklung  des  16. 
und  beginnenden  17.  Jahrhunderts  hat  diese  letztere  im  Laufe 
des  Krieges  zumeist  nur  durch  Aufsammlung  rückständiger 
Zinsen,  zum  wenigsten  durch  direkte  Geldentleihungen  zu- 
genommen. Der  altmärkisch-priegnitzischen  Städtekasse  ist 
während  des  Krieges  kein  Pfennig  geborgt  worden  ^),  den  Käm- 
mereien ganz  geringe  Summen-),  und  auch  die  Verschuldung 
der  Privaten,  die  sich  im  einzelnen  natürlich  unserer  Kontrolle 
«ntzieht,  wird  kaum  erheblich  gestiegen  sein.  Was  der  Krieg 
vor  allem  bewirkte,  war,  daß  die  allgemeine  Überschuldung 
offenbar  wurde  und  sich  in  ihren  verderblichen  Konsequenzen 
zeigte,  daß  Rechnung  gehalten  wurde  zwischen  Schuldner 
und  Gläubiger  und  das  starke  Mißverhältnis  zwischen  den 
auf  dem  Papiere  stehenden  Summen  und  den  wirklich  vor- 


1)  Vgl.  Götze,  S.  493 £F. 

2)  Die  Stendaler  Kämmerei  hat  1626  bis  1644:  5545  fl  6  ß  8  ^ 
Kapital  aufgenommen,  aber  auch  3429  fl  12  ß  8i  (^  an  Schulden  abgelegt; 
■die  Tangermünder  im  gleichen  Zeitraum  —  mit  Ausnahme  der  Jahre 
1627,  1635,  1637,  1639,  1641  bis  1642,  aus  denen  sich  die  Rechnungen 
nicht  erhalten  haben!  —  2311  fl  14  ß  aufgenommen  und  3826  fl  3  ß  ab- 
gelegt, also  die  Verschuldung  reduziert.  Bei  Gardelegen  und  See- 
hausen ist  eine  gleiche  Nachprüfung  unmöglich,  da  sich  hier  überhaupt 
keine,  dort  nur  einzelne  Eechnungen  aus  der  Zeit  des  Krieges  erhalten 
haben. 


II.  1.      Kaphahn,  Die  Wirtschaft!.  Folgen  d.  30jähr.  Krieges  usw.  49 

handenen  Gütern  den  Zeitgenossen  zum  Bewußtsein  kam. 
Diese  Tatsache,  die  den  Gläubigern  die  eigentliche  Natur 
ihres  Besitzes  vor  Augen  führte,  ist  es  gewesen,  die  deren 
unaufhörliche  Klagen  über  ihre  Schuldner  hervorrief. 

Wie  wir  wissen,  war  die  altmärkisch-priegnitzische  Städte- 
kasse schon  1623  zahlungsunfähig  geworden.  In  dem  Augen- 
blicke aber,  da  der  Krieg  über  die  Altmark  hereinbrach, 
verschlechterte  sich  ihre  Lage  in  einer  zwiefachen  Weise: 
einmal  dadurch,  daß  ein  großer  Teil  der  jährlichen  Schösse 
und  indirekten  Abgaben  ausblieb  und  sich  so  ihre  Einnahmen 
ständig  verminderten  ^),  zum  andern  aber  wurde  das  Drängen 
der  Gläubiger,  die  das  Ihre  zu  retten  suchten,  immer  un- 
gestümer. Ende  September  des  Jahres  1629  prophezeite 
Joachim  Schönhausen  dem  Kurfürsten  -),  daß,  wenn  die  Land- 
schaft vom  währenden  Kriegswesen  befreit  sein  würde, 
man  einen  neuen  Krieg  gegen  die  Kreditoren  werde  führen 
müssen;  denn  die  inländischen  —  durch  das  kurz  vorher  er- 
lassene Indultum  Moratorium,  d.  h.  die  aufgehobene  Ver- 
pflichtung der  Zinszahlung  und  Kapitalrückerstattung  und  Ver- 
hinderung jeglicher  Pfändung  ^),  war  es  ihnen  ausgeschlossen, 
von  ihren  Schuldnern  etwas  zu  erlangen  —  hätten  schon  ge- 
droht, ihre  Forderungen  an  Offiziere  oder  ausländische  Gläu- 
biger abzutreten.  Jene  aber  trieben  die  städtischen  Schulden- 
verpflichtungen von  einzelnen  Bürgern  —  indem  sie  sie  nach 
altem  Brauche  als  haftpflichtig  für  ihre  Kommunen  an- 
sahen ^)  —  „vi  militari",  d.  h.  durch  militärische  Exe- 
kutionen ein;  diese  suchten  durch  Repressalien,  indem 
sie  Waren  und  Geldforderungen  altmärkischer  Städter  in 
fremden  Städten  mit  Beschlag  belegten,  zu  dem  Ihrigen 
zu  gelangen.  Von  der  Kasse  selbst  komite  nur  ein  kleiner 
Teil  der  Gläubiger  etwas  erhalten,  und  je  weiter  die  Zeit 
vorrückte  um   so   weniger;    denn   die   wiederholten  Verord- 


1)  Vgl.  Götze,  S.  493f. 

2)  B.  G.  St.  Eep.  53.  28.     Bericht  von  1629  Sept.  29. 

3)  Isaacsohn  (1880),  S.  37. 

4)  Ehrenberg  (1896),  S.  19. 

Geschichtliche  Stadien.     IT.  1.  a 


50  Geschieh tliclie  Studien.  11. 1. 

nungen  des  Kurfürsten  an  die  Städte,  in  ruhiger  Zeit  den 
Schoß  wieder  einzubringen  ^),  fanden  keine  Beachtung;  im 
Gegenteil,  die  Einnahmen  der  Städtekasse  wurden  immer 
geringer,  und  nach  den  schweren  Jahren  gegen  Ende  des 
4.  Jahrzehnts  fielen  die  Schösse  überhaupt  aus. 

Der  Kurfürst  hat  indessen  auch  weiterhin  nicht  verfehlt, 
seit  1642  die  Städte  zur  Erlegung  von  V4,  seit  1647  von  V2 
des  Schosses  anzuhalten-),  jedoch  ohne  Erfolg,  und  die  in 
Arendsee  1649  versammelten  Städte  gaben  als  Grund  an, 
daß  die  brandenburgische  Kurrentkontribution  und  die  schwe- 
dischen Satisfaktionsgelder,  sowie  andere  „extraordinär  exac- 
tiones"  ihnen  eine  weitere  Leistung  unmöglich  mache  ^).  So 
blieben  denn  dem  Städtekasten  allein  die  indirekten  städtischen 
Abgaben,  die  Bierziese,  Scheifel-  und  Branntweinblasen- 
steuer, deren  Ertrag  zu  Beginn-  der  40  er  Jahre  unter 
3000  thlr  jährlich  gesunken  war,  bis  zu  Ende  dieses  Jahr- 
zehntes aber  wieder  auf  5700  thlr  stieg  und  auf  dieser 
Höhe  sich  jahrzehntelang  hielt  ^).  An  diesen  Verhältnissen 
änderte  auch  das  Dekret  vom  22.  September  1671  nichts, 
das  nur  die  Konsequenz  aus  der  eingetretenen  Entwicklung 
zog ,  wenn  es  den  Städten  die  Schoßrückstände  an  den 
Kasten  von  1625  bis  1649  vollkommen,  die  von  1650  bis 
1670  zum  allergrößten  Teil  erließ,  dagegen  erneut  die  künftige 
Erlegung  des  halben  Kurrentschosses  forderte  ■').  Wie  wenig 
ernst  aber  die  letztere  Ermahnung  gemeint  war,  bezeugt 
nicht  allein  die  Wendung  im  Dekret,  daß  man  es  damit 
zu  Anfang  auf  drei  Jahre  „versuchen"  solle,  sondern  auch  die 
erneute  Erlassung  aller  rückständigen    Schösse,   von   denen 


1)  B.  G.  St.  Eep.  53.  28.  YerordnuDgen  von  1632  Okt.  24  und  1633 
Mai  15.  —  Eep.  53.  37  von  1634  April  17. 

2)  B.  G.  St.  Eep.  53.  28.  Kurfürstliche  Befehle  von  1647  Okt.  13, 
1648  Okt.  12,  1650  Mai  30.  —  Vgl.  auch  C.  C.  M.  lY.  ILE.  1.  Kap. 
Sp.  21  ff.  Verordnung  von  1664  Sept.  19,  in  der  früherer  Erwähnung 
getan  wird. 

3)  B.  G.  St.  Eep.  53.  28.    Eingabe  von  1649  Febr.  6. 

4)  Vgl.  Götze,  S.  494f. 

5)  C.  C.  M.  IV.  III.  1.  Kap.  Sp.  29  ff. 


II.  1.       K  a  p  h  a  h  n ,  Die  wirtschaftl.  Folgen  d.  30  jähr.  Krieges  usw.  51 

kein  Pfennig  eingekommen  war,  im  Jahre  1680  ^).  Der 
Große  Kurfürst  hatte  eben  auf  einem  ganz  anderen  Weg  als 
seine  Vorfahren  seine  Einkünfte  zu  erhöhen  vermocht,  nicht 
mehr  durch  Aufnahme  hoher  Schulden,  deren  Tilgung  man 
den  Ständen  übertrug,  sondern  durch  ein  stärkeres  direktes 
Heranziehen  der  Steuerkraft  seiner  Untertanen  -).  Darum 
lag  ihm  auch  bei  weitem  mehr  die  Erlegung  der  Kontribu- 
tion, der  neuen  direkten,  und  der  Akzise,  der  neuen  indirekten 
Steuer  am  Herzen,  als  die  des  Schosses  für  die  Städte- 
kasse, deren  einzige  Aufgabe  es  noch  blieb,  die  im  16. 
und  beginnenden  17.  Jahrhundert  übernommenen  Schulden- 
summen abzulegen.  Daß  ihr  dies  aber  bei  ihren  geringen 
Einkünften  überhaupt  möglich  wurde,  bewirkte  einmal,  die 
Kassation  aller  „auf  dem  Kasten  rückständig  haftenden 
Zinsen",  wie  sie  1671  förmlich  vollzogen  wurde,  zum  andern 
aber  die  Reduktion  der  Kapitalien,  die,  soweit  sie  zur 
Zeit  des  hohen  Geldkurses  im  Beginn  der  20  er  Jahre  ein- 
gelegt worden  waren,  offiziell  auf  26l*^/o,  die  übrigen 
dagegen  auf  66t  %  herabgesetzt  wurden.  Es  ist  jedoch 
notorisch,  daß  man  in  der  „Behandlung  der  Kapitalien",  wie 
man  damals  den  Vergleich  mit  den  Gläubigern  nannte,  oft 
auf  20  bis  25  '^'^  der  von  diesen  eingelegten  Summen  ge- 
langte •^).  Die  Kreditoren  aber  begnügten  sich  angesichts  der 
eingetretenen  Verhältnisse  gern  mit  einem  Teile  der  Dar- 
lehen ihrer  Vorfahren  an  die  Kasse,  um  nur  nicht  alles  zu 
verlieren,  so  daß  der  Verordnete  des  altmärkisch-priegnitzi- 
schen  Städtekastens  1683  von  ihnen  berichten  konnte,  sie 
seien  über  alle  Erwartimg  entgegenkommend^).  Bis  1690 
hat  der  Städtekasten  auf  diese  Weise  seine  Schuldenlast  so 
weit  vermindert,  daß  der  Kurfürst,  unter  dessen  strenger  Kon- 
trolle er  jetzt  stand,  ohne  fürchten  zu  müssen,  daß  jener 
seinen    Zins  Verpflichtungen    von    neuem    nicht    nachkommen 


1)  Ebenda,  Sp.  35 ff. 

2)  Zu  Ämterverpfändungen  hat  aber  der  Große  Kurfürst  noch  ebenso 
wie  die  früheren  Hohenzollern  greifen  müssen  (vgl.  ßreysig,  S.  235,  336). 

3)  Krug,  S.  12. 

4)  U.  und  A.  X,  S.  470. 

4.* 


52  Geschichtliche  Studien.  II.  1. 

könne,  bei  ihm  von  einer  weiteren  Kapitalabtragung  absehen 
konnte  ^). 

Ein  ganz  ähnliches  Schicksal,  wie  die  gemeinsame  Städte- 
kasse erfuhren  im  Kriege  die  Kämmereien  der  einzelnen  alt- 
märkischen Städte.  Bei  ihnen  nahmen  in  gleicher  Weise  die 
jährlichen  Einkünfte  außerordentlich  ab,  nicht  allein  durch 
den  Ausfall  der  Schösse,  die  sie  ja  zu  einem  großen  Teil 
an  den  Kasten  weitergegeben  hatten,  sondern  auch  durch 
den  Abgang  der  Einnahmen  aus  den  Eigenbetrieben.  Der 
Rat  zu  Gardelegen  hatte  noch  kurz  vor  dem  Kriege  eine 
Wassermühle  gekauft,  die  sich  leidlich  mit  21  *^/o  (die  jähr- 
lichen 6  \  igen  Zinsen  für  die  Summen,  die  zu  dem  Erwerbe 
aufgenommen  waren,  abgezogen)  rentierte;  im  Laufe  des 
Krieges  aber  wurde  sie  zerstört,  so  daß  die  Einnahme  über- 
haupt ausfiel.  Aber  auch  von  den  anderen  städtischen  Pro- 
duktivanlagen, den  übrigen  Mühlen,  dem  Ziegelhof,  dem  Bier- 
und  Weinkeller  gingen  die  Einkünfte  hier  wie  in  anderen 
Städten  zurück,  und  es  ist  daher  selbstverständlich,  daß  die 
Städte  im  Laufe  des  Krieges  ihren  Zinsverpflichtungen  nur 
in  ganz  geringem  Maße  nachzukommen  vermochten.  Tanger- 
münde hatte,  vne  wir  wissen,  1624:  1459  fl  14  sh  3  -^ 
Zinsen  zu  bezahlen,  in  den  meisten  Jahren  während  des 
Krieges  (bis  1644)  leistete  es  aber  durchschnittlich  nur  373  fl 
15  sh  i/a  ^ '-);  Stendal  zahlte  1625:  2643  fl  20  sh  7  4,  während 
des  Krieges  dagegen  durchschnittlich  nur  613fl6sh3'^; 
Gardelegen  endlich  entrichtete  1624:  1012  fl  5  sh  4  ^Sf, 
1629:  — ,  1631:  40  fl,  1640:  2774  fl  16  sh  4  A,  1642: 
992  fl  6  sh  5  -5,,  1644:  1467  fl  3  sh  4  -^  (zumeist  als 
„Retardaten  so  der  Rat  schuldig  geblieben"). 

Natürlich  wurden  auch  die  Städte  durch  die  Indulta 
moratoria  seit  1629  vor  Exekutionen  wegen  Verpflichtungen, 
die  sie  nicht  erfüllen  konnten,  geschützt.  Daß  sie  aber 
—  namentlich   von   seiten   ausländischer   Gläubiger  —  sich 


1)  Schmoller  (1909),  S.  42. 

2)  Die  Jahre,  aus  denen  die  Kämmereirechnungen   nicht  auf  uns  ge- 
kommen sind,  siehe  S.  48  Anm.  2. 


n.  1.       Kaphahn,  Die  wirtschaftl.  Folgen  d.  30 jähr.  Krieges  usw.  53 

dieser  nur  schwer  erwehren  konnten,  erweist  z.  B.  die  Bitte 
Gardelegens  an  den  Kurfürsten  1641,  die  Immission  in 
die  stendalische  Mühle  und  die  Kellerintraden  zu  ver- 
hindern 1).  Namentlich  die  eingelagerten  Offiziere  verstanden 
sich  darauf;  1642  klagten  sämtliche  altmärkischen  Städte, 
daß  jene  die  Forderungen  der  Kreditoren  übernähmen  und 
sie  „vi  militari"  eintrieben  -),  und  ein  Jahr  vorher  haben 
alle  märkischen  Städte  geklagt,  daß  die  Soldaten  sieh  von 
14  zu  14  Tagen  „mandata  executorialia"  zu  verschaffen 
wüßten  und  sowohl  öffentliche  als  auch  private  Güter  an 
sich  brächten  '''). 

Von  den  größeren  Städten,  deren  Kämmereirechnungen 
sich  erhalten  haben,  wissen  wir,  daß  sie  sich  unmittelbar 
nach  dem  Kriege  bemühten,  rückständige  Zinsen  und  einen 
Teil  der  Schuldenlast  abzulegen.  Gardelegen  z.  B.  hat 
in  den  Jahren  1645  bis  1654  (mit  Ausschluß  von  1653) 
7753  fl  12  sh  85  A  restierender  Zinsen  und  3460  fl  20  sh 
7  -^  an  Kapital  ausgezahlt,  ja  sogar  1007  fl  16  sh  zinsbar 
neu  ausgeliehen ;  und  Stendal  hat  im  gleichen  Zeiträume 
seine  Schulden  um  8919  fl  17  sh,  Tangermünde  die  seinen 
von  1645  bis  1648  um  1564  fl  4  sh  8  -^  vermindert^). 
Jedoch  blieb  dies  nur  ein  kleiner  Teil  ihrer  Verpflichtungen, 
der  sich  noch  weiterhin  dadurch  verringerte,  daß  die  Städte 
mit  den  laufenden  Zinsen  erneut  im  Rückstand  blieben  und 
die  restierenden  dadurch  dauernd  neu  anwuchsen.  Sie  und 
noch  viel  weniger  die  kleineren  Städte  ^)  hätten  wie  zu  einer 
Gesundung    ihres   Schuldenwesens   gelangen    können,    wenn 


1)  B.  G.  St.  Kep.  21.  58.    Eingabe  von  1641  Dez.  9. 

2)  Ebenda,  Rep.  53.  29.    Eingabe  von  1642  Sept.  3. 

3)  ü.  und  A.  X,  S.  80  f. 

4)  Vgl.  die  Käramereirechnungen  der  Städte  aus  diesen  Jahren;  die  Auf- 
zeichnungen Zahns  (f)  aus  den  Tangermünder  brechen  mit  1649  leider  ab. 

5)  In  Seehausen  sind  zwar  Verzeichnisse  über  Einnahmen  und  Aus- 
gaben der  Stadt  von  1645  bis  1650  erhalten,  jedoch  die  einzelnen  Posten 
bunt  durcheinander  geschrieben  und  infolge  des  beschädigteu  Papiers  in 
ihrem  Betrage  oft  nicht  mehr  zu  erkennen.  Daß  die  Stadt  aber  sehr  wenig 
zur  Tilgung  ihrer  Schulden  tat,  lehrt  der  Umstand,  daß  sie  vom  22.  März 
1659  bis  22.  März  1660  ganze  23  thlr  12  gr  dafür  aufbrachte. 


54  Geschichtliche  Studien.  II.  1. 

nicht  auch  ihnen  der  Kurfürst  zu  Hilfe  gekommen  wäre.  In 
dem  schon  erwähnten  Edikt  von  1671  annuHierte  er  auch 
alle  rückständigen  Zinsen  der  Kämmereien  an  ihre  Gläubiger, 
und  riet  den  Städten,  was  sie  schon  lange  getan,  mit  diesen 
über  die  Rückzahlung  nur  eines  Teiles  der  Kapitalien  zu  einem 
möglichst  billigen  Vergleich  zu  kommen.  Auf  diese  Weise 
sind  die  märkischen  Kommunen  bis  gegen  1750  zu  fast 
vöUiger  Schuldenfreiheit  gelangt  ^). 

So  mußten  sich  denn  die  Kinder  und  Kindeskinder  mit 
einem  geringen  Teile  dessen  begnügen,  was  die  Väter  und 
Vorväter  in  die  Städtekasse  und  Kämmereien  eingezahlt  — 
was  sie  in  Wirklichkeit  aber  dem  Kurfürsten  geliehen  hatten ; 
denn  seine  Schulden  wurden  davon  bezahlt.  Und  sie  teilten 
jetzt  das  Schicksal,  das  über  die  Kapitalisten  in  den  süd- 
deutschen Städten  schon  in  der  zweiten  Hälfte  des  16.  Jahr- 
hunderts hereingebrochen  war  -),  indem  auch  sie  ihr  Ver- 
mögen durch  den  Kredit  verloren,  den  sie  Fürsten  gewährt 
hatten;  nur  mit  dem  Unterschiede,  daß  es  im  Süden  fremde, 
französische  und  spanische,  im  Norden  dagegen  einheimische 
waren,  die  sich  die  Kreditfähigkeit  der  Untertanen  zunutze 
gemacht  hatten,  und  daß  die  Zwischeninstitute  der  Städte- 
kasse und  Kämmereien  deu  Sachverhalt  nicht  auf  den  ersten 
Blick  erkennen  ließen. 

Doch  dieser  starke  Vermögensverlust  ihrer  Gläubiger  ^) 
war  nicht  das  einzige,  was  das  Schicksal  der  öffentlichen 
Kassen  im  30jährigen  Kriege  bewirkte.  Unter  den  Kredi- 
toren waren  manche  im  Verlaß  auf  Summen ,  die  sie  beim 
Städtekasten  oder  bei  den  Kämmereien  stehen  hatten,  ander- 
weitige Verpflichtungen  eingegangen.  Diese  mußten  in  dem 
Momente  zahlungsunfähig  werden,  als  ihre  Gläubiger  die 
Summen  zurückverlangten  und  sie  doch  ihre  Guthaben  bei  den 


1)  Schm oller  (1909),  S.  42. 

2)  Ehrenberg  (1895),  S.  41. 

3)  Darunter  befanden  sich,  wie  schon  erwähnt,  auch  Witwen  und 
Waisen,  ferner  pia  corpora.  An  ihren  Kapitalien  wurde  weder  eine 
Eeduktion  vorgenommen,  noch  die  ihnen  zu  zahlenden  rückständigen 
Zinsen  kassiert.     Vgl.  v.  Raum  er,  S.  332  Anm. 


11,1.       Kaphahn,  Die  wirtsebaftl.  Folgen  d.SOjähr.  Krieges  usw.  55 

Kassen  nicht  zu  heben  vermochten.  Über  manchen  Schuldner 
ist  im  Laufe  des  Krieges  der  Konkurs  hereingebrochen, 
vor  dem  sie  oft  auch  die  seit  1629  erlassenen  Indulta 
moratoria  nicht  zu  schützen  vermochten;  denn  1633  be- 
richtete Thomas  v.  d.  Knesebeck  dem  Kurfürsten,  daß  er 
trotz  des  Indults  und  wider  seinen  Willen  mitunter  gegen 
die  Schuldner  Exekutionen  anbefehlen  müsse,  „weil  die 
Kreditoren,  darunter  auch  viele  ausländische  seien,  haufen- 
weise mir  auf  den  Hals  rücken,  mit  großem  Ungestüm 
und  Unbescheidenheit  auf  Exekution  drängen  .  .  .  und  Re- 
pressalien nicht  allein  dräuen,  sondern  auch  an  vielen 
Orten  zu  Werke  zu  richten  sich  unterfangen"^).  Die  In- 
dulte sind  aber,  wie  schon  gesagt,  unter  Georg  Wilhelm 
immer  wieder  erneuert  worden  und  1643  auch  unter  dem 
Großen  Kurfürsten,  freilich,  da  es  sich  in  diesem  Jahre  schon 
darum  handelte,  endlich  damit  zu  beginnen,  aus  den  ver- 
worrenen Verhältnissen  des  Krieges  herauszukommen,  nur  für 
Schuldverpflichtungen  von  über  300  thlr;  außerdem  sollten 
in  den  nächsten  drei  Jahren  4  %  laufende  Zinsen  und  3  % 
von  den  versessenen  gezahlt  werden,  so  daß  die  Schuldner 
eine  7  %  ige  Verzinsung  ihrer  geliehenen  Kapitalien  auf  sich 
nehmen  mußten  -).  Doch  sie  haben  dieser  Bestimmungen  nicht 
geachtet,  und  sind  dadurch  in  immer  größere  Verschuldung 
geraten.  Am  25.  Juni  1647  schrieb  Thomas  v.  d.  Knesebeck 
an  seinen  Bruder  Hempo:  „Was  die  Indulten  bisher  ge- 
nutzet haben,  hat  der  Ausgang  erwiesen";  „bei  währendem 
Indulto,   so  S.  Ch.  D.  den  Ständen  anno   1643  erteilet,   ist 


1)  B.  G.  St.  Rep.  53.  84.    Bericht  von  1633  Juni  26. 

2)  C.  C.  M.  11.  II.  Sp.  3 ff.  —  Daneben  wird  verordnet,   daß  das  In- 
dult sich  fernerhin  nicht  beziehe: 

1.  auf  wachende,  d.  h.  unverzinsliche  Krämerschulden;  diese  müssen 
gezahlt  werden,  außer  wenn  sie  schon  in  eine  verzinsliche  Schuld  um- 
gewandelt worden  sind. 

2.  auf  das,  „was  Handelsleute  unter  sich  einander  verschrieben 
und  in  ihre  Handlung  hineinläuft". 

3.  auf  Pakte  der  Schuldner,  auf  die  sie  sich  mit  ihren  Gläubigern 
über  die  Abtragung  ihrer  Verpflichtungen  verglichen  haben. 


56  Geschichtliche  Studien.  II,  1 . 

nichts  gezahlet  und  der  moderierte  Zins  je  so  wenig  als 
die  graviores  usurae  auskommen'';  „die  Debitores  sind 
dadurch  in  ein  weiteres  Stocken  geraten,  und  ist  ihnen 
das  Werk  schwerer  als  vorhin  geworden"  ^).  Obwohl  sich 
der  Kurfürst  dieser  Wirkungen  bewußt  war,  hat  er  das 
Indult  bis  zum  Beginn  der  50  er  Jahre  noch  dreimal  er- 
neuert, und  den  Schuldnern  Zeit  zur  Erholung  und  Ge- 
legenheit zu  „gütlicher  Handlung"  mit  ihren  Kreditoren, 
d.  h.  zu  einem  Vergleich  mit  diesen  über  ihre  Verpflich- 
tungen gegeben  -);  denn  allzu  viele  Existenzen  wären  ihr 
zum  Opfer  gefallen,  wenn  der  Exekution  freier  Lauf  gelassen 
worden  wäre. 

Es  war  ein  außerordentlicher  Druck,  der  durch  diesen 
Zusammenbruch  der  Kreditwirtschaft,  wie  sie  sich  in  be- 
sonderem Maße  im  16.  und  beginnenden  17.  Jahrhundert 
herausgebildet  hatte,  auf  dem  städtischen  Wirtschaftsleben 
nach  dem  Kriege  lastete,  und  es  bedurfte  einer  langen 
Zeit  bis  alle  seine  Folgen  getilgt  waren.  Jedoch  ist  dies 
eine  Katastrophe  gewesen,  zu  der  der  Krieg  nur  den 
letzten  Anstoß  gab;  unmittelbarer  wirkte  er  dagegen  auf 
das  Schicksal  der  realen,  mobilen  Wirtschaftsgüter  durch 
die  Kosten,  den  Geldverlust,  den  er  dem  Lande  verur- 
sachte. 

Wenn  man  bisher  diesen  zu  ermitteln  suchte,  so  ver- 
fuhr man  —  ähnlich  wie  die  Zeitgenossen  des  Krieges  — 
so,  daß  man  sämtliche  geleistete  Kontributionen  aus- 
zumitteln  suchte  und  die  durch  Raub  und  Plünderung 
verursachten  Schäden  schätzungsweise  hinzurechnete.  Auf 
diese  Weise,  durch  Summierung  sämtlicher,  irgend  zu  er- 
mittelnder Verluste  aller  einzelnen,  hat  z.  B.  Thomas 
V.  d.  Knesebeck  den  durch  die  Einlagerung  der  kaiser- 
lichen Truppen  für  die  gesamte  Altmark  entstandenen 
Mobihenabgang  auf  rund  4000000  thlr  berechnet  und  Götze 


1)  U.  und  A.  X,  S.  161  f. 

2)  Isaacsohn  (1880),  S.  169. 


II.  1.      Kaphahn,  Die  wirtschaftl.  Folgen  d.  30jähr.  Krieges  usw.  57 

die  gesamten  Kriegskosten  für  Stendal  auf  8 — 900  000  thlr 
geschätzt  ^). 

Ganz  davon  abgesehen,  daß  die  so  heransgerechneten 
Summen  stets  unzulänglich  bleiben  müssen,  da  die  Kontri- 
butionsrechnungen sich  an  keinem  Orte  erhalten  haben  und 
wir  im  letzten  Grunde  auf  Schätzungen  angewiesen  sind» 
machen  sich  gegen  die  Berechtigung  dieses  Verfahrens  starke 
Bedenken  geltend. 

Nehmen  wir  die  Kontributionen,  die  die  Städte  ge- 
leistet haben!  Was  sagen  uns  diese  Summen?  Daß  so 
und  so  viel  Geld  aus  der  Hand  der  Bürger  in  die  der 
Soldaten  geflossen  ist.  Es  wäre  aber  ein  großer  Irrtum 
zu  glauben,  diese  Summen  stellten  den  Kapitalverlust  für 
die  Städte  dar.  Gewiß  haben  wir  Nachrichten  von  der 
Virtuosität,  auf  die  sich  manche  Feldherren  des  30jährigen 
Krieges  verstanden,  binnen  kurzem  ungeheure  Gelder  auf- 
zuhäufen, die  sie  meist  in  ausländischen  Banken  anlegten  und 
dadurch  dem  Beutel  der  Bürger  dauernd  entzogen-);  indes 
ein  reichlicher  Teil  des  Soldes,  namentlich  der  Soldaten,  aber 
auch  der  Offiziere  kehrte  tatsächlich  in  die  Hände  der 
zahlenden  Einwohner  zurück.  Nicht  allein,  daß  diese  mit- 
unter Entgelt  für  tägliche  Kost  forderten,  so  daß  Pappen- 
heim von  Stendal  aus  1628  an  den  Rat  von  Gardelegen  ein 
Schreiben  richten  konnte,  in  dem  er  es  für  unbillig  hielt, 
wenn  den  Soldaten  und  Offizieren  für  „die  wenige  Speis, 
so  ihnen  von  der  Bürgerschaft  gereicht  worden",  etwas  ab- 
genommen würde  ^);  bei  längeren  Einquartierungen  boten  sich 
dem  Soldaten  auch  noch  andere  Gelegenheiten,  das  Geld  da 
wieder  in  Umlauf  zu  setzen,  wo  er  es  empfangen  hatte.  Da 
gab  er  es  Küstern  und  Pfarrern  für  die  Taufen  seiner 
Kinder  und  für  Trauungen,  da  feierte  er  aus  diesen  und 
anderen  Anlässen  Feste  und  Gelage,  aus  denen  Bäcker, 
Fleischer  und  Krämer  ihren  Vorteil   zogen,   da   legte  er  es 


1)  B.  G.  St.  Eep.  53.  12.    Bericht  von   1630   April  30.  —   Götze, 
S.  493. 

2)  Lorentzen,  S.  15  Anm. 

3)  Götze,  S.  457. 


58  Geschichtliche  Studien.  II.  1. 

in  den  Ratskellern  oder  bürgerlichen  Schenkstuben  in  Bier 
und  Wein  an,  oder  er  nahm  die  Dienste  der  Handwerker 
anderweitig  in  Anspruch  ^). 

Was  aber  das  durch  die  Soldaten  geraubte  Gut  anbe- 
trifft, so  haben  die  Bürger  oft  daraus  Vorteil  gezogen,  indem 
sie  diesen  ihre  Beute  zu  Spottpreisen  abkauften.  Schon  in 
einem  Patent  von  1627  heißt  es,  daß  sich  „Leute  finden, 
sonderlich  in  den  Städten ,  die  da  wenig  beachten ,  ob  es 
auch  christlich,  ehrbar  und  billig  sei,  seines  Nachbarn 
wohlerworbenes  Gut  mit  unrechtmäßigem  Titel  an  sich  zu 
bringen",  indem  sie  den  Soldaten,  „was  diese  an  fahrender 
Habe,  auch  zinnern,  messingen,  kupfernen  Hausgerät,  Klei- 
dung, Bett  und  Leinewand  geraubt  hätten",  „um  ein  Hunde- 
geld" abkauften  -),  und  die  Erneuerung  des  Mandates  im 
Jahre  1631  und  1635  beweist  ^j,  wie  dieses  Geschäft  den 
ganzen  Krieg  hindurch  weiter  blühte.  Speziell  für  die  Alt- 
mark wird  es  uns  für  1627  von  den  Kaiserlichen  berichtet, 
daß  sie  das  geraubte  Vieh  zu  Spottpreisen  verkauften: 
einen  Ochsen  statt  für  8  bis  16  für  2  thlr,  eine  Kuh 
statt  für  4  bis  8  für  li  thlr,  ein  starkes  Schwein  statt 
für  3  bis  4  für  1  thlr,  einen  Hammel  oder  ein  Schaf 
statt   für    21  bis  24  für  6  gr;   dasselbe   für   1631  ^).     Vom 


1)  Es  ist  durchaus  irrig,  sich  das  Verhältnis  zwischen  Soldaten  und 
Bürgern  als  das  einer  permanenten  Vergewaltigung  dieser  durch  jene  vor- 
zustellen. Gewiß  kam  es  vor;  aber  es  wird  doch  stets  als  Exzeß  ange- 
führt, für  den  man  Strafe  fordert ;  gerade  aus  der  schlimmsten  Zeit  für  die 
Altmark,  dem  Jahre  1637,  haben  wir  aus  Gardelegen  ein  Zeugnis  des  guten 
Einvernehmens  zwischen  Bürgern  und  eingelagerten  Soldaten,  indem  sie 
am  31.  Juli  nachmittags  und  abends  miteinander  Bossel  gespielt  und 
Wein  getrunken  haben,  das  Vergnügen  nur  das  schlimme  Ende  nahm,  daß 
ein  Fähndrich  und  mehrere  Bürger  nachts  in  der  Stadt  ruliestörenden 
Lärm  vollführten  (B.  G.  St.  Eep.  21.  68).  Dieselbe  Stadt  beschwerte  sich 
1643  Juli  23,  daß  die  Soldaten  trotz  gewisser  Taxordnung  die  Preise  für 
Brot  und  Wein  drücken  wollten  (ebenda). 

2)  C.  C.  M.  II.  III.  Sp.  11  ff. 

3)  Ebenda,  III.  II.  Sp.  35  ff.  und  43  f. 

4)  Schultz,  S.  132.  —  Die  normalen  Preise  nach  v.  Petersdorf f, 
S.  20,  und  der  Geldrechnung  des  Amtes  Diesdorf  von  Mich.  1616  17 
(M.  St.  Eep.  D.  Amt  Diesdorf  Nr.  425). 


n.  1.      Kaphahn ,  Die  wirtschaftl.  Folgen  d.  SOjähr.  Krieges  usw.  59 

Jahre  1635  endlich  erzählt  Bekmann,  daß  die  schwedischen 
und  kaiserlichen  Soldaten  eine  wohlfeile  Zeit  gemacht  und 
die  sächsischen  mit  Vieh,  Getreide  und  Kleidern  einen 
schwunghaften  Handel  getrieben  hätten  ^).  Aber  nicht  allein 
dem  Raubzeug  aus  der  Altmark  widerfuhr  dieses  Schicksal, 
auch  aus  andern  Ländern  wurde  Kriegsbeute  herbeigeschleppt, 
so  1636  eine  große  Viehherde  aus  Mecklenburg,  die  aber 
bei  Tangermünde  von  einer  Seuche  befallen  wurde,  so  daß 
ein  Teil  derselben  darob  verstarb  -). 

Daraus  erhellt,  daß  ein  großer  Teil  dessen,  was  der  ein- 
zelne verlor,  nicht  für  das  Land  verloren  blieb,  sondern  nur 
durch  Vermittlung  des  Soldaten,  der  sich  allerdings  eine 
reichliche  Provision  sicherte,  in  andere  Hände  überging,  daß 
der  „Verlust"  an  wirtschaftlichen  Gütern  zu  einem  guten 
Teil  auf  Besitz  Verschiebung  unter  den  Bewohnern  des 
Landes  hinauslief.  Hiernach  ist  aber  auch  weiterhin  klar, 
daß  die  Summe  aller  Kontributionen  und  sämtlicher  je  ge- 
raubter Güter  durchaus  nicht  mit  dem  Mobilienverlust  eines 
Landes  identisch  ist.  Um  diesen  zu  gewinnen,  müßten  ^^•ir 
jene  reduzieren;  da  wir  aber  absolut  nicht  wissen  um  wieviel, 
so  müssen  wir  bekennen,  daß  eine  Feststellung  der  Kriegs- 
schäden in  dieser  Hinsicht  überhaupt  unmöglich  ist. 

Auf  indirektem  Wege  —  über  den  Verlust  —  können  wir 
also  nicht  zu  einer  Vorstellung  von  den  mobilen  Wirtschafts- 
gütern, die  nach  dem  Kriege  noch  in  den  Städten  vor- 
handen waren,  gelangen;  aber  auch  der  einer  direkten  Er- 
mittlung ist  nur  für  den  Besitz  an  Geld  möglich.  Und  da 
zeigt  es  sich  denn,  daß  von  einer  völligen  Verarmung  der 
Bevölkerung,  wie  man  sie  sich  früher  für  ganz  Deutschland 
einbildete,  in  der  Altmark  nicht  die  Rede  sein  kann.  Vor 
allem  die  Ratsaristokratie  befand  sich  durchaus  in  keiner 
elenden  Lage.  Während  Geistliche  und  Hospitäler  durch 
die  verminderten  Einnahmen  der  Kämmereien,  vou  denen 
sie  sowohl  Zinsen  von  Kapitalien,  die  bei  ihnen  niedergelegt 


1)  Bekmann,  Y.  I.  2.  Kap.  Sp.  243f. 

2)  Eitner,  S.  56. 


60  Geschichtliche  Studien.  II.  1. 

waren,  als  auch  jährlich  Gehalt  resp.  Unterstützungssummen 
zu  fordern  hatten,  oft  nur  ein  Geringes  erhielten  und  in 
bittere  Not  gerieten,  wußten  Bürgermeister  und  Ratsherren 
sich  ihre  jährlichen  Salaria  stets  zu  sichern,  oder,  wenn  sie 
wirklich  einmal  ausfielen,  in  den  folgenden  Jahren  nachzahlen 
zu  lassen.  Am  deutlichsten  läßt  sich  dies  in  Stendal  er- 
kennen, wo  die  Kämmereirechnungen  aus  den  Kriegsjahren 
sich  fortlaufend  erhalten  haben ;  aber  auch  in  Gardelegen 
scheint  es  der  Fall  gewesen  zu  sein,  indem  die  höheren 
städtischen  Beamten  1627,  1629,  1631,  1640  jährlich  das 
Ihre  erhielten;  und  nicht  sie  allein,  auch  die  niederen,  der 
Marktmeister,  der  Holz-  und  Bettelvogt,  die  Stadtdiener 
hatten  durch  den  Krieg  nur  einen  geringen  Ausfall  ihres 
Soldes  zu  beklagen.  Hinzu  kam  noch,  daß  Bürgermeister 
und  amtierende  Ratspersonen,  sowie  der  Stadtschreiber,  mit- 
unter aber  auch  die  Stadtdiener,  Kontributionsfreiheit  ge- 
nossen und  vom  „sitzenden  Rate"  nur  wenig  gezahlt  wurde  ^). 
Ein  Beweis  im  einzelnen  für  die  relative  Wohlhabenheit  der 
Ratsaristokratie  kann  endlich  auch  die  Tatsache  sein,  daß 
Otto  Grote  vom  Stendaler  Rat  in  dem  Stendaler  Stadtdorf, 
das  die  Stadt  während  des  Krieges  an  Schwarzenberg  ver- 
pfändet hatte  und  das  aus  dessen  Besitz  in  den  des  Kurfürsten 
übergegangen  war,  1652  einen  Hof  erwerben  wollte  -)  und  daß 
Joachim  Fritze,  Bürgermeister  zu  Werben,  1650  Christoph 
von  Kröchern  auf  Lohne  vier  bewohnte  und  drei  wüste 
Kossätenhöfe  für  100  thlr  abkaufte  ='). 

Aber  auch  von  der  breiten  Bevölkerung  haben  wir  Nach- 
richten, deren  Zuverlässigkeit  ganz  unbestreitbar  ist,  daß 
wohl  ein  großer  Teil  verarmte,  ein  anderer,  wenn  auch  ge- 
ringerer es  dagegen  im  Laufe  des  Krieges  zu  etwas  brachte. 
Dies  beweisen  die  Gründe,  die  den  Landeskommissar  Chri- 
stoffer  von  Bismarck    1643   dazu    bewogen,   sich   gegen   die 


1)  So  wenigstens  in  Stendal,  wo  es  1643  Sept.  19  die  Bürgerschaft 
anläßlich  der  Huldigungsfeier,  die  die  Stadt  dem  Großen  Kurfürsten  be- 
reitete, klagte.     B.  G.  St.  Eep.  21.  155. 

2)  Prot,  und  Eel.  lY,  S.  464. 

3)  23.  Jahresbericht,  2.  Heft,  S.  85. 


II.  1.       Kaph ahn,  Die  wirtschaftl.  Folgen  d.SOjähr.  Krieges  usw.  61 

Festlegung  der  Kontributionsverteilung  unter  der  Bevölke- 
rung Stendals  zu  erklären :  AVeil  zwar  „propter  varias  et 
muliiplices  mutationes,  so  in  der  Stadt  vorgegangen,  bei 
vielen  und  meisten  das  Vermögen  abgenommen,  andere  aber, 
so  anfänglich  ob  inopiam  (von  der  Kontribution)  verschonet, 
sich  tractu  temporis  in  etwas  wieder  recolligieret ,  Nahrung 
zu  treiben  angefangen  und  dadurch  ad  pinguiorem  fortunam 
kommen"  ^).  Und  ist  dies  der  Beweis  für  eine  einzelne  Stadt, 
so  sind  es  die  Summen,  die  alle  altmärkischen  Städte  noch 
nach  dem  Kriege  an  Steuern  aufgebracht  haben,  auch  für 
sie.  Götze  befindet  sich  im  Irrtum,  wenn  er  glaubt, 
daß  die  Einnahmen  der  altmärkisch -priegnitzischen  Städte- 
kasse, die  nach  dem  Kriege  nur  noch  aus  indirekten  Ab- 
gaben bestanden,  die  gesamten  Leistungen  der  Bevölke- 
rung repräsentierten,  diese  also  zu  direkten  überhaupt  nicht 
mehr  imstande  gewesen  sei  -).  An  solchen  zahlte  sie  nicht 
allein  den  Kämmereien  laufende  und  restierende  Schösse, 
die  diese  nur  nicht  an  den  Städtekasten  weitergaben,  son- 
dern für  eigene  Zwecke  verwandten,  und  die  in  Stendal  ein 
knappes,  in  Gardelegen  ein  reichliches  Drittel  der  durch- 
schnittlichen jährlichen  Steuern  vor  dem  Kriege  betrugen  •^), 
sondern  sie  nahm  noch  dazu  die  schwere  kurbrandenburgische 
und  schwedische  Kontribution  auf  sich.  Diese  ist  für  die 
ersten  Jahre  nach  den  kriegerischen  Ereignissen  in  der  Alt- 
mark nicht  mehr  genau  festzustellen,  da  städtische  Kontri- 
butionsregister so  gut  wie  vollständig  fehlen.  Immerhin 
lassen  die  wenigen  Nachrichten,  die  wir  von  den  monatlich 
wechselnden  Summen  haben,  die  der  Kurfürst  den  Städten 
zu  erlegen  anbefahl,   einen  Schluß  auf   die  ungefähre  Höhe 


1)  B.  G.  St.  Kep.  21.  155.    Bericht  von  1643  Nov.  29. 

2)  Götze,  S.  493ff. 

3)  Die  Schoßeinnahmen  schwankten  in  den  letzten  Jahren  vor  dem 
Kriege  stark,  heliefen  sich  aher  1621  bis  1625  durchschnittlich  in  Sten- 
dal: auf  8647  fl  19  sh  1  <^ ;  1645  bis  1649:  2770  fl  17  sh  1  ^  ;  in 
Gardelegen  1621  bis  1625:  3  907  Ü  6  sh  11  <^  ,  1645  bis  1649:  1596  fl 
15  sh  7  ^;  in  Tangermünde  1621  bis  1625:  4436  fl  5  sh  1  <^,  1645 
bis  1648  aber  nur  66  fl  16  sh. 


62  Geschichtliche  Studien.  II.  1. 

der  bürgerlichen  Abgaben  an  den  Landesberrn  und  die 
Schweden  seit  1643  zu.  Im  Juni  dieses  Jahres  betrugen 
sie  2400  thlr  9  gr  an  Geld,  im  Juli  desselben  2760  thlr  16  gr 
3  -^,  im  März  1644  die  gleiche  Summe  ^);  in  den  nächsten 
Jahren  müssen  sie  dann  noch  gestiegen  sein  '-),  um  erst  gegen 
Ende  der  40er  Jahre  wieder  herabzusinken;  Januar  1649 
stellten  sie  sich  auf  1498  thlr  8  gr  1  -5^,  August  1650: 
1515  thb  10  gr  4  A,  September  1650:  1717  thlr  —  gr 
6  A  ^).  Da  aber  in  diesen  beiden  letzten  Jahren  zur  Kurrent- 
kontribution die  schwedischen  Satisfaktionsgelder  hinzu- 
kamen, zu  denen  die  altmärkischen  Städte  23  430  thlr  bei- 
brachten ^) ,  so  hielt  sich  auch  in  diesen  beiden  Jahren  die 
monatlich  von  den  Bürgern  zu  leistende  Summe  auf  einer 
Höhe  von  2500  bis  2700  thlr.  Nehmen  wir  aber  an,  daß 
der  jährlich  von  den  Bürgern  an  die  Kämmereien  ab- 
geheferte  Schoß  vor  dem  Kriege  dieselbe  Höhe  erreichte, 
wie  der  der  Kämmereien  an  die  Städtekasse  vermehrt  um 
deren  Abzüge,  1625  also  35  2701  thlr  -"}  —  was  eine  monatliche 
Abgabe  von  rund  2940  thlr  bedeutete  —  so  hätte  die  Rest- 

1)  B.  G.  St.  Kep.  24.  M.  b.  fasc.  1.  Außer  dem  Gelde  mußten  die 
Städte  den  Schweden  monatlich  noch  1691  seh  Korn,  dem  Kurfürsten 
seit  1637  die  Kriegsmetze  leisten,  d.  h.  außer  der  vom  Müller  erhobenen, 
eine  weitere  von  jedem  seh  verraahlenen  Korns,  die  in  die  kurfürstlichen 
Festungen  gebracht  wurde  (C.  C.  M.  IT.  IV.  Sp.  75  ff.). 

2)  B.  G.  St.  Eep.  53.  40.  1646  Aug.  6  gab  Salzwedel  eine  monatlich 
zu  leistende  Kontributionssumme  von  1398  thlr  3  gr  6  c)  an,  was,  da  die 
Stadt  seit  1638  40  %  der  gesamten  altmärkischen  Stadtkontribution  auf- 
brachte, auf  deren  Höhe  von  3495^  thlr  schließen  läßt. 

3)  B.  G.  St.  Rep.  24.  M.  b.  fasc.  3.  Blatt  40  ff. 

4)  Zu  den  letzten  zwei  Millionen  Satisfaktionsgeldern  an  Schweden 
gab  die  Mark  Brandenburg  64  000  thlr,  die  altmärkischen  Städte  9  022  thlr 
9  gr  2  ()  (B.  G.  St.  Rep.  53.  40).  Wenn  Prot,  und  Rel.  IV,  S.  324  von 
10009  thlr  die  Rede  ist,  so  sind  wahrscheinlich  die  Rückstände  Salz- 
wedels von  den  ersten  drei  Millionen  her  hinzugezählt,  die  Prot,  und  ReL 
IV,  S.  197  erwähnt  werden.  Zu  der  ersten  Zahlung  an  die  Schweden 
steuerte  die  Mark  Brandenburg  100000  thlr,  die  altmärkischen  Städte 
entsprechend  obiger  Quote  14409^  thlr. 

5)  Da  uns  bei  drei  Städten  die  Kämmereirechnungen  fehlen,  können 
wir  die  genauen  Summen  der  geleisteten  Schösse  aus  ihnen  nicht  ermitteln. 
Darum  siehe  S.  11  Anm.  4. 


II.  1.       K  aphahn,  Die  wirtschaftl.  Folgen  d.  SOjähr.  Krieges  usw.  63 

bevölkerung  in  den  ersten  Jahren  nach  dem  Kriege  allein 
an  Kontributionen  nahezu  dasselbe  geleistet,  wie  die  ge- 
samte an  Schoß  vor  ihm  ^). 

Diese  Tatsache  ist  durchaus  nicht  so  unerklärlich.  GewiR 
haben  die  Faktoren,  die  sich  schon  im  16.  Jahrhundert 
hemmend  für  das  städtische  Wirtschaftsleben  geltend  ge- 
macht hatten,  in  und  nach  dem  Kriege  fortgewirkt,  ja  für 
ihre  Ausbreitung  eine  günstige  Zeit  gefunden  und  die  alt- 
märkischen Bürger  beim  Kurfürsten  um  Edike  gleichen  In- 
haltes wie  vor  dem  Kriege  anhalten  lassen.  Im  Jahre  1644 
wurde  von  neuem  allen  „ledigen  und  unbesessenen  Gesellen 
wie  auch  den  fremden  Kaufleuten"  der  Aufkauf  von  Vieh, 
Getreide,  ^yolle  und  anderen  landwirtschaftlichen  Produkten 
auf  dem  Lande  außerhalb  der  Märkte  verboten  und  den 
Bauern  alle  ihre  Produkte  auf  den  städtischen  Markt  zu 
bringen  befohlen  -);  1649  klagte  Stendal  über  „fremde  Land- 
streicher, Schiebkörner,  Knübsel  und  Puttenträger,  Manns- 
und Weibspersonen,  so  nirgends  häuslich  gesessen,  . . .  welche 
hin  und  wieder  in  und  außerhalb  der  Städte,  Flecken, 
Dörfer  allerhand  Waren  und  Gewürze  brächten  und  selbe 
verfälscht  und  untüchtig  zwischen  den  Jahrmärkten  ver- 
kaufen" 3|-  1643  endlich  versuchten  die  von  Alvensleben  in 
der  Altmark  ihre  Krüge  selbst  mit  Bier  zu  verlegen  ^). 

Jedoch  darf  man  sich  nicht  vorstellen,  daß  die  den 
Städten  ungünstige  Weiterentwicklung  diesen  kaum  die 
Existenzmöglichkeit  gelassen  hätte,  daß  sie  zu  einer  Er- 
holung von  den  Schlägen  des  Krieges  gar  nicht  gelangt 
seien.  Gerade  Gardelegens  Hopfenbau  und  Bierbrauerei 
hat  nach  dem  Kriege  einen  schnellen  Aufschwung  genommen. 


1)  Daß  die  Summen,  die  der  Kurfürst  aus  seinen  Landen  schöpfte, 
in  den  50  er  Jahren  nicht  geringer  wurden,  davon  mag  eine  Behauptung 
der  märkischen  Stände  vom  27.  März  1652  Zeugnis  ablegen,  daß  sie  jetzt 
11 000  thlr  monatlich  mehr  an  Kontribution  zahlen  müßten,  als  vor  1648 
(ü.  und  A.  X,  S.  230). 

2)  C.  C.  M.  V.  II.  2.  Kap.  Sp.  86  f. 

3)  C.  C.  M.  V.  n.  3.  Kap.  Sp.  174  ff. 

4)  Prot,  und  Kel.  U,  S.  248. 


<)4  Geschichtliche  Studien.  II.  1. 

wenn  auch  die  frühere  Höhe  nicht  wieder  erreicht  wurde.  Die 
Stadt  produzierte  in  den  Jahren  1621  bis  1623  noch  durch- 
schnitthch  3232  Halbgebräu  Bier,  während  des  Krieges  wurde 
unter  den  Jahren,  von  denen  uns  die  jährhch  gebraute 
Menge  Bieres  überhefert  ist,  1631  und  1640  mit  rund 
750  Halbgebräu  der  größte  Rückgang  erreicht.  Seit  1643 
aber  stieg  die  Produktion  rasch  wieder  an,  betrug: 


1643: 

1019  Halbgebräu 

1647: 

1768  Halbgebräu 

1644: 

1156     „ 

1648: 

1827 

1645: 

1361     „ 

1649: 

1973     „ 

1646: 

1624 

1650: 

1788 

und  hielt  sich  die  folgenden  Jahre  auf  dieser  letzteren  Höhe. 
Auch  der  Export  fand  sich  wieder  ein,  und  unter  den  Län- 
dern, wohin  die  Gardelegener  Bier  „verführten",  wird  1647 
das  Halberstädtische,  Magdeburgische  und  Lüneburgische  ge- 
nannt ^).  Eine  ganz  ähnliche  Bewegung  läßt  sich  auch  in 
der  Bierproduktion  Stendals  verfolgen,  nur  daß  hier  der 
relative  Rückgang  ein  bedeutender  war.  Während  1621  bis 
1623  im  Durchschnitt  jährlich  1652  Halbgebräu  erzeugt 
und  1638  bis  1640  der  tiefste  Stand  mit  rund  150  Halb- 
gebräu erreicht  wurde,  gelangte  die  Jahresproduktion  1650 
bis  1655  auf  452  und  1655  bis  1660  auf  592  Halbgebräu, 
aber  noch  nicht  bis  zu  ^  5  der  früheren,  während  die  Garde- 
legens  nach  dem  Kriege  die  Hälfte  derselben  vor  ihm  be- 
trächtlich überstieg. 

Da  uns  die  Kämmereirechnungen  der  übrigen  Städte 
teils  mangelhaft,  teils  überhaupt  nicht  erhalten  sind,  so  haben 
wir  direkte  Angaben  über  den  Rückgang  von  deren  Bier- 
produktion zwar  nicht;  wohl  aber  ließe  sich  daran  denken, 
auf  indirektem  Wege,  von  den  Biersteuern  der  Städte  aus, 
zu  einer  Vorstellung  von  deren  Brauerei  vor  und  nach  dem 
Kriege  zu  gelangen.  Nun  beginnen  aber  die  Rechnungen 
des  Städtekastens  erst  1662  wieder,  jedoch  befindet  sich  im 


1)  B.  G.  St.  Rep.  21.  58.  Bericht  des  Ziesemeisters  von  1647  Dez.  29. 
Für  die  Bierproduktion  vgl.  die  Kämmereirechnungen  der  betreffenden 
Jahre;  ebenso  bei  Stendal. 


II.  1 .      K  a p h  a  h  n ,  Dio  wirtschaftl.  Folgen  d.  30  jähr,  Krieges  usw.  65 

Gardelegener  Stadtarchiv  ein  Verzeichnis  der  Abgaben,  die 
die  märkischen  Städte  an  die  „Neue  Biergeldkasse"  seit 
1646  zahlten  1).  Sie  betrugen  offiziell  seit  1624:  82  tWr 
für  das  Halbgebräu-);  jedoch  ergibt  sich  bei  näherer 
Prüfung,  daß  der  Einheitssatz  für  die  einzelnen  Städte 
schwankte;  Stendal  gab  knapp  4  thlr,  Gardelegen  dagegen 
nur  reichlich  3  thlr  von  jedem  Halbgebräu.  Da  wir  in- 
folgedessen nicht  wissen  können,  wie  hoch  er  sich  bei 
den  anderen  ^Städten  belief,  so  ist  die  Ermittlung  von 
deren  absoluter  Braumenge  ausgeschlossen.  Aus  den  langsam 
steigenden  Abgaben  der  Städte  läßt  sich  aber  erkennen, 
daß  auch  ihr  Braugewerbe,  das  gegenüber  demjenigen 
vor  dem  Kriege  infolge  der  Einwohnerabnahme  gewiß 
stark  zurückging,  sich  nach  dem  Kriege  bis  zu  einem 
gewissen  Grad  wieder  erholte.  Erst  im  weiteren  Verlaufe 
des  17.  und  18.  Jahrhunderts  hat  sich  der  Schwerpunkt 
der  deutschen  Bierproduktion  vom  Norden  nach  dem  Süden, 
nach  Bayern,  verlegt  -^j. 

Über  den  Rückgang  anderer  Nahruugszweige  der  alt- 
märkischen Stadtbevölkerung,  namentlich  der  Tuchindustrie, 
sind  wir  ebensowenig  imstande,  genaue  Angaben  zu  machen, 
da  irgend  welche  Abgaben  von  den  Erzeugnissen  nicht  er- 
hoben wurden  und  die  Schoßkataster  der  Städte,  die  uns 
über  die  Zahl  der  Tuchmacher  Auskunft  geben  könnten,  sich 
mit  Ausnahme  von  Tangermünde  nicht  erhalten  haben.  In 
dieser  einen  Stadt  datiert  das  späteste  vor  dem  Kriege  vom 
Jahre  1567  und  das  erste,  das  uns  über  die  Verhältnisse 
nach  ihm  Auskunft  gibt,  erst  von  1671.  Es  läßt  aber  auf 
keinen  Rückgang  des  Tuchmacherhandwerks  schließen,  wenn 
wir  1567:  58  Tuchmacher  und  1  Gewandschneider  (Tuch- 
händler), 1671  dagegen  61,  bezw.  6  zählen  können,  wozu  noch 
8  andere  Handelsleute   kamen  ^) ;   und    auf   dasselbe    deuten 


1)  Das  Archiv  ist  noch  ungeordnet,    eine  nähere  Angabe  des  Stand- 
ortes des  betreffenden  Aktenstücks  deshalb  unmöglich. 

2)  U.  und  A.  X,  S.  378. 

3)  Struve,  S.  7. 

4)  29.  Jahresbericht,  S.  3ff. 

Geschichtliche  Studien.     U    1.  c 


66  Geschichtliche  Studien.  II.  1 . 

Ritners  Worte  hin,  der  1651  von  den  Tangermünder  Tuch- 
machern rühmte,  daß  sie  „ihr  Werk  früh  und  spat  treiben, 
viele  Packen  Laken  auf  Hamburg  durch  die  Kaufleute  und 
von  dannen  nicht  ein  geringes  Geld  anhero  ins  Land  bringen 
lassen"  ^).  Daß  aber  auch  dem  Stendaler  Tuchmacher- 
handwerk, dessen  starker  Rückgang  feststeht,  ein  gewisser 
Export  blieb,  kann  die  Behauptung  des  Salzwedeler  Rates 
vom  Jahre  1641  beweisen,  daß  Stendal  jährlich  viele  hundert 
Laken  über  Salzwedel  nach  Hamburg  schickte  -).  Mag  die 
Zahlenangabe  übertrieben  sein,  an  der  Tatsache  der  Ausfuhr 
wird  man  nicht  zweifeln  dürfen. 

Ebensowenig  aber  sind  die  altmärkischen  Städte  zu  einem 
völligen  Passivhandel  herabgedrückt  worden,  sondern  haben 
nach  dem  Kriege  noch  „Commercien"  im  In-  und  Auslande 
getrieben.  Zahlreiche  Belege  finden  sich  dafür,  so  wenn 
Stendal  1643  sich  eifrig  um  die  Erneuerung  seines  Zoll- 
privilegs bemühte  und  die  Kaufleute  der  Stadt  1647  pro- 
testierten, als  man  es  mißachten  wollte  ^).  Für  Salzwedel 
verrät  sich  dasselbe,  wenn  1643  14  Kaufleute  der  Stadt 
und  ihre  Konsorten  dem  Kurfürsten  klagten,  daß  der 
Oberstleutnant  Locatello  Locatelli  ihnen  für  5068  thlr  bei 
Dömitz  Waren  abgenommen  habe,  oder  im  Jahre  1650, 
daß  im  Lüneburger  Land  auf  den  Jahrmärkten  von  ihnen 
außer    dem    üblichen    Zoll    eine    weitere    Abgabe    verlangt 


1  Eitner,  S.  12.  —  Die  Vertreter  fast  aller  übrigen  städtischen 
Gewerbszweige  sind  ungefähr  entsprechend  der  Bevölkeruno'  in  dieser  Stadt 
an  Zahl  zurückgegangen:  die  Schmiede  von  11  auf  5,  die  Müller  von  14 
auf  8,  die  Eadmacher  von  9  auf  3,  die  Böttcher  von  5  auf  4,  die  Lein- 
weber von  16  auf  5,  die  Zimmerleute  von  5  auf  3,  die  Schneider  von  10 
auf  8,  die  Kramer  von  6  auf  5  usw.  Nur  die  Zahl  der  Schlächter  ist 
von  2  auf  6,  die  der  Barbiere  von  2  auf  3,  die  der  Fischer  von  6  auf  14 
gestiegen.  Ob  der  agrarische  Charakter  der  Städte,  den  sie  ja  auch  schon 
vor  dem  Kriege  in  hohem  Maße  besaßen,  sich  durch  ihn  verstärkt  hat, 
läßt  sich  nicht  einmal  für  Tangermünde  angeben,  da  wir  wohl  wissen, 
daß  sich  hier  1567  31  Ackerbürger  fanden,  über  sie  fehlt  aber  aus  der 
Zeit  nach  dem  Kriege  jegliche  Angabe.    Vgl.  29.  Jahresbericht,  S.  3 ff. 

2)  B.  G.  St.  Eep.  53.  37.    Eingabe  Salzwedels  von  1641  Okt.  29. 

3)  C.  G.  M.  IV.  I.  1.  Kap.  Sp.  467  f.  —  Prot,  und  Eel.  IV,  S.  20. 


IL  1.       Kaphahn,  Die  wirtschaftl.  Folgen  d.  30 jähr.  Krieges  usw.  67 

würde  ^),  oder  endlich,  wie  sie  es  schon  1640  taten  und 
1652  wiederholten,  daß  im  Lüneburgischen  ihre  Güter 
mit  Beschlag  belegt  würden  ^).  Diese  letztere  Tatsache 
weist  auch  für  Seehausen  1651  Handel  auf  der  Elbe 
nach  ^).  Diese  Stadt  mag  daneben  ihren  Gewinn  aus 
dem  Lokal-,  namentlich  Viehhandel  gezogen  haben,  der  un- 
mittelbar nach  dem  Kriege  blühte,  als  er  für  das  platte  Land 
galt,  die  V^erluste  zu  ergänzen;  1645  ließ  sie  sich  vom  Kur- 
fürsten die  Abhaltung  eines  neuen  Viehmarktes  „uf  Martini" 
bewilligen  "*). 

Aus  alledem  ist  ersichtlich,  daß  von  einem  dumpfen, 
apathischen  Brüten  der  Bevölkerung  nach  dem  Kriege  in 
der  Altmark  (wie  wohl  auch  anderswo)  gar  keine  Rede  sein 
kann,  daß  diese  vielmehr  rasch  wieder  voranzukommen  suchte. 
Und  der  Genesungsprozeß  wäre  vielleicht  noch  schneller 
vor  sich  gegangen,  wenn  nicht  der  Neid  der  Bürger  die 
Besten  unter  ihnen  an  ihrem  wirtschaftlichen  Vorwärts- 
streben gehindert  hätte.  Martin  Rost,  ein  Bürger  Stendals, 
trieb  in  den  40  er  Jahren  des  17.  Jahrhunderts  einen  be- 
deutenden Wollhandel.  1645  hatte  er  bei  Calvörde  Wolle 
gekauft,  und,  da  es  ein  Quantum  war,  das  weit  über  den 
Bedarf  der  Stendaler  Tuchmacher  hinausging,  einen  Teil 
weiter  nach  Quedlinburg  zu  verhandeln  gewußt.  Doch  was 
geschah,  als  er  sie  dahin  „verführen"  wollte?  Auf  der 
Straße  wurde  er  vom  Rat  seiner  Heimatstadt  angehalten, 
aus  nichtigen  Gründen  zur  Umkehr  gezwungen,  und  seine 
Wolle  beschlagnahmt.  H.  v.  d.  Knesebeck,  der  diese  An- 
gelegenheit untersuchte,  war  empört  über  das  Vorgehen  des 
Stendaler  Magistrats:  Rost  bringe  monatlich  28  thlr  zur 
Kontribution  auf,  woher  solle  er  sie  nehmen,  wenn  ihm 
seine  Commercia  und  Nahrung  gesperrt  würden  ?   Des  ganzen 


1)  B.  G.  St.  Kep.  21.  156.    Eingabe  von  1643  Aug.  5.  —  Prot,  und 
Rel.  IV,  S.  325. 

2)  B.  G.  St.  Rep.  53.  40.    Eingabe  von  1640  März  17.  —  Prot,  und 
Rel.  IV,  S.  506. 

3)  Ebenda  IV,  S.  391. 
A)  Ebenda  UI,  S.  209. 

5* 


()8  Geschichtliche  Studien.  II.  1. 

Landes,  insonderheit  der  Städte  Aufnehmen  bestände  doch 
in  Handel  und  Wandel  ^).  Im  Jahre  1649  wurde  Rost 
des  ünterschleifs  beim  Kaufen  und  Verkaufen  von  Wolle 
beschuldigt,  aber  wiederum  unbegründet,  so  daß  er  „per 
sententiam  et  rem  iudicatam"  v^on  dem  Vorwurf  frei- 
gesprochen wurde  -). 


1)  B.  G.  St.  Eep.  21.  155.    Bericht  von  1645  April  3. 

2)  Prot,  und  Eel.  IV,  S.  269,  547. 


Drittes  Kapitel. 

Die  wirtschaftlichen  Folgen  des  50  jährigen  Krieges 
für  das  platte  Land  der  Ältmark. 


Wenn  wir  entsprechend  der  Untersuchung  für  die  Städte 
damit  beginnen,  den  Bevölkerungsabgang  festzustellen,  den 
platte  Land  der  Altmark  im  Laufe  des  30jährigen  Krieges 
erlitten  hat,  wird  es  zuerst  vonnöten  sein,  das  Gebiet, 
über  das  sich  die  Ermittlungen  erstrecken  sollen,  in  groben 
Zügen  geographisch  zu  umreißen. 

Die  Grenzen  der  Altraark  sind  zu  einem  großen  Teil 
natürliche:  im  Osten  die  Elbe,  über  die  sie  nur  östlich 
von  Stendal  in  einem  schmalen  Streifen  hinübergriff,  so 
daß  Schönhausen,  der  Geburtsort  des  Fürsten  Bismarck, 
zu  unserem  Gebiete  gehört;  im  Westen  der  erst  in  den 
Tagen  Friedrichs  des  Großen  urbar  gemachte  Drömling  und 
weiter  nördlich  die  Ohre,  im  Süden  die  Letzlinger  Heide, 
und  der  in  früherer  Zeit  bei  weitem  größere  Tangerwald ; 
im  Norden  endlich  läuft  sie  in  dem  früher  sumpfigen  Gebiet 
zwischen  Salzwedel  und  Lüchow  hin,  um  sich  weiter  im 
Osten  in  nordöstlicher  Richtung  der  Elbe  zuzuwenden  ^). 

Das  Erste  nun,  was  es  für  die  Erforschung  der  Ein- 
wohnerabnahme auf  dem  platten  Lande  festzustellen  gälte, 
wäre,  ob  nicht  ganze  Dörfer  dem  Kriege  zum  Opfer  fielen, 
ob  nicht  die  Wüstungen,  die  man  in  der  Altmark  wie  in 
anderen  deutschen  Gegenden  antrifft,  ihre  Entstehungsursache 
in   dessen  „verheerenden"  Wirkungen   haben.     Dieser   Auf- 


1)  Zahn  (1909),  S.  I. 


70  Geschichtliche  Stiulieu.  II.  1. 

gäbe  sind  wir  aber  durch  diesbezügliche  Untersuchungen 
W.  Zahns  überhoben  ').  Wie  überall  da,  wo  an  die  Stelle 
der  Volksübcrliefernng  die  exakte  wissenschaftliche  Forschung 
getreten  ist,  hat  es  sich  auch  für  die  Altmark  herausgestellt, 
daß  der  30  jährige  Krieg  absolut  keinen  Anteil  an  der  Ent- 
stehung der  Wüstungen  hat;  denn  auch  für  Bürs  (bei  Arne- 
burg), dessen  Wüstwerdung  Zahn  auf  einen  Überfall  im 
30jährigen  Krieg  zurückführen  zu  müssen  glaubt  ^j,  trifft 
dies  nicht  zu ;  in  einer  Beschreibung  der  kurfürstlichen  Amts- 
gebäude in  Arneburg  vom  April  1652  heißt  es  vom  Vor- 
werk und  Schäferei  „Bürisch",  daß  Schäferhaus  und  Schaf- 
stall in  gutem  Zustande  seien,  Scheune  und  Viehstall  da- 
gegen ausgebessert  werden  müßten  ").  Wenn  der  Ort  über- 
haupt wüst  ward,  so  daß  im  18.  Jahrhundert  ein  völlig  neues 
Vorwerk  errichtet  werden  konnte,  so  muß  es  später  geschehen 
sein.  Wohl  sind  viele  Ortschaften  im  Kriege  abgebrannt 
sie  wurden  aber  sämtlich  wieder  aufgebaut  ^). 

Für  die  Ermittlung  des  Bevölkerungsrückganges  auf 
dem  platten  Lande  der  Altmark  ^)  stehen  uns  wiederum  zwei 
Quellenarten  zur  Verfügung:  die  Kirchenbücher  und 
die  Beschreibungen  der  kurfürstlichen  Amter 
aus  der  Zeit  nach  dem  Kriege.  Aber  war  schon  in  den 
Städten  das  Material  für  statistische  Untersuchungen  mangel- 
haft, so  daß  es  nur  auf  Umwegen  gelang,  ein  vollständiges 


1)  Ebenda. 

2)  Ebenda,  S.  30. 

3)  M.  St.  Eep.  A.  23«=.    Amt  Tangermünde  Nr.  516. 

4)  Die  weitaus  meisten  Wüstungen  entstanden  vom  13.  bis  15.  Jahr- 
hundert und  zwar  aus  verschiedenen  Ursachen.  Zahn,  S.  XXIf.  führt 
deren  an :  schlechte  Lage  der  Äcker  und  unfruchtbaren  Boden ,  der  den 
Bauern  ihr  Auskoramen  nicht  gewährte,  so  daß  sie  den  alten  Herd  ver- 
lassen und  sich  eine  neue  Heimat  suchen  mußten;  Elementarereignisse, 
wie  Überschwemmungen  im  Osten;  endlich  glaubt  Z.  Wüstungen  auf 
Kriege  und  Fehden  zurückführen  zu  müssen,  die  in  jenen  Jahrhunderten 
ebenso  zahlreich  wie  harbarisch  in  der  Altmark  geführt  worden  seien; 
Seuchen  und  Hungersnöte  dagegen  seien  unbeteiligt  geblieben. 

5)  In  dieses  einbezogen  sind  auch  die  Flecken,  Mediatstädte,  zu 
denen  z.  B.  Bisraark  und  Beetzendorf  gehören. 


II.  1.       Kaphahn  ,  Die  wirtschaftl.  Folgen  d.  30jähr.  Krieges  usw.  71 

Bild  zu  gewinnen,  so  tritt  der  fragmentarische  Charakter  der 
Quellen  für  das  Land  in  noch  bedeutend  höherem  Maße 
hervor;  denn  von  den  ca.  570  Flecken,  Dörfern  und  Vor- 
werken, die  die  Altmark  gegen  Beginn  des  30jährigen  Krieges 
umfaßt  haben  mag  ^),  liegen  uns  nur  von  100  Nachrichten 
über  den  Bevölkerungsrückgang  vor.  Auf  dessen  exakte 
Feststellung  für  das  platte  Land  müssen  wir  darum  von 
vornherein  verzichten ;  höchstens,  daß  wir  uns  am  Ende  durch 
eine  vorsichtige,  mit  allem  Vorbehalt  geäußerte  Abwägung, 
ein  Gesamtbild  zu  machen  versuchen. 

Glücklicherweise  sind  aber  die  Orte,  von  denen  wir  Nach- 
richten haben,  nicht  über  das  gesamte  Gebiet  verstreut,  son- 
dern konzentrieren  sich  auf  einzelne,  unter  sich  wieder  zu- 
sammenhängende, kleinere  Teile  der  Altmark,  so  daß  wir  von 
diesen  ziemlich  genaue  Angaben  machen  können.  Sie  bilden 
ein  mittleres  Gebiet,  das  eine  leise  nach  Westen  ausgebuchtete 
Linie,  die  in  Salzwedel  anhebend  Beetzendorf  berührt  und 
zwischen  dem  Drömling  und  Klötzer  Forst  weiter  südlich 
verläuft,  von  einem  kleineren  \vestlichen,  und  eine  solche, 
die  einige  Kilometer  nordöstlich  von  Arendsee  beginnend 
südlich  nahe  an  Bismark  vorbei  bis  zur  Letzlinger  Heide 
führt,  von  einem  größeren  östlichen  abscheidet. 

Die  neun  Kirchenbücher,  die  sich  aus  diesem  Gebiete 
erhalten  haben,  ergeben  ausgezählt  folgendes  Bild: 

Flechtlingen,  Hasselbergf,     Roxförde,  Letzlingen,     Kloster  Neuendorf, 
Hilgesdorf,  Damsendorf         Wannefeld,  Clüden  Jävenitz,  Zienau 

Getr.  Getaufte  Rückgang    Getr.  Getaufte  Rückgang    Getr.  Getaufte  Rückgang 


1621-25 

—  26,0     %        —    17,0     % 

— 

11,2 

1646-50 

3,0  15,0         2,6  15,0 

2,0 

8,6 

1651-55 

3,2  13,4         3,0  15,0 

2,8 

9,0 

1656-60 

3,2  14,oll2,3  52,5  2,6  15,2ll4,5  14,7 

1,8 

9,0  8,9  20,2 
8,6 

1661-65 

3,0  9,6]        2,6  13,2 

2,6 

1666-70 

4,0  7,2  (?)      2,4  15,6 

2,0 

8,1 

1)  Nach  Zahn  (1909),  S.  469 ff.,  Tabelle  3.  Bei  der  Zählung  blieben 
ausgeschlossen :  Einzelhäuser  mit  besonderen  Namen  und  selbstverständ- 
lich alle  Gründungen  aus  späterer  Zeit;  als  solche  wurden  alle  Kolonien 
angesehen ,  dagegen  wurden  alle  Vorwerke  ohne  ausdrücklichen  Vermerk 
späterer  Gründung  mitgerechnet. 


72  Geschichtliche  Studien.  II.  1. 

Zethlingen,  Güssefeld,  Vietzen,       Benkendorf,  Llesten, 

Cheinitz  Bühne  Depekolk,  Zierau, 

Jeggeleben 
Getr.  Getaufte  Rückgang    Getr.  Getaufte  Rückgang    Geir.  Getaufte  Rückgang 

1621-25     —     7,0  %        —    10,4  %        —      9,6  7o 

1646-50    1,8     6,2 
1651-55     1,8    5,8 


1,8    5,81 

M     3,8^'S    31,4 


1656-60     1,1     3,8/"'"    "^"'^    2,0      7,6V  7,9   24,0     1,4     9,0^8,0    16,7 
1661-65     1,1       ?  2,2      6,6) 

1666-70     2,0       ?  2,6      7,0 

Beetzendorf,  Audorf,         Kuhfelde,  Valfitz, 

Siepe,  Jeetze  Käckelltz,  Wöpel,  Seetzen, 

Siedengrieben  Siedenlangenbeck 

Getr.  Getaufte  Rückgang    Getr.  Getaufte  Rückgang  Getr.  Getaufte  Rückgang 

1621-25      —     9,0  %        —    19,4^)  %        — 

1646-50    2,2     8,6  ?      ? 

1651-55     2,2    5,61  ?      ? 

'  %5   38,9 


,61.. 

5,0   20,0/"^"'^ 
1666-70    2,2     7,6  5,3    22,4  ^^"""^ 


1656-60    1,8     5,4/''''"   ^"'''     4,2   21,0\ 
1661-65     1,8     6,8  5,0   20,0f  ^^'^    ^''^ 


— 

19,0') 

7o 

'i 

20,0 

? 

15,2 

? 

15,oll4,5 

23,7 

•p 

13,2 

An  den  Taufzahlen  können  wir  nun  ganz  dieselben  Beob- 
achtungen machen  wie  bei  den  Städten:  einmal,  daß  viele 
und  die  meisten  Orte  Ende  der  40er  Jahre  noch  Einwohner 
abgaben,  andere  (wie  die  Parochie  Kloster  Neuendorf)  deren 
aufnahmen;  zum  anderen  aber,  daß  wiederum  die  niedrigsten 
Taufzahlen  sich  Ende  der  50  er,  ja  Anfang  der  60  er  Jahre 
finden,  daß  der  wirtschaftliche  Druck  des  Krieges  auch  hier 
seine  späten  Folgen  zeigte.  Wir  müssen  darum,  wenn  wir 
den  Bev^ölkerungsabgang  annähernd  richtig  bestimmen  wollen, 
den  Durchschnitt  der  50  er,  ja  mitunter  bis  zur  ersten  Hälfte 
der  60er  Jahre  nehmen.  —  Tun  wir  dies,  so  kommen  wir 
für  alle  diese  Dörfer  auf  128,6  Taufen  vor  dem  Kriege  und 
96,9  Taufen  nach  dem  Kriege,  also  einen  Gesamtverlust  von 
rund  25  "o- 

Der  Rückgang   der   meisten  Parochien  liegt  auf  der  un- 
gefähr gleichen  Höhe.     Einzelne  dagegen  weichen  stark  ab. 


1)  Von  1616  bis  16201     Die  Zahlen   des  letzten  Jahrfünfts  vor  dem 
Kriege  sind  nioht  erhalten. 


II.  1.       Kaphahn,  Die  wirtschaftl.  Folgen  d.  30jähr.  Krieges  usw.  73 

Der  außerordentliche  Bevölkerungsverlnst  in  Flechtlingen 
und  den  dazu  gehörigen  Vorwerken  einerseits  findet  vielleicht 
darin  seine  Erklärung,  daß  die  Pest  von  1626  von  den  etwa 
750  Einwohnern  die  abnorme  Zahl  von  :^06  hinwograffte; 
andererseits  scheint  der  geringe  Abgang  in  der  Parochie  Rox- 
förde  seinen  Grund  in  den  geringen  Wirkungen  derselben 
Pest  zu  haben,  indem  hier  in  den  Jahren  1625  und  1626  von 
den  rund  560  Einwohnern  nur  85,  d.  h.  nur  etwa  55  mehr  als 
gewöhnlich  starben.  Wir  werden  auf  die  Ursachen  der  Ein- 
wohnerabnahme noch  eingehender  zu  sprechen  kommen.  Für 
die  Bevölkerungszunahme  in  den  zur  Kirchgemeinde  Beetzen- 
dorf gehörigen  Dörfern  aber  ist  darauf  hinzuweisen,  daß  die 
Dörfer  in  den  Jahren  1601  bis  1605:  24,2,  in  den  Jahren 
1606  bis  1610:  24,4  jcährliche  Taufen  zählten,  durch  die  Pest 
von  1611  —  auch  das  platte  Land  wurde  von  ihr  schon 
im  16.  und  beginnenden  17.  Jahrhundert  heimgesucht  — 
jedoch  so  stark  getroffen  wurden ,  daß  sie  deren  Wirkungen 
bis  zum  Beginn  des  Krieges  noch  nicht  überwunden  hatten. 
Von  den  wüsten  Stellen,  die  es  zweifellos  in  den  Dörfern 
schon  vor  dem  Kriege  gab,  müssen  wir  uns  nach  dem  Kriege 
einige  neu  besetzt  denken.  Übrigens  läßt  sich  die  Beob- 
achtung eines  Rückgangs  der  Taufzahlen  schon  im  beginnen- 
den 17.  Jahrhundert  in  fast  allen  Dörfern  machen,  von  denen 
wir  diesbezüghche  Kunde  haben;  am  deutlichsten  in  Zeth- 
lingen  und  Cheinitz,  wo  der  jährliche  Taufendurchschnitt 
1601  bis  1605:  10,2,  1606  bis  1610:  10,  1611  bis  1615: 
9,4,  1616  bis  1620:  8,  1621  bis  1625:  7,  ferner  in  Jeetze 
und  Siepe,  wo  er  1601  bis  1605:  12,4,  1606  bis  1610: 
13,2,  1611  bis  1615:  10,6,  1616  bis  1620:  11,8,  1621  bis 
1625:  9,  in  Roxförde,  Letzlingen,  Wannefeld  und  Clüden, 
wo  er  1606  bis  1610:  21,6,  1621  bis  1625:  17,  in  Kuh- 
felde, Valfitz,  Wöpel,  Seetzen,  Siedenlangenbeck,  wo  er  1601 
bis  1605:  22,6,  1606  bis  1610:  21,8,  1611  bis  1615:  19, 
1616  bis  1620:  19  beträgt;  während  man  in  Kloster  Neuen- 
dorf, Jävenitz  und  Zienau  mit  1611  bis  1615:  8,  1616  bis 
1620:  11,8,  1621  bis  1625:  11,2  jährlichen  Taufen  im 
Durchschnitt  eine  allmähliche  Zunahme  konstatieren  kann. 


74  Gescliiditliche  Studien.  II.  1. 

Diesen  Rückgang  aber  hat  unmöglich  die  Pest  ver- 
ursacht, da  in  diesem  Zeitraum  die  genannten  Dörfer  nach- 
M'eish'ch  nicht  von  ihr  heimgesucht  wurden,  oder  wie  Zeth- 
lingen  und  Cheinitz  1611  ganz  unbedeutend;  vielmehr 
dürften  sich  hierin  die  Folgen  des  Bauernlegens  oder  des 
Abzugs  der  Bauern  in  die  Städte  zeigen,  von  denen  wir  ja 
wissen,  daß  sie  vor  dem  Kriege  die  Folgen  der  Seuchen 
nicht  allein  aus  eigner  Ergänzung,  sondern  auch  durch  Zuzug 
vom  Lande  überwunden  haben. 

Mit  dieser  Tatsache  macht  sich  aber  zugleich  auch  ein 
kritischer  Einwand  gegen  die  Brauchbarkeit  unserer  zweiten 
Qnellenkategorie,  der  Amterbeschreibungen,  geltend,  die  aus 
der  Zeit  nach  dem  Kriege  auf  uns  gekommen  sind.  Da  in 
ihnen  nicht  zwischen  den  wüsten  Höfen  geschieden  ist,  die 
schon  vor  dem  Kriege  bestanden,  und  denen,  die  erst  im 
Laufe  desselben  entstanden  sind,  so  muß,  wenn  wir  mit 
Hilfe  dieser  Verzeichnisse  an  der  Zahl  der  in  ihnen  auf- 
geführten wüsten  Höfe  den  Bevölkerungsrückgang  fest- 
stellen wollen,  der  im  Laufe  des  Krieges  entstandene  Ab- 
gang immer  etwas  kleiner  als  der  ermittelte  gewesen  sein. 
Da  aber  die  durchschnittliche  Bewohnerzahl  eines  Bauern- 
gutes infolge  der  Dünnschichtigkeit  der  10  bis  20jährigen 
nach  dem  Kriege  eine  geringere  als  vor  ihm  war,  welchem 
Umstand  die  Verzeichnisse  wiederum  nicht  Rechnung  tragen, 
so  kann  dieser  Fehler,  der  in  seiner  Wirkung  dem  früheren 
entgegengesetzt  ist,  füglich  in  Ausgleich  mit  jenem  gesetzt 
werden. 

Aus  den  Zahlen  der  Kirchenbücher  können  wir  ersehen, 
daß  es  in  den  50er  Jahren  noch  zu  keiner  Einwohnerzunahme 
in  der  mittleren  Altmark  gekommen  ist;  darum  wird  eine 
Beschreibung  des  Amtes  Neuendorf  von  1661  die  Verhält- 
nisse kaum  anders  wiedergeben  als  man  sie  nach  dem  Kriege, 
d.  h.  natürlich  zu  einer  Zeit,  da  man  bei  Wiedereintreten 
geordneter  Verhältnisse  den  dauernden  A^erlust  feststellen 
konnte,  angetroffen  haben  wird  ^). 


1)  M.  St.  E'^p.  A.  23.  Abt.  V.  Amt  Neuendorf  Nr.  3. 


U.  1.       Kaphalin,  Die  wirtschaftl.  Folgen  d.  SOjähr.  Krieges  usw.  75 

Hier  befanden  sich  aber: 


vor  dem  Kriege 
Ackerleute     Kossäten 


14 

11 

11 

7 

12 

6 

5 

5 

5 

4 


in: 

Lüf  fingen 

7 

Hemstädt 

12 

Aigenstadl 

15 

Kassieck 

13 

Seethen 

7 

Laatzke 

4 

Jävenitz 

9 

Zienau 

9 

Schwiesau 

16 

Wannefeld 

12 

Roxförde 

9 

113 


80 


nach  dem  Kriege 
Ackerleute     Kossäten 


5 

11 

14 

13 

7 

3 


14 

12 

9 


13 

10 

11 

7 

10 

6 

4 


104 


67 


Daraus  ersieht  man,  daß  der  ganze  südöstliche  Teil  des  von 
uns  abgegrenzten,  mittleren  Gebietes  der  Altmark  mit  der 
Parochie  Roxförde  den  geringen  Abgang  teilt,  wenn  hier  an 
Ackerleuten  ein  Verlust  von  nur  8  *'/o,  an  Kossäten  von 
16,25  *^/o  oder,  wenn  wir  beide  Bevölkerungsklassen  für  die 
Feststellung  des  Einwohnerrückgangs  als  gleichwertig  zu» 
sammenfassen  1),  ein  Gesamtrückgang  von  11,4  ^/o  zu  ver» 
zeichnen  ist. 

Stärker  als  im  Süden  und  in  der  Mitte  des  ausgeschiedenen 
Gebietes  der  Altmark  war  die  Bevölkerungsabnahme  im 
Norden,  worüber  uns  eine  Beschreibung  des  Amtes  Arendsee 
vom  1.  Juli  1656  Aufschluß  gibt  2). 


1)  Dies  ist  freilich  nicht  ganz  richtig;  denn  die  Kopfzahl  eines 
Hüfnergutes  war  durch  das  Gesinde  größer  als  die  eines  Kossätenhofes, 
auf  dem  nur  selten  ein  Knecht  oder  eine  Magd  oder  ein  Dienstjunge  be- 
schäftigt wurden.  Da  wir  aber  das  Größenverhältnis  nicht  kennen,  müssen 
wir  diesen  Unterschied  vernachlässigen. 

2)  M.  St.  Kep.  A.  23  c.    Amt  Arendsee,  Nr.  220,  Bl.  15. 


76 


Geschichtliche  Studien. 


II.l. 


Es  wohnten 

„für 

alters" 

„ani 

tzo" 

in: 

Hüfner 

Kossäten 

Hüfner 

Kossäten 

Leppin 

16 

9 

11 

3 

Gentzien 

11 

3 

8 

1 

Neulingen 

13 

1 

7 

1 

Gagel 

10 

7 

7 

5 

Heiligenfelde 

11 

3 

5 

3 

Tielbeer 

14 

6 

9 

3 

Sänne 

8 

3 

7 

2 

Kraatz 

6 

4 

3 

2 

Kaulitz 

17 

11 

13 

7 

Schräm  pe 

— 

15 

— 

11 

Kladen 

8 

5 

2 

1 

Ziesau 

— 

14 

— 

12 

Binde 

13 

2 

2 

1 

Gestien 

— 

13 

• — - 

6 

Zehren 

— 

11 

— 

5 

Ziemendorf 

— 

27 

— 

9 

Zülen 

7 

2 

7 

1 

Listen 

7 

1 

5 

1 

141 

137 

86 

74 

Die  Hüfner  nahmen  also  um  39  "^'o)  ^^^  Kossäten  um 
46  %,  beide  zusammengenommen  um  42,5  ^/o  ab. 

Wir  sehen,  daß  schon  in  diesem  kleinen  Gebiete  starke 
lokale  Nuancen  im  Rückgang  anzutreffen  sind,  daß 
neben  einer  geringen  Abnahme  im  Süden  eine  größere 
im  Norden  steht.  Setzen  svir  diese  beiden  Teile  in  Aus- 
gleich, so  kommen  wir  auf  einen  Gesamtrückgang  von 
30%,  den  ungefähr  gleichen  Prozentsatz,  der  sich  für  die 
Dörfer  ergab,  von  denen  uns  die  Kirchenbücher  erhalten 
sind. 

Am  Ende  erhebt  sich  nun  die  Frage  nach  dem  Bevölke- 
rungsverlust der  ganzen  mittleren  Al<^^mark.  Sie  umfaßt  etwa 
190  Flecken,  Dörfer  und  Vorwerke,  jedoch  nur  für  57  haben 


II.  1.       Kapbabn,  Die  Wirtschaft!.  Folgen  d.  SOjähr.  Krieges  usw.  77 

wir  einigermaßen  exakte  Ermittlungen  anstellen  können. 
Da  aber  diese  über  das  Gebiet  fast  in  seiner  ganzen  Aus- 
dehnung verbreitet  sind,  so  erhält  die  Vermutung  einen 
hohen  Grad  von  Wahrscheinlichkeit,  daß  der  Rückgang 
des  Teils  sich  mit  dem  des  Ganzen  deckt,  d.  h.  also,  daß 
er  für  den  gesamten  mittleren  Teil  der  Altmark  25  bis 
30  ^/o  beträgt. 

Für  das  westliche  Gebiet  haben  wir  leider  gar  keine 
unmittelbaren,  statistischen  Nachrichten  über  die  Einwohner- 
abnahme. Daß  sie  aber  auch  hier  nicht  bedeutender,  ja  noch 
geringer  als  im  mittleren  war,  das  scheint  eine  Nachricht 
des  kurfürstlichen  Amtmanns  zu  Diesdorf  aus  dem  Jahre 
1668  anzuzeigen.  Der  abgegrenzte  westliche  Teil  der  Alt- 
mark umfaßte  etwa  100  Dörfer  und  Vorwerke  und  von  29, 
die  zum  Amt  Diesdorf  gehörten,  gibt  er  an,  daß  in  ihnen 
28  Höfe,  die  im  Laufe  des  Krieges  wüst  geworden,  schon 
wieder  angebaut  seien.  Von  52  anderen  Gütern  aber  heißt 
es,  daß  „die  meisten  . . .  schon  vor  dem  Kriege  wüst  gewesen 
sein"  1).  Daraus  geht  hervor,  daß  in  jedem  Dorf  durch- 
schnittlich wenig  mehr  als  ein  Gehöft  dem  Kriege  zum 
Opfer  fiel.  Vor  diesem  zahlten  nun  in  25  dieser  Dörfer 
192  Bauern,  in  jedem  also  durchschnittlich  7,7  Geld-  resp. 
Kornzins  -).  Bei  der  Annahme,  daß  diese  ihre  gesamte 
Einwohnerschaft  bildeten-^),  ergäbe  sich  für  die  25  Orte  ein 


1)  Ebenda,  Rep.  A.  23  c.    Amt  Diesdorf,  Xr.  193,  Bl.  87  ff. 

2)  Ebenda,  Kep.  D.  Amt  Diesdorf,  Xr.  425  (Geldrechnung  von  Mich. 
1616/17)  und  Xr.  362  (KornrecbnuDg  von  Mich.  1623,24).  Es  sind  die 
Orte:  Abbendorf,  Hilmsen,  Reddigau,  Siedendolsleben ,  Hohendolsleben, 
Kortenbeck,  Fahrendorf,  Molmke,  Jübar,  Hauum,  Bornsen,  Drebenstcdt, 
Dankensen,  Scbadewohl,  Diesdorf,  Höddelsen,  Eickhorst,  Schmülau,  Markau, 
Winkelstedt,  Dähre,  Dülseberg,  Darendorf,  Mahlsdorf  und  Memke.  Da- 
gegen sind  bäuerliche  Abgaben  aus  Wiewohl,  Eustenbeck,  Melhn  und 
Wiersdorf,  die  der  Amtmann  noch  nennt,  in  den  Rechnungen  nicht  auf- 
zufinden gewesen. 

3)  Es  besteht  die  Möglichkeit,  daß  in  manchen  Dörfern  nicht  alle 
Einwohner  dem  Kurfürsten,  sondern  anderen  Gutsherren  zinspÜichtig 
waren,  so  daß  ihre  Einwohnerzahl  noch  größer  und  dementsprechend 
der  prozentuale  Rückgang  im  Kriege  noch  geringer  war. 


78 


Geschichtliche  Studien. 


n.i. 


Rückgang  von  15  bis  20  7o  ""^  derselbe  für  das  gesamte 
westliche  Gebiet,  wenn  wir  dieses  in  ihnen  repräsentiert 
erblicken  dürfen. 

Viel  beträchtlicher  ist  dagegen  der  Bevölkerungsabgang 
in  der  östlichen  Altmark  gewesen ;  wenigstens  weisen  alle  die 
wenigen  uns  erhaltenen  Notizen  darauf  hin.  In  Bismark 
trifft  man  im  Jahresdurchschnitt  an: 


1621  bis  1625 
1646  bis  1650 
1651  bis  1655 
1656  bis  1660 
1661  bis  1665 
1666  bis  1670 


23,2 

9,1 

10,6 

9,8 

9,8] 

13,4 


10,1 


Taufen,  oder  einen  Rückgang  von  56°/o;  in  den  Dörfern, 
die  in  diesem  Gebiete  zum  Amte  Neuendorf  gehörten, 
wohnten : 


m: 
Querstedt 
Volgfelde 
Börgitz 
Staats 


oder   nach    dem   Kriege    59%   weniger   als    vor   ihm  ^);    im 
Amte  Arneburg  endlich  wurden  Untertanen  gezählt: 


r  dem 

K 

riege 

1661 

Ackerleute  Kossäten 

Ackerleute  Kossäten 

10 

5 

6 

4 

12 

11 

3 

5 

6 

8 

2 

4 

8 

10 

4 

7 

36 

34 

15 

20 

vor  dem  Kriege 
in :  Ackerleute  Kossäten 

Neuendorf  a.  Speck        10  10 

Düsedau  11  12 

Staffeide  8  1 1 

Arneburg  8  11 


zu  übertragen:    37 


44 


1652 

Ackerleute  Kossäten 
10  3 

10  7 

5  3 

6  3 


31 


16 


1)  Tgl.  S.  74,  Anm.  1. 


II.  1.       Kaphahn,  Die  wirtschaftl.  Folgen  d.  30 jähr.  Krieges  usw. 


79 


r  dem 

K 

riege 

1652 

Ackerleute  Kossäten 

Ackerleute  Kossäten 

g:    37 

44 

31 

16 

5 

4 

2 

— 

7 

11 

2 

6 

8 

4 

8 

4 

4 

3 

1 

1 

? 

9 

— 

— 

12 

14 

6 

6 

4 

4 

18 

— 

3 



3 

— 

6 

— 

6 

— 

87 

98 

59 

36 

in:  Uberti 

Beelitz 
Baben 

Klein-EUingen 
Alt-Bertkow 
Polkritz 
Hindenburg 
Rohrbeck 
Niedergiesenslage 
Obergiesenslage 
ßerendorf 


Nach  dem  Kriege  war  die  Zahl  der  Ackerleute  um  35,6  '^/o, 
die  der  Kossäten  um  68,4  %,  oder  insgesamt  um  53  % 
vermindert  ^). 

Bei  diesen  kümmerlichen  Nachrichten,  die  allein  uns  vom 
östlichen  Teile  der  Altmark  vorliegen,  muß  eine  Abschätzung 
des  Bevölkerungsverlustes  des  gesamten  Gebietes  selbstver- 
ständlich stets  unsicher  bleiben.  Aber  die  erwähnten  Dörfer 
der  östlichen  Altmark  gehören  einem  Gebiete  an,  das  ohne 
Zweifel  am  meisten  im  Kriege  gelitten  hat,  auf  dem  sich 
die  Operationen  der  Kaiserlichen  gegen  Fuchs,  die  der 
Schweden  gegen  die  Kaiserlichen  abgespielt  haben,  das  Ende 
der  30  er  Jahre  stark  heimgesucht  wurde  und  das  die 
Torstensonsche  Einquartierung  in  gleicher  Weise  wie  den 
Westen,  der  Durchzug  der  Gallasschen  Völker  dagegen  in 
erster    Linie    traf,    so    daß    die   Vermutung    eines   Gesamt- 


1)  M.  St,  Rep.  A.  23  c.  Amt  Tangerraünde,  Nr.  516.  Das  Verzeichnis 
enthält  auch  noch  Angaben  über  Schwarzholz,  Kakelitz,  Krusemark, 
Eecgerslage,  Vorwerk  von  Werben,  Busch  und  Altenzaun,  wo  neben  dem 
Kurfürs-ten  Adelige  Dienste  und  Abgaben  zu  fordern  hatten.  Die  Mit- 
teilungen sind  aber  flüchtig  und  oft  unbestimmt,  zu  einer  statistischen 
Verwendung  jedenfalls  ungeeignet. 


80  Geschichtliche  Studien.  II.  1- 

Verlustes  von  50  bis  60  ^'o  für  das  gesamte  östliche  Gebiet 
bestimmt  nicht  zu  niedrig  gegriffen  ist.  Ausgeschlossen  er- 
scheint aber  selbst  hier  ein  solcher  von  75%,  wie  ihn 
Meinardus  für  das  ganze  platte  Land  der  Mark  vermutet^); 
für  das  der  gesamten  Alt  mark  gewinnt  dann  endlich  unter 
der  Voraussetzung,  daß  die  durchschnittliehe  Größe  jeder  der 
etwa  280  Siedlungen  der  östlichen,  der  rund  190  der  mitt- 
leren und  der  gegen  100  der  westlichen  Altmark  die  ungefähr 
gleiche  war,  die  Annahme  eines  Verlustes  von  ca.  40  %  der 
früheren  Bevölkerung  eine  ziemliche  Wahrscheinlichkeit. 

Es  erhebt  sich  auch  hier  die  Frage  nach  den  Ursachen. 
Bei  dem  geringen  Quellenmaterial  lassen  sich  wohl  Krieg, 
Auslaufen  der  Einwohner  und,  wie  wir  schon  sahen,  deren 
geringere  Erholungsfähigkeit  von  den  AA'irkungen  der  Pesten 
zur  Kriegszeit,  als  solche  nachweisen,  nicht  aber  die  Be- 
deutung der  einzelnen  Faktoren  für  die  schließliche  Gesamt- 
wirkung gegenseitig  abschätzen. 

Zum  Beweis  für  das  Gesagte  sei  folgendes  angeführt. 
Die  Kirchenbücher  weisen  zwar  darauf  hin,  daß  durch  Mord 
und  Waifentod  kein  bedeutender  Abgang  verursacht  sein 
kann;  denn  nur  in  den  seltensten  Fällen  enthalten  sie  die 
Nachricht,  daß  die  Soldaten  sich  am  Leben  der  Bauern  ver- 
gangen haben ;  aber  mit  Recht  läßt  sich  dagegen  einwenden, 
daß  dies  oft  geschehen  sein  kann,  ohne  daß  jemand  davon 
erfuhr,  und  die  Quellen  ja  nur  den  mittleren  Teil  der  Alt- 
mark umfassen,  vor  allem  den  Osten  nicht,  der  den  be- 
deutendsten Verlust  erlitt.  Und  ganz  ähnlich  steht's  mit 
den  Pesten,  die  sämtliche  Dörfer  1626  (8)  und  1636  (7) 
heimgesucht  haben.  In  keiner  Dorfgruppe  läßt  sich  zahlen- 
mäßig die  Wirkung  von  Seuchen  aus  der  Zeit  vor  dem 
Kriege  mit  der  in  ihm  vergleichen;  in  den  meisten  Orten 
reicht  die  Tradition  überhaupt  nicht  so  weit  zurück,  oder, 
wenn  dies  der  Fall  ist,  sind  sie  teils  verschont  geblieben, 
teils  fehlt  dann  die  Überlieferung  aus  den  20  er  und  30  er 
Jahren  des  17.  Jahrhunderts. 


1)  Meinardus,  S.  CXXIV. 


II.  1.       Kaphahn  ,  Die  wir tschaftl.  Folgen  d.  30 jähr.  Krieges  usw.  81 

In  der  Parochie  Kuhfelde,  der  einzigen,  in  der  wir  die 
Wirkung  der  Pest  von  1598  und  der  von  1626  erkennen 
können  —  1611  (1612)  blieb  der  Ort  verschont  und  für 
1636  (1637)  läßt  uns  auch  hier  die  Kirchenbuchüberlieferung 
im  Stich  —  ergibt  sich  nun  zwar  eine  Gleichmäßigkeit,  in- 
dem in  den  beiden  Jahren  die  Zahl  der  Toten  die  der  in 
den  vergangenen  Jahren  durchschnittlich  Geborenen  Simal 
übertraf;  aber  die  einzelne  Beobachtung  kann  um  so  weniger 
zur  Regel  erhoben  werden,  als  die  Zahl  der  Opfer  an 
manchen  Orten  relativ  viel  größer  war,  in  der  Parochie 
Flechtingen  1626  z.  B.  das  13^  fache  der  Tauf  zahl  früherer 
Jahre  erreichte*,  und  wir  nicht  wissen,  ob  auch  schon  im 
16.  und  beginnenden  17.  Jahrhundert  so  hohe  Verluste  zu 
verzeichnen  waren. 

Läßt  sieh  danach  mit  Sicherheit  nicht  entscheiden,  ob 
zu  der  geringeren  Erholungsfähigkeit  der  Bevölkerung  von 
den  Seuchen  im  Kriege  —  wir  haben  sie  schon  in  ihren 
späten  Folgen  in  den  50  er  und  beginnenden  60  er  Jahren 
kennen  gelernt  —  ein  verstärktes  Auftreten  der  Pest  hinzu- 
kam, so  auch  nicht  die  Bedeutsamkeit  des  dritten  Faktors 
für  die  Einwohnerreduktion  erkennen:  der  Auswanderung 
der  Bauern,  der  Verwandlung  des  seßhaften  in  einen  das 
Land  durchstreifenden  Landmann,  die  der  Krieg  bewirkte. 

Fluktuierende  Bevölkerung  war  ja  zur  Zeit  des  Krieges 
nichts  neues.  Wir  kennen  sie  aus  dem  16.  Jahrhundert, 
wie  sie  dann  im  17.  durch  die  gardenden  Landsknechte 
einen  starken  Zufluß  erfuhr,  der  sich  vergrößerte,  als  Truppen 
ins  Land  kamen  und  die  „übel  disziplinierte  Soldateska" 
plündernd  und  rauben  ddas  Land  durchstreifte.  Dadurch  ge- 
schah es  aber,  daß  ein  großer  Teil  der  Bauern  in  eine  gleiche 
Lebenshaltung  gedrängt  wurde,  indem  manche  aus  Furcht 
vor  den  Soldaten  Haus  und  Hof  verließen  und,  sei  es  in  die 
Stadt  —  wie  es  uns  für  1626  und  1637  z.  B.  für  Stendal  be- 
richtet wird  ^)  — ,  sei  es  in  den  nächsten  Wald  oder  in  andere 
sichere  Gegenden   flüchteten,    aus   denen    sie    freilich    zum 


1)  B.  G.  St.  Eep.  21. 155.  Eingabe  von  1626  Okt.  19.  —  Kit ner,  S. 53. 

Geschichtliche  Stadien.     U.   1.  g 


82  Geschichtliche  Studien.  ü.  1. 

großen  Teil  bei  eingetretener  Sicherheit  zurückkehrten,  um 
gegebenenfalls  von  neuem  zu  fliehen  und  heimzukehren,  so 
daß,  wie  auch  anderswo,  in  der  Altmark  diese  Bevölkerungs- 
bewegung eine  gewisse  Regelmäßigkeit  annahm  ^).  Manch 
einer  blieb  der  Heimat  aber  auch  fern,  sei  es,  daß  er  sich  in 
andere  Länder  wandte  auf  Nimmerwiederkehr  2),  sei  es,  daß 
er  mit  einem  beträchtlichen  Teil  der  Bevölkerung  während  der 
Kriegsnöte  in  dauernder  Bewegung  verharrte  und  erst  in  den 
Jahren  unmittelbar  nach  dem  Kriege  eine  feste  Siedelstätte, 
mitunter  wieder  im  alten  Dorfe,  oft  aber  auch  in  anderen  Gegen- 
den des  Territoriums  fand.  Es  kam  mithin  im  Kriege  nicht 
nur  zu  einer  territorialen,  sondern  auch  zu  einer  regionalen 
Umschichtung  der  Bevölkerung^).  Die  Kirchen- 
bücher zeigten,  daß  die  endenden  40  er  Jahre  noch  erfüllt  sind 
von  dieser  Bewegung,  daß  es  in  dieser  Zeit  —  und  auch 
weiterhin  —  zu  einem  starken  Einwohnerausgleich  kam. 
Will  man  darum  die  bleibenden  Wirkungen  des  Krieges  er- 
kennen, so  muß  man  die  Verhältnisse  für  den  Beginn  der 
50  er  Jahre  prüfen,  d.  h.  für  eine  Zeit,  da  die  Bevölkerung 
zum  großen  Teil  wieder  zur  Ruhe  gekommen  war,  die  fluk- 
tuierenden Elemente  sich  wieder  auf  ihr  Normalmaß  ver- 
mindert hatten,  da  die  Entwicklung  der  seßhaften  Einwohner, 
wie  wir  sie  in  den  Kirchenbüchern  verfolgen  können,  wieder 
regelmäßige  Formen  anzunehmen  begann. 

1)  Vgl.  Erdmannsdörffer,  S.  103.  —  Ein  ^tes  Beispiel  aus  der 
Altmark  bietet  der  Flecken  Bismark.  Hier  lief  die  Bevölkerung  das  erste 
Mal  1637,  dann  1642  ins  Kawitzer  Holz  aus,  1644  ein  drittes  Mal  (vgl. 
das  Kirchenbuch  des  Fleckens). 

2)  Die  schon  erwähnten  Klagen  über  Untertanenauswanderung  vom 
Jahre  1640  (U.  und  A.  X,  S.  81)  wurden  auch  vom  Adel  vorgebracht! 

3)  Anfang  1649  fanden  sich  z.  B.  zu  den  Höfen  in  Crosigk  und 
^stedt  (bei  Gardelegen)  alte  Besitzer  wieder  ein,  daneben  aber  auch  neue 
(B.  G.  St.  Rep.  53.  10),  und  die  Beschreibung  des  Amtes  Ameburg  von 
1652  verrät,  daß  sich  hier  viele  Marker  aus  anderen  Gegenden,  aber  auch 
Fremde  aus  Holstein,  Friesland  und  Bremen  angesiedelt  haben  (siehe 
S.  79,  Anm.  1);  für  die  gesamte  Mark  vgl.  Groß  mann,  S.  69  f.;  für  die 
näheren  Umstände  der  Ansiedelung  von  70  friesischen  Familien  im  Amt 
Tangermünde  1649  Breysig,  S.  250—252. 


II.  1.       Kaphahn,  Die  wirtschaftl.  Folgen  d.  SOjähr.  Krieges  usw.  83 

Was  war  nun  aber  der  Bevölkerung,  die  den  Krieg  über- 
dauerte, an  Hab  und  Gut  geblieben?  Ebensowenig  wie  bei 
der  Ermittelung  der  gleichen  Verhältnisse  in  den  Städten 
eignet  sich  hierzu  der  indirekte  Weg  über  den  Verlust.  Denn 
abgesehen  davon,  daß  wir  von  den  Ordinarkontributionen  der 
Bauern  in  Geld  und  Naturalien  ^)  keine  irgendwie  zuläng- 
lichen Nachrichten  haben,  hatten  diese  auch  bei  weitem  mehr 
unter  den  Plünderungen  und  Brandschatzungen  durch- 
marschierender und  marodierender  Soldaten  zu  leiden,  deren 
Kosten  sich  einer  Berechnung  natürlich  vollständig  entziehen. 

Schon  1627  heißt  es  von  den  Dänen,  daß  sie  von  den 
kurfürstlichen  Untertanen  allerhand  Viktualien,  Brot,  Bier, 
Fleisch ,  Futter  verlangten  und  fortschleppten  ^),  1631  von 
marodierenden  schwedischen  und  brandenburgischen  Soldaten, 
daß  sie  die  Einwohner  übel  traktierten  und  ihnen  das  Klein- 
und  Großvieh  abnähmen^),  und  ebenso  1641,  daß  trotz  des 
Waffenstillstandes  mit  den  Schweden,  deren  Soldaten  raubten, 
plünderten,  Vieh  und  Pferde  wegtrieben  ^).  In  der  zweiten 
Hälfte  der  20  er  Jahre  mochten  diese  Plackereien  noch  er- 
träglich sein  und  die  Salvaguardien,  die  einzelnen  Bauern- 
schaften gegen  die  räuberischen  Soldaten  gegeben  wurden, 
einigen  Schutz  gewähren,  in  den  endenden  30  er  Jahren  aber 
mußten  die  Bauern  zur  Eigenhilfe  greifen.  Die  am  Dröm- 
ling  waren  die  ersten,  die  sich  zur  Gegenwehr  setzten ;  sie 
fanden  bald  Nachfolge  im  ganzen  Lande  °).  Sie  bewaif- 
neten  sich  und  stellten  sich  unter  Rottmeister;  sie  erklärten 
den  Soldaten  den  Krieg,  setzten  ihnen  nach,  wenn  diese  sie 


1)  Daß  sie  auch  diese  nicht  immer  von  der  eignen  Habe  leisteten, 
zeigte  die  Besichtigung  der  vier  kurfürstlichen  Amter  Arendsee,  Diesdorf, 
Salzwedel  und  Neuendorf  im  Jahre  1633.  In  den  Wäldern  der  drei  erst- 
genannten hatten  neben  den  Soldaten  auch  die  Bauern  (und  Bürger  von 
Arendsee  und  Salzwedel)  Bäume  gefällt,  sie  in  Salzwedel  oder  an  anderen 
Orten  verkauft  und  mit  dem  Erlös  oder  direkt  mit  Holz  ihre  Geld- 
leistungen bezahlt.    B.  G.  St  Kep.  53.  9.    Bericht  von  1633  Sept.   13. 

2)  C.  CM.  III.  IL  Sp  31  ff. 

3)  C.  C.  M.  UI.  11.  Sp.  35  ff. 

4)  C.  C.  M.  III.  I.  Sp.  29  ff. 

5)  Götze,  S.  481. 


84  Geschichtliche  Studien.  II.  1. 

beraubt  hatten  und  ließen  nicht  eher  ab,  als  bis  sie  das  Ihre 
zurückerhielten.  Eine  anschauliche  Schilderung  von  diesem 
neuen  Verhältnis  zwischen  Bauer  und  Soldat  gibt  ein  Brief, 
den  Elias  v.  Alvensleben  auf  Isernschnibbe  an  seinen  Vetter 
Valentin  auf  Erxleben  am  3.  März  1638  schrieb  ^).  Ein 
Regiment  Soldaten  war  nach  Weteritz,  dem  Besitz  derer 
V.  Alvensleben,  gekommen  und  stritt  sich  mit  der  Salva- 
guardia  um  Quartier.  „Weil  nun  die  Guardia  sie  nicht  zu- 
lassen wollen",  heißt  es  dann  weiter,  „kommen  ein  300  Bauern 
angezogen;  wie  sie  (die  fremden  Soldaten)  solches  ver- 
nommen, sein  sie  fort  nach  Ackendorf  gezogen,  die  andern 
haben  sich  nach  Berge  und  Estedt  gelegt;  die  Bauern  aber 
liegen  zu  Weteritz  auf  dem  Hofe.  Die  salva  guardia  hat 
solches  alsofort  dem  Oberstwachtmeister  berichtet,  welcher 
ihr  befohlen,  sie  bis  morgen  liegen  zu  lassen;  mit  dem  Tage 
aber  sollten  sie  vor  Garleben  (Gardelegen)  sein,  allda  das 
Regiment  vorüber  marschieren  würde  .  .  .,  sollte  ihnen  allda, 
was  ...  den  Bauern  abgenommen,  wiedergegeben 
werden."  Doch  nicht  allein  dies  erreichten  sie,  sie  haben 
es  zum  guten  Teile  bewirkt,  daß  die  sächsisch -kaiserliche 
Armee  um  die  Wende  des  Jahres  1638  die  Altmark  verließ  -). 
Im  Jahre  1642  haben  sich  die  Bauern  noch  einmal  gegen  die 
Soldaten  erhoben;  nicht  aus  Mutwillen  und  Frevel,  wie  ihr 
Rottmeister  berichtete,  sondern  aus  Jammer  und  Elend  über  den 
Raub  der  Schweden,  und  daß  sie  Dörfer  anzündeten,  hätten  sie 
Gewalt  mit  Gewalt  vergolten,  diesen  ihre  Pferde  abgenommen, 
die  vorher  Bauernpferde  gestohlen  ^).  Aus  derselben  Zeit 
melden  die  Brüder  v.  d.  Knesebeck,  daß  die  Einwohner  der 
ganzen  Landreiterei  Salzwedel  vor  den  Schweden  ausgerückt 
seien,  um  das  Vieh  zu  salvieren,  und  dasselbe  wenige  Tage 
später  für  die  Gegend  um  Osterburg  und  Seehausen  *). 

Dies  alles  weist  darauf  hin,  daß  die  Bauern  es  durchaus 
nicht  zuließen,   daß   ihnen   auch   das  letzte  Stück  Vieh  aus 


1)  30.  Jahresbericht,  S.  48f. 

2)  Zahn  (1904),  S.  47. 

3)  B.  G.  St.  Eep.  53.  14c.    Bericht  von  1642  Jan.  11. 

4)  Ebenda,  1642  Jan.  22  und  30. 


II.  1.      Kaphahn,  Die  Wirtschaft!.  Folgen  d.  30 jähr.  Krieges  usw.  85 

dem  Stalle  geraubt  wurde,  und  sie  am  Ende  aller  Arbeits- 
tiere bar  gewesen  wären,  daß  sie  diese  vielmehr  durch  die 
Flucht  retteten  oder  im  Kampfe  verteidigten.  Daß  ein 
eigentlicher  Mangel  an  Vieh,  der  sich  durch  den  Import  von 
fremdem  nicht  rasch  hätte  beseitigen  lassen,  nach  dem  Kriege 
nicht  bestand,  darauf  weisen  auch  andere  Tatsachen  hin;  so 
wenn  z.  B.  die  Diesdorfer  Amtsuntertanen  1616  bis  1617 
81  Lämmer,  28  Füllen,  143  Kälber,  während  des  Krieges 
dann  allerdings  oft  erheblich  weniger,  1646  bis  1647  aber 
schon  wieder  55  Lämmer,  30  Füllen,  138  Kälber  Fleisch- 
zehnt zahlten  ^),  oder  wenn  selbst  im  schwer  geprüften  Amt 
Arneberg  1652  auf  jeden  der  56  besetzten  Höfe  in  den  er- 
wähnten Orten  durchschnittlich  3  Pferde,  2h  Ochsen  und 
3  Kühe  und  auf  jeden  der  31,  von  denen  wir  allein  Nach- 
richt über  den  Kleinviehbestand  haben,  3  Schweine,  5i  Schafe, 
1  Rind  kamen  -).  Daß  1661  im  Amte  Neuendorf  noch  gün- 
stigere Verhältnisse  anzutreiFen  waren,  versteht  sich  von 
selbst.  Hier  verfügten  die  119  vorhanden  Ackerleute  durch- 
schnittlich über  4^  Pferde,  2  Ochsen  (Stiere),  5  Kühe  (Fersen 
und  Kälber),  3  Schweine,  10  Schafe,  5  Gänse  und  8  Hühner'^). 
Man  hatte  in  den  50  er  Jahren  den  Viehbestand  noch  weiter 
ergänzen  können.  Dieser  Umstand  erklärt  auch,  daß  un- 
mittelbar nach  dem  Kriege  große  Teile  bäuerlichen  Ackers 
wieder  in  Anbau  genommen  wurden,  die  zeitweise  wüste 
gelegen  hatten,  von  einzelnen  Bauern  mitunter  über  den 
eigenen  Besitz  hinaus,  indem  sie  durch  Wüstpächte  das 
Recht  erwarben,  fremdes,  verlassenes  Land  zu  ihrem  Vorteil 
zu  nutzen^).  Der  gesamte  Boden,  der  vordem  dem  Feld- 
fruchtbau gedient  hatte,  kam  freilich  noch  auf  lange  hinaus 
nicht  zur  Bestellung.  Selbst  im  Amte  Neuendorf  war  dies 
1661   noch  nicht  der  Fall,  und  1663  erging  in  den  branden- 

1)  M.  St.  Eep.  D.    Amt  Diesdorf,  Nr.  57  (58—65),  66. 

2)  Vgl.  S.  79,  Anm.  1. 

3)  Vgl.  S.  74,  Anm.  1. 

4)  So  wird  in  der  Beschreibung  des  Amtes  Arneburg  von  1652 
bei  zwei  wüsten  Höfen  des  Dorfes  Baben  hinzugefügt  daß  Stücke  Landes 
davon  an  dortige  Bauern  verpachtet  wären.  —  Ebenso  sind  1649  im  Dorfe 
Crosigk  drei  Bauern  Wüstpächte  eingegangen.     B.  G.  St.  Eep.  53.  10. 


86  Geschichtliche  Studien.  II.  1. 

burgischen  Landen  das  Gebot,  daß  die  Untertanen  von  ihren 
mit  Fichten  und  anderem  Gesträuch  bewachsenen  Ackern, 
die  dadurch  zu  wildem  und  wüstem  Land  geworden  seien, 
jährlich  mehr  in  Anbau  nehmen  sollten,  worüber  eine  Visi- 
tation Kontrolle  halten  würde  ^).  Diese  ergab  aber  im  fol- 
genden Jahre,  daß  es  wenig  befolgt  w^orden  war;  viele  hätten 
die  Bäume  stehen  lassen,  damit  sie  um  so  besser  jagen 
könnten  -).  Doch  war  dies  kaum  ein  gewichtiger  Grund, 
ebensowenig  wie  der  Mangel  an  Vieh  oder  die  verdorbenen 
Ackerinstrumente,  die  der  Bauer  neben  einem  zerstörten 
Hause  und  einer  verbrannten  Scheune  oft  genug  antraf, 
wenn  er  von  der  Flucht  vor  den  Soldaten  in  sein  Dorf 
zurückkehrte.  Was  diesen  letzteren  Umstand  betrifft,  so  ist 
auch  bei  dem  platten  Lande  darauf  aufmerksam  zu  machen, 
daß  Guts-  und  Dorf  brande  in  jener  Zeit  gar  nichts  seltenes, 
darum  weniger  einschneidende  Ereignisse  für  das  NVirtschafts- 
leben  waren  und  zu  Beginn  des  17.  Jahrhunderts  eine  be- 
sondere Ausdehnung  angenommen  zu  haben  scheinen;  denn 
der  Kurfürst  befahl  1606,  die  mit  den  Häusern  verbundenen 
Backöfen  und  die  Schmieden,  die  die  Hauptursachen  der 
Brände  wären,  niederzureißen  und  außerhalb  des  Dorfes  an 
einer  von  den  Gehöften  entfernten  Stelle  zu  errichten  % 
Für  die  Zeit  nach  dem  Kriege  kam  aber  außerdem,  wenigstens 
den  kurfürstlichen  Untertanen  zugute,  daß  sie  von  den  Amtern 
zum  Wiederaufbau  ihrer  Gebäude  das  Holz  meist  unentgelt- 
lich oder  wenigstens  zu  ermäßigtem  Preise  erhielten  ^).  Nein, 
daß  viele  Äcker  nach  dem  Kriege  noch  auf  Jahre  hinaus 
unbebaut  blieben,  war  in  anderem  begründet:  einmal  in  dem 
tatsächlichen  Mangel  an  Untertanen,  weswegen  z.  B.  die 
Äcker  des  Dorfes  Staats  im  Amte  Neuendorf  nicht  völlig 
bebaut  werden  konnten;  dann  aber  machte  die  durch  die 
gesunkene  Einwohnerzahl  verminderte  Nachfrage  nach  Feld- 
früchten  einen   allzu   ausgedehnten  Anbau   gar  nicht 

1)  C.  C.  M.  V.  m.  2.  Kap.  335  f. 

2)  Ebenda,  335  £F. 

3)  C.  C.  M.  VI.  I.  Sp.  187  ff. 

4)  C.  C.  M.  VI.  I.  Sp.  399 ff.  Verfügung  von  1650  Okt.  23. 


n.  1.      Kaphahn,  Die  wirtschaftl.  Folgen  d,  30 jähr.  Krieges  usw.  87 

vorteilhaft,  denn  es  trat  eine  Überproduktion  an  Getreide 
ein ,  die  dessen  Preise  in  fruchtbaren  Jahren  nach  dem 
Kriege  zu  starkem  Sinken  brachte^);  schließlich  aber  hinderte 
auch  die  starke  Verschuldung  des  bäuerlichen 
Besitzes  eine  rasche  Aufnahme  des  Landes,  indem  die 
Bauern,  soweit  nicht  der  Konkurs  über  sie  hereingebrochen 
war,  von  ihrem  Hofe  fem  blieben,  aus  dem  sie  doch  nicht 
herauszuarbeiten  vermochten,  was  jährlich  an  Zins  und  Kon- 
tribution von  ihnen  gefordert  wurde.  Sie  zogen  es  darum 
vor,  notdürftig  ihren  Unterhalt  damit  zu  erwerben,  daß  sie 
fremde  Acker  für  geringes  Entgelt  bebauten  -). 

Wie  wir  wissen,  ist  die  bäuerliche  Verschuldung  kein 
Produkt  des  30  jährigen  Krieges.  Auf  einem  großen  Teile 
der  Bauern  lastete  sie  schon  übermächtig  vor  ihm,  und  1668 
berichtete  der  Amtmann  über  die  Diesdorfer  Untertanen: 
„Daß  sie  zu  Friedenszeiten  schon  zu  großen  Schulden  be- 
stecket, ist  mit  zwei  alten  Retardatregistern  zu  belegen,  item 
mit  einem  Borgregister,  .  .  .  ihre  Vorfahren  haben  auch  zu 
Salzwedel  und  Gardelegen  so  große  Schulden  gemacht,  daß 
fast  wöchentlich  darüber  annoch  Klage  einkommt  •'^)."  Die 
bei  den  Dienstherren  sind  insofern  während  des  Krieges  nicht 
gestiegen,  als  der  Kurfürst  seinen  Untertanen  schon  Ende 
der  40  er  Jahre,  denen  des  Amtes  Tangermünde  z.  B.  1646 
eine  „totale  Remission"  aller  rückständigen  Pachte  ge- 
währte und  die  Adeligen  aufforderte,  das  gleiche  zu  tun^); 
und  die  altmärkisch-priegnitzische  und  mittelmärkische  Ritter- 
schaft denen  des  Amtes  Diesdorf  1649  alles  schenkte,  was 
diese  seit  1614,  dem  Jahre,  in  dem  der  Kurfürst  das  Amt 
an  sie  verpfändet  hatte,  ihr  abgeborgt  hatten  5).    Waren  den 

1)  Vgl.  darüber  weiter  unten  S.  98,  Anm.  1. 

2)  Da  aber  jeder  wüste  Hof  dem  Kurfürsten  die  Kontribution  ver- 
minderte, so  ist  es  natürlich,  daß  er  seit  1635  in  jeder  Bauernordnung 
(1644,  1645,  1651)  dies  verbot  (C.  C.  M.  V.  HI.  1.  Kap.  Sp.  23ff.,  37ff., 
55fiF.,  109  ff.). 

3)  M.  St.  Rep.  A.  23  c.    Amt  Diesdorf,  Nr.  193,  Bl.  87. 

4)  Ebenda,  Amt  Tangermünde,  Nr.  516.  —  Vgl.  auch  im  Landtags- 
rezeß  von  1653  Punkt  36  (C.  C.  M.  VI.  I.  Sp.  425  ff.). 

5)  Vgl.  Anm.  3. 


88  Geschichtliche  Studien.  H.  1. 

Untertanen  aber  Dienste  und  Zinse  für  die  Kriegszeit  er- 
lassen worden,  so  wurden  sie  um  so  hartnäckiger  unmittel- 
bar nach  dem  Kriege  verlangt,  und  der  Amtmann  von  Tanger- 
münde schritt  1654  ohne  weiteres  zur  Exekution  als  die 
Untertanen  des  Dorfes  Wendemark  ihren  Verpflichtungen 
dem  Amte  gegenüber  nicht  nachkamen  ^).  Unter  solchen 
Umständen  konnten  natürlich  die  Bauern  zu  keinem  guten 
Aufnehmen  gelangen.  Sie  gerieten  von  neuem  in  Schulden, 
und  1668  betrugen  die  der  Diesdorfer  Untertanen  an  das 
Amt  schon  wieder  3007  thlr  6  gr  II2  D,  zu  einem  Drittel 
erzeugt  durch  das  Borgen  von  40  w  Roggen  im  Werte  von 
1080  thlr  im  Teuerungsjahre  1652,  die  sie  wohl  versprochen 
hatten  zurückzugeben,  was  sie  aber  nicht  vermochten  '^). 

Waren  aber  die  Bauern  den  Dienstherren  gegenüber  immer 
noch  in  der  günstigen  Lage,  daß  ihnen  das  nachgesehen 
wurde,  was  sie  aus  Kriegsbeschwer  nicht  zu  leisten  ver- 
mochten, so  drängte  dagegen  der  städtische  Gläubiger  brutal 
und  unnachsichtlich  und  war  schnell  mit  der  Pfändung  bei 
der  Hand,  so  daß  1629  die  altmärkische  Ritterschaft  von 
ihren  Untertanen  klagen  konnte,  daß  „diejenigen,  so  mit 
Schulden  belästigt  und  belagert,  ihren  Creditoribus  mit  vielen 
Zinsen,  die  sie  impedimenter  nicht  haben  abtragen  können,  ver- 
haftet worden",  daß  über  viele  die  Exekution  gekommen  sei 
und  daß  die  Bauern  das  Ihre  verlassen  hätten.  Vor  dem 
Konkurs  wurden  ja  auch  sie  teilweise  durch  die  seit 
1629  erlassenen  Moratorien  geschützt.  Aber  es  war  doch 
niu'  ein  Aufschub,  und  die  durch  erneute  Schuldenaufnahme 
oder  rückständige  Zinsen  aufgeschwollene  Summe  abzuzahlen, 
mußte  später  nur  um  so  drückender  empfunden  werden. 
Wohl  dem  Bauern,  dessen  Gläubiger  sich  zu  einem  billigen 
Vergleich  herbeiließ! 

Aber  mit  der  Verschuldung  war  es  nicht  genug  I  Für 
Gegenden,  deren  Bevölkerung  sich  stark  vermindert  hatte,  kam 
als  weiteres  Beschwernis  hinzu :    eine    drückende  Steigerung 


1)  M.  St.  Eep.  A.  23  c.  Amt  Tangermünde,  Nr.  179. 

2)  Ebenda,  Amt  Diesdorf,  Nr.  193,  Bl.  45  ff. 


II.  1.       Kaphabn,  Die  Wirtschaft!.  Folgen  d.  SOjähr.  Krieges  usw.  89 

der  Fronden.  Adel  und  Amtleute  haben  ihren  Bedarf  an 
Diensten  bei  der  verminderten  Zahl  der  Untertanen  in  der  Alt- 
mark auf  doppelte  Weise  zu  decken  gewußt.  Nicht  etwa  diurch 
Vermehrung  des  Gesindes !  Abgesehen  davon ,  daß  dieses 
nach  dem  Kriege  ebenso  rar  wie  anmaßend  in  seinen  Lohn- 
forderungen war,  so  daß  der  Kurfürst,  von  den  Ständen 
gedrängt,  1635  auch  in  der  Altmark  diese  in  einer  Taxa 
fixieren  mußte  ^),  so  wäre  ihnen  dieses  Hilfsmittel  auch 
zu  kostspielig  gewesen.  Man  suchte  und  erreichte  es  auf 
billigere  Weise :  einmal,  indem  man  nun  auch  in  den  branden- 
burgischen Landen  links  der  Elbe  den  Gesindezwangsdienst 
einführte,  d.  h.  die  Verpflichtung  der  Untertanenkinder,  die 
drei  ersten  Dienstjahre  dem  Herrn  um  geringes  Entgelt  zu 
widmen  ^),  zum  andern  aber,  indem  man  von  den  Untertanen, 
wie  wenige  es  auch  sein  mochten,  in  Summa  dieselben  Fronden 
forderte  wie  vor  der  Einwohnerabnahme;  ja  1651  klagten 
sämtliche  Schulzen  und  gemeine  Untertanen  des  Amtes 
Arendsee,  daß  sie  diesem  nicht  allein  die  vollkommenen 
Dienste,  „gleichsam  wären  die  Dörfer  ganz  besetzet",  ge- 
leistet hätten,  sondern  auch  noch  darüber  in  anderen 
Amtern,  und  baten  den  Kurfürsten  um  eine  Visitation,  die 
erweisen  solle,  daß  sie  die  vollständigen  Fronden  zu  leisten 
außerstande  seien,  weil  im  Amte  viele  Stellen  wüst  lägen  ^). 
Trotzdem  muß  auch  für  die  bäuerliche  Bevölkerung  be- 
tont werden,  daß  weder  Plünderung  und  Kontribution,  noch 
die  im  Kriege  gestiegene  Last  der  Schulden  und  Dienste 
deren  völlige  Verarmung  hätte  herbeiführen  können.  Wohl 
mag  mancher  bäuerliche  Wohlstand    aus   der  Zeit  vor   dem 


1)  C.  C.  M.  V.  III.  Sp.  23fiF.,  37ff.,  55ff.     Die   Löhne   wurden  fest- 
gesetzt auf  jährlich: 

18 — 24  fl  für  einen  großen  Knecht  auf  einem  Gute  von  2 — 4  Hufen, 
10 — 12  fl  für  einen  Mittelknecht, 
6 — 8    fl  für  einen  Dienstjungen, 
4       fl  und  8  Ellen  Leinwand  für  eine  Magd. 

2)  Vgl.  die  Ediiite  von  voriger  Anm. 

3)  M.  St.  E«p.  A.  23  c.    Amt  Arendsee,  Nr.  220,  Bl.  16. 


90  Geschichtliche  Studien.  II.  1. 

Kriege  vernichtet  worden  sein;  daß  es  aber  mit  ihren  Unter- 
tanen nicht  bis  zum  äußersten  kam,  dafür  sorgten  schon  die 
Gutsherren,  die  auch  Abgaben  in  Geld  und  Naturalien  von 
ihnen  zu  fordern  hatten;  und  in  der  Tat  berichtete  1644 
die  altmärkische  Ritterschaft:  „An  unseren  Orten  haben  wir, 
ohne  Ruhm  zu  melden,  verhütet,  daß  durch  die  Exekution 
der  Soldateska  die  armen  Leute  nicht  gar  ausgemergelt  werden 
möchten  ^)."  Wie  hätte  auch  eine  bis  aufs  Blut  ausgesogene 
Bevölkerung  die  Summen  an  Kontribution  aufbringen  können, 
die  die  altmärkischen  Bauern  neben  den  Städten  unmittelbar 
nach  dem  Kriege  geliefert  haben  "-)  ? 

Eine  Gegend  aber,  die  sich  nach  dem  Kriege  in  recht  leid- 
lichen Verhältnissen  befunden  haben  muß,  war  das  Amt  Neuen- 
dorf, dessen  Einwohner  schon  1647  den  Kurfürsten  um  Er- 
laubnis des  Hopfenexports  außer  Landes,  wie  die  Gardelegener, 
baten  ^),  und  in  dem  die  drei  Dörfer  Kloster  Neuendorf,  Jäve- 
nitz  und  Zienau  dem  Pfarrer  nicht  allein  die  laufenden  Ab- 
gaben, sondern  auch  die  Hälfte  seines  rückständigen  Soldes 
von  800  thlr  von  1644  an  zu  festgesetzten  Jahresterminen 
pünktlich  bezahlten,  so  daß  sein  Sohn,  der  1650  die  letzte 
Rate  empfing,  in  das  Kirchenbuch  dieser  Orte  schrieb: 
„Vielen  anderen  Geistlichen  in  der  Altmark,  die  doch  noch 
an  sichereren  Orten  gesessen,  hat  es  so  gut  nicht  werden 
mögen,  wird  ihnen  auch  noch  nicht  so  gut  werden"  ^).  Wie 
häufig  freilich  der  Wanderer  am  Ende  des  Krieges  in  der 
Altmark  Dörfer  in  so  relativ  guten  Verhältnissen  angetroffen 
haben  würde,  wissen  wir  nicht. 


Da   die   altmärkisch -priegnitzische   Landschaftskasse   zu 
Beginn  des  30  jährigen  Krieges  schuldenfrei  war,  so  konnte 


1)  B.  G.  St.  Eep.  53.  13  a.    Bericht  von  1644  Juni  5. 

2)  Spezielle  Angaben  sind  unmöglich,  da  nicht  feststeht,  wieviel  die 
Adeligen  selbst  und  wieviel  ihre  Untertanen  zur  Kontribution  beigetragen 
haben.  Das  Verhältnis  der  ritterschaftlichen  Kontribution  zur  städtischen 
verhielt  sich  seit  dem  8.  Juli  1643  wie  V12  zu  Vj.,  (Isaacsohn  [1880],  S.  43). 

3)  Prot,  und  Rel.  IV,  S.  13. 

4)  Notiz  zu  Anfang  des  Kloster  Neuendorfer  Kirchenbuches. 


II.  1.       Kaphahn,  Die  wirtschaftl.  Folgen  d.  SOjähr.  Krieges  usw.  91 

zwar  dem  Adel  mit  Summen,  die  er  bei  ihr  stehen  hatte, 
nicht  das  gleiche  widerfahren  wie  den  Bürgern  der  alt- 
märkischen Städte  mit  ihren  Darlehen  an  die  städtischen 
Kassen;  wohl  aber  wurde  er  in  die  Katastrophe  hinein- 
gezogen, die  über  diese  letzteren  im  Kriege  hereinbrach. 
Wie  wir  wissen,  waren  die  Adeligen  vor  allem  bedeutende 
Gläubiger  der  altmärkisch -priegnitzischen  Städtekasse  und 
sahen  sich  als  solche  während  des  Krieges  in  die  gleiche 
Lage  versetzt  wie  die  übrigen  Kreditoren.  1630  klagte  die 
altmärkische  Ritterschaft,  „die  Kommunen  hätten  in  vielen 
Jahren  niemand  nichts  abgetragen",  „durch  Mittel  der  Exe- 
kution aber  könne  man  nicht  an  sie  kommen"  ^),  und  1634, 
daß  sie  vom  Gelde,  das  schon  ihre  Vorfahren  den  Städten 
anvertraut  hätten,  von  diesen  weder  Zins  noch  Kapital  er- 
balten hätten  -).  Wie  es  Jahrzehnte  lang  dauerte ,  ehe  die 
Adligen  überhaupt  etwas  vom  Vermögen  ihrer  Väter  zurück- 
erhielten, so  haben  sie  auch  in  die  Reduktion  und  „Behande- 
lung"  ihrer  Kapitalien  willigen  müssen,  und  ein  großer  Teil 
des  Vermögens,  das  Eltern  und  Voreltern  im  16.  und  be- 
ginnenden 17.  Jahrhundert  aufgesammelt  hatten,  ist  unter- 
gegangen bei  dem  Bankerott,  der  über  die  Kreditinstitute 
während  des  Krieges  hereingebrochen  ist. 

Es  läßt  sich  von  dieser  Seite  aus  begreifen,  wenn  der 
altmärkische  Adel  schon  in  den  30  er  Jahren  des  17.  Jahr- 
hunderts und  dann  namentlich  1643  sich  gegen  ein  all- 
gemeines Indultum  Moratorium  aussprach  ^),  obwohl  es  ihm 
anderseits  zugute  kommen  mußte;  denn,  wie  wir  sahen,  fand 
sich  vor  dem  Kriege  neben  adeligem  Reichtum  auch  hypothe- 
karische Verschuldung.  Schon  im  beginnenden  17.  Jalir- 
hundert  hat   sie   mitunter  zu  Konkursen  geführt  ') ,   die   an 


1)  B.  G.  St.  Rep.  53.  16.    Eingabe  von  1630  Sept.  7. 

2)  Ebenda,  Rep.  .53.  17.    Eingabe  von  1634  Febr.  20. 

3)  Vgl.  vorige  Anm.  und  U.  und  A.  X,  S.  122 f. 

4)  So  stand  der  v.  Alvenslobensche  Besitz  zu  Rogätz  1614  vor  dem 
Konkurs  und  wurde  von  dem  Geschlechte  nur  mit  Mühe  gehalten  (C.  D. 
A.  III,  S.  578),  und  1623  geriet  der  Anteil  Hans  Ciamors  v.  Alvens- 
leben  am  Calbischen  Gute  in  Konkurs  (C.  D.  A.  III,  S.  567), 


92  Geschichtliche  Studien.  II.  1. 

Zahl  zunahmen,  als  die  Einnahmen  von  den  Gütern  im 
Laufe  des  Krieges  sich  durch  Ausfall  der  Untertanen- 
dienste und  -abgaben  sowie  durch  Wüstliegung  der  Acker 
verringerten  und  der  Junker  dadurch  seinen  Verpflichtungen 
nicht  mehr  nachzukommen  vermochte  ^).  Namentlich  die 
„Privaten  von  den  Städten"  drangen  auf  Rückzahlung  der 
geliehenen  Gelder  oder  bei  deren  Unmöglichkeit  auf  Exe- 
kution -),  und  1643  behauptete  die  gesamte  märkische  Ritter- 
schaft, daß  „solche  (Exekutionen)  am  meisten  und  öftesten 
wider  die  vom  Adel"  vollzogen  würden,  „wie  das  Kurfürst- 
liche Kammergericht  und  alle  Regierungen  bezeugen  werden"  •^). 
Da  der  Kurfürst  nicht  ohne  seine  und  seiner  Vorfahren 
„Disreputation,  auch  große  Zerrüttung  und  Konfusion  in 
dem  Justiz wesen"  die  mit  seinem  und  ihrem  Konsens  auf 
die  Güter  aufgenommenen  Hypotheken  kassieren  konnte 
—  worum  die  Ritterschaft  1643  anhielt^)  —  gelangten  auch 
noch  weitere  Besitzungen  des  Adels  unter  den  Hammer,  so 
in  der  Altmark  das  Rittergut  Hennings  v.  d.  Schulenburg 
zu  Falkenberg  (bei  Seehausen)  Ende  der  40  er  Jahre  und  das 
V.  Alvenslebensche  zu  Rogätz  1650^).  Dabei  suchte  der 
Kurfürst  sie  diesem  möglichst  zu  erhalten,  wenn  er  1653 
bestimmte,  daß  bei  Subhastationen  als  Käufer  des  Gutes 
„einer  von  Adel  bilHg  einem  anderen,  so  nicht  ex  ordine 
nobilium  ist,  in  allerwege  zu  präferieren"  sei,  und,  wenn 
es  in  Ermangelung  eines  solchen  dennoch  einem  Bürger  zu- 
geschlagen werden  müsse,  es  in  Form  des  Wiederkaufs 
geschehen  solle,  so  daß  „nach  Verfließung  der  Wiederkaufs- 
jahre  . . .  einer  von  Adel  . . .  vor  anderen"  es  wiedererwerben 
könne  "). 


1)  Vgl,  S.  91,  Anm.  1. 

2)  Vgl.  S.  91,  Anm.  2. 

3)  Prot,  und  Rel.  II,  S.  78. 

4)  C.  C.  M.  VI.  I.  Sp.  377 ff. 

5)  Steffen,  S.  9.  —  v.  Mülverstedt,  S.  578.  Die  übrigen  Be- 
sitzungen des  Geschlechts  v.  Alvensleben  in  der  Altmark:  Erxleben  und 
Isernschnibbe  blieben  ihm  schuldenfrei  erhalten  (S.  568 f.). 

6)  C.  C.  M.  VI.  I.  Sp.  425 ff.:  Nebenbest.  12. 


II.  1.       Kaphah u ,  Die  wirtschaftl.  Folgen  d.  SOjälir.  Krieges  usw.  93 

Waren  dies  alles  Erscheinungen ,  die  sich  in  einem 
längeren  Kriege  als  notwendige  Konsequenzen  ergeben  mußten 
aus  den  wirtschaftlichen  Verhältnissen,  in  die  der  Adel  vor 
ihm  hineingewachsen  war,  so  litt  er  unter  dessen  unmittel- 
baren Wirkungen  von  allen  Einwohnern  wohl  am  wenigsten. 
Gewiß  hat  auch  er  die  Kriegslasten  gespürt.  „Daß  der 
Adel  nicht  freisitze,  sondern  des  öfteren  das  Seine  gegeben, 
weisen  die  Kontributionsregister  aus",  erklärte  1644  die 
altmärkische  Eitterschaft  ^);  aber  gerade  den  Plünderungen 
gegenüber,  die  für  das  platte  Land  die  schlimmste  Geißel 
waren,  befand  sie  sich  in  einer  relativ  sicheren  Lage:  nicht 
allein  dadurch,  daß  Salvaguardien  die  Überfälle  streifender 
Scharen  oft  unmöglich  machten;  durch  seine  Beziehungen 
war  der  Adel  meist  auch  über  die  Truppenbewegungen 
orientiert  und  konnte  zur  rechten  Zeit  die  fahrende  Habe 
in  Sicherheit  bringen;  zu  den  Führern  endlich  stand  er  oft 
in  einem  Verhältnis,  das  ihn  vor  Plünderungen  schützte. 
Belege  hierfür  bieten  namentlich  die  Briefe  von  Adligen, 
die  sich  aus  der  Zeit  des  Krieges  erhalten  haben.  So 
schreibt  1635  Juli  30  Levin  v.  d.  Knesebeck  an  seinen 
Bruder  Hempo  in  Tylsen,  er  fürchte  für  die  Altmark  einen 
Heeresdurchzug,  „hielte  darum  davor,  was  man  an  mehr 
sichere  Orte  zu  schaffen  vermag,  damit  gar  nicht  zu  säumen"  -); 
Elias  V.  Alvensleben  auf  Isernschnibbe  an  seinen  Vetter 
Valentin  Joachim  auf  Erxleben  1638  März  24,  daß  man 
gegen  Abend  oder  Morgen  die  Ankunft  der  sächsischen 
Armee  gefürchtet  habe,  der  Oberstwachtmeister  in  Garde- 
legen, bei  dem  er  um  eine  lebendige  Salvaguardia  an- 
gehalten, hätte  ihn  aber  versichert,  daß  es  unnötig  sei,  da 
die  Völker  anderswohin  zögen;  trotzdem  wolle  er  „allhie 
aufs  Haus  zur  Beschützung  desselben  etliche  Musquetiere 
herauslegen";  weil  der  ganze  Marsch  aber  nicht  herkäme, 
habe  er  (Elias)  die  Habe  auf  dem  Hause  gelassen  3);  am  7.  Mai 
desselben  Jahres  dagegen  meinte  er,  daß  da  Zeitungen  kämen, 

1)  Vgl.  S.  90,  Anm.  1. 

2)  18.  Jahresbericht,  S.  55. 

3)  30.  Jahresbericht,  S.  50. 


94  Geschichtliche  Studien.  II.  1. 

die  Montecuculischen  Reiter  hätten  in  den  Dörfern  mit 
Wegnehmen  des  Viehes  übel  gehaust,  es  darum  wohl  am  rat- 
samsten sei,  das  Vieh  an  einen  sicheren  Ort  zu  bringen  i); 
1640  Juni  13  endlich  bat  er  den  Vetter,  wenn  er  etwas 
von  Truppendurchzügen  erfahre,  ihm  „solches  alsofort  zu 
avisieren,  damit  man  bei  Zeiten  vorbauen  und  das  Vieh  bei 
Seite  bringen  kann",  und  ebendasselbe  auch  1642  April  15-). 

Charakteristisch  für  den  Verkehr  mit  den  Offizieren 
aber  ist  ein  Brief  vom  6.  Dezember  1639.  Elias  hat  bei 
dem  Major  Sperling  an  des  Vetters  Statt  Gevatter  ge- 
standen, „und  hat  sich  gedachter  Major  höchlich  bedanket 
so  wohl  auch  seine  Liebste,  daß  der  Vetter  solch  christlich 
Werk  gerne  hat  verrichten  wollen".  Dann  heißt  es  weiter: 
„Herr  Oberst  Kerberg  scheinet  ein  feiner,  diskreter  Kavalier, 
hat  sich  gegen  mir  zu  aller  guten  Nachbarschaft  und  Freund- 
schaft erboten";  unter  dessen  Regimente  befände  sich  auch 
ein  Major,  „giebet  vor,  daß  er  mit  dem  Vetter  wolbekannt 
sei"^).  li  Jahr  früher  aber  hatte  der  kaiserliche  Oberst- 
wachtmeister Stange  den  Dank  für  eine  Salvaguardia,  die  er 
dem  V.  Alvensleben  auf  Erxleben  gesandt  hatte,  abgelehnt, 
„wollte  sich  glückselig  achten,  wann  er  dem  Vetter  ange- 
nehme Dienste  und  Freundschaft  erweisen  könnte"*).  Von 
Brandschatzung  umliegender  Dörfer  ist  in  diesen  Briefen  mit- 
unter, von  einer  der  v.  Alvenslebenschen  zu  Isernschnibbe 
gehörigen  Güter  Weteritz  und  Jemmeritz  aber  nicht  die  Rede. 

Es  soll  und  kann  damit  durchaus  nicht  behauptet  werden, 
daß  im  Kriege  adelige  Güter  von  Verwüstungen  völlig  ver- 
schont geblieben  wären.  Des  Schreibers  dieser  Briefe,  Elias 
V.  Alvenslebens,  Sitz  zu  Rogätz  fiel  in  der  ersten  Kriegszeit 
einer  Erstürmung  durch  die  Dänen  zum  Opfer,  und  1631 
wurden  sogar  die  beiden  v.  d.  Knesebeckschen  Güter  zu 
Tylsen  von  den  Kaiserlichen  geplündert  ^)  —  nur  daß  unter 


1)  Ebenda,  S.  53. 

2)  Ebenda,  S.  61,  80. 

3)  Ebenda,  S.  59. 

4)  Ebenda,  S.  52  f.    Brief  von  1638  Mai  6. 

5)  C.  D.  A.  III,  S.  578.  —  18.  Jahresbericht,  S.  14ff. 


II.  1.       Kaphahn,  Die  wirtschaftl.  Folgen  d.  30 jähr.  Krieges  usw.  95 

diesen  Umständen  die  Häufigkeit  einer  Verwüstung  viel 
geringer  war  als  beim  schutzlosen  Bauerngut,  erscheint  gewiß. 

Dessen  Verödung  aber  haben  die  Junker  benutzt,  um 
ein  Geschäft  in  Wiederaufnahme  zu  bringen,  das  sie  im  16. 
und  beginnenden  17.  Jahrhundert  eifrig  geübt,  das  ihnen  aber 
1615  vom  Kurfürsten  verboten  worden  war:  den  eigenen 
Grundbesitz  auf  Kosten  des  Bauernlandes  zu  vergrößern  ^). 
Der  Rittergutsacker  hat  auch  in  der  Altmark  im  Laufe  des 
30jährigen  Krieges  zugenommen;  ja  es  kam  zu  Neugründungen 
von  Rittersitzen,  z.  B.  in  Carbitz  (Amt  Tangermünde),  wo  vor- 
dem keiner  gewesen  war,  nach  ihm  aber  Joachim  v.  Röppen 
aus  zwei  wüsten  Höfen  einen  solchen  für  sich  errichtete. 
Er  weigerte  sich,  die  auf  den  Gütern  haftenden  Dienstgelder 
ans  Amt  Tangermünde  zu  zahlen ;  aber  ihm  gegenüber  -)  war 
der  Kurfürst  ebensowenig,  wie  anderen  „Adeligen  oder  Be- 
amten, so  wüste  Höfe  gebrauchen"  geneigt,  sie  von  den 
Abgaben  zu  befreien  ^). 

Schließlich  lassen  die  Korn-  und  Geldregister  des  Amtes 
Diesdorf,  die  uns  für  einige  Jahre  unmittelbar  vor  und  nach 
Beginn  des  Krieges  und  bald  nach  seinem  Ende  erhalten 
sind,  an  einem  einzelnen  Beispiel  seine  Wirkungen  auf  die 
Produktion  eines  großen  Gutsbetriebes  erkennen.  Die  des 
Getreides  gestaltete  sich  folgendermaßen  •*) : 

1)  Formell  wurde  ihnen  das  Recht  dazu  1646  durch  die  Erneuerung 
des  Landtagsrezesses  von  1602  eingeräumt  (C.  C.  M.  VI.  I.  Sp.  389  ff.), 
dann  weiterhin  auf  dem  Landtag  von  1653  (C.  C.  M.  VI.  I.  Sp.  425  ff.). 
Sie  werden  aber  bestimmt  schon  vorher  sich  die  Entvölkerung  zunutze 
gemacht  haben. 

2)  M.  St.  Eep.  D.  Amt  Tangermünde,  Lit.  D.  II.  Der  Kurfürst  an 
J.  V.  R  1657  Aug  6. 

3)  C.  C.  M.  VI.  I.  Sp.  425  ff.  Landtagsrezeß  von  1653.  —  Ob  es  auch 
für  die  Altmark  zutrifft,  was  Groß  mann,  S.  62  für  die  Mark  im  all- 
gemeinen behauptet,  daß  der  Adel  sich  in  Wirklichkeit  vielfach  „von  der 
Steuer,  wie  von  den  übrigen  Lasten  für  die  Hufen  frei  zu  machen"  wußte 
und  infolge  dieses  lukrativen  Geschäfts  mitunter  die  Wiederbesetzung 
wüster  Höfe  zu  verhindern  suchte,  konnte  im  einzelnen  aus  den  im  Vor- 
wort erwähnten  Gründen  nicht  nachgewiesen  werden. 

4)  M.  St.  Rep.  D.  Amt  Diesdorf,  Nr.  628,  363  bis  365,  414  bis  415 
(Kornrechnungen);  Nr.  425  bis  426   (Geldrechnungen  von  Mich.  1616  17 


96 


Geschichtliche  Studien. 


II.  1. 


V 

Veiz 

en 

1               1 

Roggen 

Pacht 

Pacht 

Elf 

jengewächs 

w 

seh 

V 

w   seh 

V 

w 

seh 

V 

Mich.  1623, 24 

— 

5 

2 

114     1 

2' 

)    45 

(46 

13 

6 

2 

-Y) 

„     1625/26 

— 

7 

2 

114     1 

2' 

)    91 

(43 

12 

8 

„     1627  28 

— 

— 

— 

11      6 

— 

119 

(46 

23 
12 

— 

„     1628/29 

— 

— 

— 

9    13 

2 

42 

(34 

17 
6 

— 

„     1645/46 

— 

3 

— 

45    18 

2 

62 

( 

2 

? 

3 

„     1646/47 



3 



52    14 

2 

l 
55 

3i 

(30 

8 

„     1647/48 

— 

3 

— 

52    11 

2 

55 

(28 

16 

8 

1 

„     1648/49 

— 

3 

42    11 

2 

62 

(32 

5 
18 

2 

Hafer 

1 

Gerste 

Pacht 

Eigengewächs 

Pacht 

Eigengewächs 

w 

seh 

V 

w 

seh 

V 

w    seh 

V 

w 

seh 

V 

Mich.  1623/24: 

10 

16 

2^) 

98 

14 

2 

1      9 

1 

)    37 

21 

3 

(47 

17 

— ) 

(14 

21 

-) 

„     1625/26: 

10 

16 

20  128 

5 

— 

1      9 

1 

33 

2 

2 

(44 

20 

— ) 

(12 

4 

-) 

„     1627/28: 

— 

— 

— 

61 

22 

2 

—    — 

— 

25 

22 

2 

(31 

20 

— ) 

(10 

15 

-) 

„     1628/29: 

— 

— 

— 

57 

2 

2 

—    — 

— 

20 

18 

1 

(30 

8 

— ) 

(  8 

9 

-) 

„     1645/46: 

— 

4 

— 

24 

( 

4 

? 

1) 

2    21    - 

— 

22 

( 

12 

? 

3 

) 

„     1646/47: 

4 

3 

— 

18 

16 

— 

—    17    - 

— 

20 

6 

21 

(14 

20i 

— ) 

(8 

2 

-) 

„     1647/48: 

4 

3 

— 

22 

(16 

3 

23^ 

li 

—    17 

1 

20 
(  9 

10 
2 

-) 

„     1648/49: 

2 

18 

— 

24 

7 

1 

—    17    - 

— 

22 

22 

n 

(17 

19 

— ) 

(9 

3 

-) 

und  Mich.  1647/48,  die  aus  der  Zeit  des  Krieges  und  unmittelbar  vor 
und  nach  ihm  aUein  erhalten  sind).  —  Eine  eingehende  Beschreibung  des 
Wirtschaftsbetriebs  auf  den  kurfürstlichen  Ämtern  in  jener  Zeit  findet 
sich  bei  Breysig,  S.  202ff. 

1)  Abzüglich  dessen,   was  die  Untertanen  in  diesen  Jahren  schuldig 
blieben,  das  aber  in  seiner  Höhe  nicht  angegeben  ist. 

2)  Die  in  Klammer  gesetzten  Zahlen  geben  die  jeweilige  Menge  der 
Aussaat  an. 


II.  1.       Kaphahn,  Die  wirtsehaftl.  Folgen  d.  30 jähr.  Krieges  usw.  97 

Diese  Zusammenstellung  lehrt,  daß  die  Pachteinnahmen 
im  Kriege  rasch  sanken  —  sei  es  nun,  daß  die  Bauern  ihre 
Feldfrüchte  als  Kontribution  der  eingelagerten  Soldateska 
liefern  mußten,  sei  es,  daß  sie  diese  bei  Plünderungen  raubte 
oder  verdarb  —  und  nach  diesem  sich  erst  allmählich  wieder 
steigerten;  dasselbe  mag  auch  für  den  von  den  Untertanen 
zu  leistenden  Geldzins  zutreffen,  von  dem  wir  nur  wissen, 
daß  er  Mich.  1616/17:  173  thlr  8  gr  10  ^,  Mich.  1647/48 
dagegen  81  thlr  9  gr  8  -^  betrug.  —  Die  mit  Roggen  be- 
baute Fläche  des  Amtsackers  verminderte  sich  —  wie  aus 
der  Menge  der  Aussaat  zu  ersehen  ist  —  in  den  allerersten 
Kriegsjahren  zwar  nicht,  wohl  aber  seit  Ende  der  20  er  um 
rund  ein  Drittel  und  hielt  sich  auf  dieser  Höhe  auch  in 
der  zweiten  Hälfte  der  40er  Jahre;  der  Hafereigenbau  ging 
im  Laufe  des  Krieges  um  ca.  -/s,  der  von  Gerste  um  ca.  ^/^ 
zurück  ^). 

Es  ist  unter  diesen  Verhältnissen  natürlich,  daß  auch 
der  Verkauf  landwirtschaftlicher  Produkte  im  Amte  Dies- 
dorf  zurückging.  Er  richtete  sich  vor  dem  Kriege  nach  der 
Fruchtbarkeit  des  Jahres,  die  hier  überhaupt  nicht  groß  war, 
so  daß  der  Ertrag  in  der  ersten  Hälfte  des  17.  Jahr- 
hunderts dreifache  Aussaat  nicht  überstieg  -).  Mich.  1616/17, 
bei  einer  besonders  guten  Ernte,  konnte  das  Amt  (neben 
12  s  2  V  Weizen)  134  w  6  s  Roggen  und  36  w  20  s  2  v 
Hafer  losschlagen  ^),  Mich.  1623 '24  dagegen  von  jenem  nur 
20  w  8  s  2  2  V,  von  diesem  26  w  4  s.  Obwohl  die  endenden 
40er  Jahre    des    17.  Jahrhunderts  an  Roggen   die   doppelte. 


1)  Die  kleineren  Kulturen,  wie  der  Hopfen-,  Buchweizen-,  Erbsen-, 
Flachs-  und  Hedenhau,  wurden  bald  nach  dem  Kriege  wieder  in  vollem 
Umfange  aufgenommen.  Über  den  Eückgang  des  Viehstandes  ließ  sich 
aus  den  Geldrechnungen  nur  ersehen,  daß  Mich.  1616/17  von  624, 
Mich.  1647/48  dagegen  nur  von  170  milchenden  Schafen  Wolle  geschoren 
wurde. 

2)  1599  bis  1648  erreichte  sie  ihn:  6 mal,  den  2^ fachen  13 mal,  den 
2-^  fachen  7  mal,  den  2 fachen  8  mal,  die  Aussaat  9  mal,  diese  nicht  7  mal 
M.  St.  Eep.  A.  23  c  Amt  Diesdorf,  Nr.  193. 

3)  Gerste  hat  das  Amt  nie  über  den  eigenen  Bedarf  hinaus  gebaut, 
sondern  deren  nach  wie  vor  dem  Kriege  jährlich  einkaufen  müssen. 

Geschichtliche  Stadien.     H.  1.  17 


98  Geschichtliche  Studien.  IL  1. 

an  Hafer  die  lUache  Aussaat  einbrachten,  konnte  das  Amt  in 
diesen  Jahren  doch  nur  jährlich  22  w  12  s  von  jenem  und 
16  s  3  V  von  diesem  verkaufen.  Hinzu  kam  ein  bedeutender 
Rückgang  der  Getreidepreise  ^),  der  es  bewirkte,  daß  die 
Nettoeinnahme  des  Amtes  relativ  noch  stärker  als  die  Pro- 
duktion sank.  Mich.  1616/17  betrug  jene  2828  thlr,  1647/48 
dagegen  nur  720  thlr. 

Jedoch  der  Verkauf  von  Korn  und  der  wenn  auch 
verminderte  von  Wolle  -)  blieb  dem  Amte  —  und  auch  dem 
Adel,  der  schon  1641  dem  Kurfürsten  seine  Bitten  um 
Öffnung  der  Grenzen  für  die  Ausfuhr  seiner  Erzeugnisse 
vortrug,  denen  dieser  aber  erst  1645  nachgab  ^);  und  diese 
nahm  im  6.  und  7.  Jahrzehnt  des  17.  Jahrhunderts  wieder  einen 
so  großen  Umfang  an,  daß  der  Getreideexport  der  gesamten 
Mark  Brandenburg  in  manchen  Jahren  fast  an  den  vor  dem 
Kriege  heranreichte.  Er  ist  es  gewesen,  der  bei  dem  Tief- 
stand des  städtischen  Gewerbelebens  in  jener  Zeit  fast  allein 
beträchtliche  Summen  Geldes  ins  Land  brachte  ^). 


1)  Für  Eoggen  erhielt  das  Amt  Mich.  1616/17  durchschnittlich 
21  thlr  18^  gr  für  den  w,  Mich.  1647/48  dagegen  nur  11  thlr  18^  gr; 
für  Hafer  Mich.  1616/17:  13  thlr  9^  gr  für  den  w,  Mich.  1647/48: 
6  thlr;  für  Gerste  endlich  zahlte  es  Mich.  16/17:  27  thlr  für  den  w, 
Mich.  1647/48  nur  12  thlr. 

2)  Mich.  1616/17  wurden  428  Steine  Wolle  ä  1  thlr  12  gr,  Mich. 
1647/48:  173  Steine  3  ^,  1  thlr  der  Stein,  vom  Amte  verkauft, 

3)  B.  G.  St.  Kep.  53.  11.  Eingabe  von  1641  Okt.  8.  —  Naude 
(1901),  S.  62  fr. 

4)  Ebenda,  S.  75  f. 


Schlußbemerkungen. 


Die  wirtschaftlichen  Folgen  des  30jährigen  Krieges  für 
die  Altmark  sind  bisher  schon  zweimal  geprüft  worden: 
durch  Götze,  im  Rahmen  einer  Stadtgeschichte,  und  durch 
Zahn,  der  aber  den  Schwerpunkt  seiner  Arbeit  auf  die 
Darstellung  der  kriegerischen  Ereignisse  verlegt  und  sich 
hinsichtlich  deren  ökonomischer  Wirkung  völlig  auf  Götze 
stützt.  Dieser  aber  kommt  am  Ende  zu  dem  Urteil,  für  das 
er  uns  zu  einem  Teile  den  Beweis  überhaupt  schuldig  bleibt, 
und  das  zum  anderen  auf  ungenügender  Verwendung  ein- 
wandfreien Quellenmaterials  beruht,  daß  nämlich  „die  Mark 
Brandenburg  zu  Ende  des  Krieges  ein  verödetes,  verarmtes,  ver- 
wildertes, ausgeraubtes,  ausgebranntes,  ausgemordetes  Land" 
gewesen  sei  ^).  Die  Richtigstellung  dieser  verfehlten  Be- 
hauptungen bietet  uns  einen  willkommenen  Anlaß,  die  Haupt- 
ergebnisse vorliegender  Untersuchungen  noch  einmal  kurz 
zusammenzufassen. 

Die  Einwohnerzahl  von  Stadt  und  Land  ist  im  Laufe 
des  Krieges  hier  ungefähr  um  2/5,  dort  um  die  Hälfte  zurück- 
gegangen; aber  zum  wenigsten  war  sicherlich  der  Mord, 
waren  vielmehr  an  manchen  Orten  vielleicht  eine  verstärkte 
Wirkung  der  Seuchen  zur  Kriegszeit,  vor  allem  aber  eine 
geringere  Erholungsfähigkeit  der  Bevölkerung  von  den  Pest- 
verlusten und  die  Auswanderung  von  Bürger  und  Bauer  die 
Ursachen. 

1)  Götze,  S.  497. 


100  Geschichtliebe  Studien.  II.  1. 

Nicht  die  Kriegsfackel,  sondern  die  verminderte  Einwohner- 
zahl hat  in  den  Städten  einen  ihr  entsprechenden  Abgang 
an  Häusern  hervorgerufen,  indem  die  verödeten  Wohnstätten 
verfielen  oder  eingerissen  und  die  Grundstücke  von  den 
Bürgern  erworben  und  zu  ihrem  Vorteile  genutzt  wurden; 
auf  den  Dörfern  ist  freilich  manches  Gehöft  von  der  maro- 
dierenden Soldateska  in  Brand  gesteckt  worden.  Die  Be- 
völkerungsabnahme erklärt  es  auch  in  erster  Linie,  daß 
auf  dem  Lande  noch  Jahrzehnte  nach  dem  Kriege  viele 
Acker,  die  vordem  dem  Feldbau  gedient  hatten,  nicht  wieder 
unter  den  Pflug  genommen  und  vom  Gestrüpp,  mit  dem  sie 
sich  während  ihres  Wüstliegens  bedeckt  hatten,  noch  nicht 
gereinigt  worden  waren. 

Gewiß  ist  mit  dem  Kriege  eine  schwere  wirtschaftliche 
Katastrophe  über  die  Altmark  hereingebrochen,  xlber  zu 
ihrer  Erklärung  genügt  es  nicht,  auf  seine  unmittelbaren 
Folgen,  auf  Kontributionen  und  Plünderungen  hinzuweisen; 
gegenüber  der  geläufigen  Vorstellung  von  deren  Wirkungen 
bedarf  es  einer  beträchtlichen  Einschränkung;  eine  Ent- 
blößung des  Landes  von  allen  mobilen  Wirtschaftsgütern, 
eine  absolute  Verarmung  der  Bevölkerung  haben  sie  eben- 
sowenig herbeigeführt  wie  eine  völlige  Unterbindung  des 
Exporthandels  und  -gewerbes.  Die  unglückliche  Wendung, 
die  in  den  ökonomischen  Verhältnissen  der  Altmark  im 
Laufe  des  Krieges  eintrat,  wurde  vielmehr  in  gleichem,  wenn 
nicht  noch  bedeutenderem  Maße  hervorgerufen  durch  den 
Zusammenbruch  der  Kreditwirtschaft,  die  das  Zeitalter  des 
Frühkapitalismus  ausbildete,  für  deren  günstige  Fortentwick- 
lung in  den  Städten  jedoch  seit  dem  16.  Jahrhundert  die 
Voraussetzungen  —  ein  kühn  vorwärtsdringender  üntemeh- 
mungssinn  und  eine  zunehmende  Ansammlung  von  realen 
Wirtschaftsgütern  —  immer  mehr  dahinschwanden,  so  daß  das 
Land  je  länger  je  mehr  in  eine  tiefe  Überschuldung  geriet. 
Aber  erst  mit  dem  Kriege,  der  die  Gläubiger  zur  Liquidierung 
ihrer  Forderungsrechte  drängte,  kam  diese  Tatsache  den  Zeit- 
genossen zum  vollen  Bewußtsein  und  zeigte  ihre  verhängnis- 
vollen Wirkungen,  indem  der  schon  längst  unterhöhlte  Kredit- 


II.  1.       Kaphahn,  Die  wirtschaftl.  Folgen  d.  30jähr.  Krieges  usw.  101 

bau  zusammenstürzte  und  mit  sich  Hunderttausende  vor- 
nehmlich bürgerhchen  und  adeligen  Vermögens  begrub.  Es 
ist  dies  eine  Art  von  Kapitalvernichtung  gewesen,  die  im 
30jährigen  Kriege  auch  in  anderen  deutschen  Landen  außer 
der  Mark  Brandenburg  eintrat,  deren  Wichtigkeit  aber  für 
die  Erklärung  des  Zusammenbruchs  der  deutschen  Volks- 
wirtschaft in  der  ersten  Hälfte  des  17.  Jahrhunderts  von 
der  bisherigen  Forschung  noch  nicht  genügend  hervorgehoben 
worden  ist. 


Verzeichnis 

1.  der  benutzten  Quellenpublikationen. 

Codex  Diplomaticus  Alvenslebianus,  hrsg.  von  G.  A.  v.  Mülver- 
stedt.     Bd.  3.     Magdeburg  1885. 

Codex  Diplomaticus  Brandeuburgiensis  Continuatus,  hrsg. 
von  G.  W.  V.  Eaumer.     Teil  2.     Berün  und  Elbing  1833. 

Corpus  Constitutionum  Marchicarum,  hrsg.  von  Chr.  0.  Mylius. 
Teü  1—6.     Berlin  und  Halle  a.  S.  1736. 

Protokolle  und  Eelationen  des  Brandenburgischen  Geheimen  Rates 
a.  d.  Zeit  des  Kurfürsten  Friedrich  Wilhelm,  hrsg.  von  0.  Meinardus. 
Bd.  1—4.    Leipzig  1889,  1893,  1896. 

Urkunden  und  Aktenstücke  zur  Geschichte  des  Kurfürsten  Fried- 
rich Wilhelm  von  Brandenburg.  Bd.  10.  Ständische  Verhandlungen 
(Mark  Brandenburg),  hrsg.  von  S.  Isaacsohn.     Berlin  1880. 

2.  der  verwandten  Literatur. 

H.  Baechtoldt,  Der  norddeutsche  Handel  im  12.  und  beginnenden 
13.  Jahrhundert.  Abhandlungen  zur  mittleren  und  neueren  Ge- 
schichte, hrsg.  von  Finke  u.  a.     Heft  21.    Berlin -Wilmersdorf  1910. 

E.  Bahrfeldt,  Das  Münzwesen  der  Mark  Brandenburg  unter  den  Hohen- 
zoUern  bis  zum  Großen  Kurfürsten,  von  1415  bis  165U.    Berlin  1895. 

B.  L.  ßekmann,  Historisehe  Beschreibung  der  Chur  und  Mark  Branden- 
burg.    Bd.  2.     Berlin  IV  53. 

K.  Breysig,  Geschichte  der  brandenburgischen  Finanzen  in  der  Zeit 
von  1640  bis  1697.     Bd.  1.     Leipzig  1895. 

A.  F.  Büsching,  Magazin  für  die  neue  Historie  und  Geographie.  Teil  15. 

HaUe  1781. 

G.  Daume,  Bilder  aus  Seehausens  Vergangenheit,   Seehausen  i.  A.  1904. 

R.  Ehrenberg,  Hamburg  und  England  im  Zeitalter  der  Königin  Elisa- 
beth.   Jena  1895. 

,   Das  Zeitalter  der  Fugger.     Geldkapital   und   Kreditverkehr   im 
16.  Jahrhundert.     Bd.  1.    Jena  1896. 

B.  Erdm  annsdörffer,  Deutsche  Geschichte  von  1648  bis  1740.    Bd.  1. 

Berlin  1892. 


Verzeichnis  der  Quellen,  Literatur,  Abkürzungen.  103 

G.  Frey  tag,  Bilder  aus  der  deutschen  Vergangenheit.  Bd.  3.  Leipzig  1867. 

L.  Götze,  Urkundliche  Geschichte  der  Stadt  Stendal.     Stendal  1873. 

Fr.  Großmann,  Über  die  gutsherrlich-bäuerlichen  Kechtsverhältnisse  in 
der  Mark  Brandenburg  vom  16.  bis  18.  Jahrhundert.  Staats-  und 
sozialwissenschaftliche  Forschungen,  hrsg.  von  G.  Schmoller.  Bd.  9, 
Heft  4.     Leipzig  1890. 

B.  Haendcke,  Deutsche  Kultur  im  Zeitalter  des  30jährigen  Krieges. 
Leipzig  1906. 

K.  Fr.  H  a  n  s  e  r ,  Deutschland  nach  dem  dreißigjährigen  Kriege.  Dargestellt 
in  politischer,  materieller  und  sozialer  Hinsicht.  Leipzig  und  Heidel- 
berg 1862. 

J.  Härtung,  Die  direkten  Steuern  und  die  Vermögensentwicklung  in 
Augsburg  von  der  Mitte  des  16.  bis  zum  18.  Jahrhundert.  Jahrbuch 
für  Gesetzgebung,  Verwaltung  und  Volkswirtschaft  im  Deutschen 
Keiche,  hrsg.  von  G.  Schmoller.     Bd.  22,  S.  1255  ff.     Leipzig  1898. 

K.  Hoeniger,  Der  dreißigjährige  Krieg  und  die  deutsche  Kultur.  Preu- 
ßische Jahrbücher,  hrsg.  von  H.  Delbrück.  Bd.  138,  S.  402  ff. 
Berlin  1909. 

K.  Th.  V.  Inama  Sternegg,  Die  volkswirtschaftlichen  Folgen  des 
dreißigjährigen  Krieges  für  Deutschland.  Historisches  Taschenbuch, 
hrsg.  von  F.  v.  Eaumer,  4.  F.    Bd.  5.     Leipzig  1864. 

S.  Isaacsohn,  Die  Finanzen  Joachims  H.  und  das  ständische  Kredit- 
werk. Zeitschrift  für  preußische  Geschichte  und  Landeskunde,  hrsg. 
von  C.  Rößler  u.  a.     Bd.  16,  S.  455  ff.     Berlin  1879. 

,  Die  Einleitungen  zu   den   einzelnen  Abschnitten    der  „Urkunden 
und  Aktenstücke".     Berlin  1880. 

Jahresberichte  des  altmärkischen  Vereins  für  vaterländische  Ge- 
schichte und  Industrie,  hrsg.  von  Danneil,  später  von  Zechlin,  endlich 
von  Zahn.     Magdeburg  und  Salzwedel  1838  ff. 

J.  Jastrow,  Die  Volkszahl  deutscher  Städte  zu  Ende  des  Mittelalters 
und  zu  Beginn  der  Neuzeit.  Historische  Untersuchungen,  hrsg.  von 
J.  Jastrow.     Heft  1.     Berlin  1886. 

A.  Köhler,  Der  kulturhistorische  Gehalt  der  Simplicianischen  Schriften. 

Ein  Beitrag  zur  Geistesgeschichte  der  ersten  Jahrzehnte  des  17.  Jahr- 
hunderts.    Studium  Lipsiense,  S.  225  ff.     Berlin  1909. 

B.  Krieg,  Bestand  und  Alter  der  Kirchenbücher  in  der  Provinz  Sachsen, 

dem   Herzogtum   Anhalt  und   einigen   thüringischen   Staaten.     Neue 

Mitteilungen  des  thür.-sächs.  Geschichts-  und  Altertumsvereins,  hrsg. 

von  G.  Hertzberg.     Bd.  19,  Heft  1,  S.  Iff.,  104ff.     Halle  1895. 
L.  Krug,  Preußische  Staatsschulden,  hrsg.  durch  C.  J.  Bergius.    Breslau 

1861. 
K.  Lamprecht,   Deutsche   Geschichte.     Bd.  2  und  5  (3.  Aufl.),  Bd.  6 

(1.  und  2.  Aufl.).     Freiburg  i.  Br.  1904. 


104  Verzeichnis  der  Quellen,  Literatur,  Abkürzungen. 

Th.  Lorentzen,  Die  schwedische  Armee  im  30 jährigen  Kriege  und  ihre 
Abdankung.    Leipzig  1894. 

E.  Marcks,  Bismarck.     Bd.  1.     Stuttgart  und  Berlin  1909. 

0.  Meinardus,  Die  wirtschaftlichen  Zustände  und  Wandlungen  in  Land 
und  Stadt.     „Protokolle  und  Kelationen",  Bd.  2,  S.  CXXfif. 

G.  A.  V.  Miilverstedt,  Übersicht  über  den  v.  Alvenslebenscheu  Grund- 
besitz im  16.  und  in  der  ersten  Hälfte  des  17.  Jahrhunderts.  Codex 
Diplomaticus  Alvenslebianus.     Bd.  3,  S.  557  ff. 

W.  Naude,  Deutsche  städtische  Getreidehandelspolitik  vom  15.  bis  17. 
Jahrhundert  mit  besonderer  Berücksichtigung  Stettins  und  Hamburgs. 
Staats-  und  sozialwissenschaftliche  Forschungen,  hrsg.  von  G.  Schmoller. 
Bd.  8,  Heft  5.     Leipzig  1889. 

,  Die  Getreidehandelspolitik  und  Kriegsmagazinverwaltung  Branden- 
burg-Preußens bis  1740.  Acta  Borussica,  Getreidehandelspolitik,  Bd.  2. 
Berlin  1901. 

J.  0.  Opel,  Deutsche  Finanznot  beim  Beginn  des  30jährigen  Krieges. 
-  Historische  Zeitschrift,  hrsg.  von  H.  v.  Sybel,  X.  F.,  Bd.  16,  S.  213  ff. 
München  1866. 

H.  V.  Petersdorf f,  Beiträge  zur  Wirtschafts-,  Steuer-  und  Heeres- 
geschichte der  Mark  im  30  jährigen  Kriege.  Forschungen  zur  branden- 
burgisch-preußischen Geschichte,  hrsg.  von  E.  Koser.  Bd.  2,  S.  Iff. 
Leipzig  1889. 

H.  Pirenne,  Geschichte  Belgiens  (übersetzt  von  Fritz  Arnheim).  Bd.  2. 
Gotha  1902. 

F.  Priebatsch,   Der  märkische  Handel   am  Ausgang  des  Mittelalters. 

Schriften  des  Vereins  für  die  Geschichte  Berlins.   Heft  36.   Berlin  1899. 

G.  W.  V.  Kaumer,    Die   Steuerverfassung    der  Mark   Brandenburg    zur 

Zeit  Kurfürst  Joachims  H.  Märkische  Forschungen,  Bd.  4,  S.  321  ff. 
Berlin  1850. 

W.  Keisner,  Die  Einwohnerzahl  deutscher  Städte  in  früheren  Jahr- 
hunderten mit  besonderer  Berücksichtigung  Lübecks.  Sammlung 
national -ökonomischer  und  statistischer  Abhandlungen,  hrsg.  von 
J.  Conrad.     Bd.  36.     Jena  1903. 

A.  Eitner,  Altmärkisches  Geschichtsbuch.  Teil  2  der  „Antiquitates 
Tangermundenses",  hrsg.  von  George  Gottfried  Küster.    Berlin  1729. 

M.  Eitter,  Deutsche  Geschichte  im  Zeitalter  der  Gegenreformation  und 
des  30  jährigen  Krieges.     Bd.  2.     Stuttgart  1895. 

G.  Seh  moller,  Straßburger  Tucher-  und  Weberzunft.  Urkunden  und 
Darstellung  nebst  Eegesten  und  Glossen.    Straßburg  1879. 

,    Die    ältere    Eibhandelspolitik.      Stapelrechte    und    -kämpfe   von 

Magdeburg,  Lüneburg  und  Hamburg.  Jahrbuch  für  Gesetzgebung, 
Verwaltung  und  Volkswirtschaft  im  Deutschen  Eeiche,  hrsg.  von 
G.  Schmoller.    Bd.  8,  S.  1021  ff.  Leipzig  1884. 


Verzeichnis  der  Quellen,  Literatur,  Abkürzungen.  105 

G.  Schmoller,  Das  brandenburgisch-preußische  Innungswesen  von  1640 
bis  1806.  Forschungen  zur  brandenburgisch-preußischen  Geschichte, 
hrsg.  von  R.  Koser.     Bd.  1,  S.  57  ff.,  325  ff.     Leipzig  1888. 

,  Die  Epochen   der  preußischen  Finanzpolitik   bis   zur   Gründung 

des  Deutschen  Reiches.  Umrisse  und  Untersuchungen  zur  Verfassungs-, 
Verwaltungs-  und  Wirtschaftsgeschichte,  besonders  des  preußischen 
Staates  im  17.  und  18.  Jahrhundert,  S.  104  ff.    Leipzig  1898. 

,    Historische    Betrachtungen    über    Staatenbildung    und    Finanz 


entwicklung.  Jahrbuch  für  Gesetzgebung,  Verwaltung  und  Volks- 
wirtschaft im  Deutschen  Reiche.  Bd.  33,  S.  Iff.  Leipzig  1909.  (Soiider- 
abdruck  u.  d.  T. :  Skizze  einer  Finanzgeschichte  von  Frankreich,  Öster- 
reich, England  und  Preußen  [1500  bis  1900].     Leipzig  1909). 

Chr.  Schultz,  Auff-  und  Abnehmen  der  Stadt  Gardelegen,  d.  i.  histo- 
rischer Bericht  von  der  äußerlichen  und  innerlichen  Gestalt  der  Stadt. 
Stendal  1668. 

W.  Steffen,  Ein  altmärkisches  Rittergut  in  zwei  Jahrhunderten.  Pro- 
gramm des  Paedagogiums  zu  Putbus  1905. 

R.  Wuttke,  Gesindeordnungen  und  Gesinde dienstpflicht  in  Sachsen  bis 
zum  Jahre  1835.  Staats-  und  sozialwissenschafthche  Forschungen, 
hrsg.  von  G.  Schmoller.     Bd.  12,  Heft  4.     Leipzig  1893. 

W.  Zahn,  Die  Altmark  im  30jährigen  Kriege.  Schriften  des  Vereins 
für  Reformationsgeschichte.     Heft  80.    Halle  a.  S.  1904. 

,    Die  Wüstungen    der   Altmark.      GeschichtsqueUen    der   Provinz 

Sachsen  und  angrenzender  Gebiete.     Bd.  43.     Halle  a.  S.  1909. 

3.  der  Abkürzungen. 

B.  G.  St.  =  Berliner  Geheimes  Staatsarchiv. 
M.  St.                  =  Magdeburger  Staatsarchiv. 

C.  D.  A.  =  Codex  Diplomaticus  Alvenslebianus. 

C.  D.  Br.  Cont.  =  Codex  Diplomaticus  Brandenburgiensis  Continuatus. 
C.  C.  M.  =  Corpus  Constitutionum  Marchicarum. 

Prot.  u.  Rel.        =  Protokolle  und  Relationen  usw. 
U.  u.  A.  =  Urkunden  und  Aktenstücke  usw. 

thlr  =  Taler;  fl  =  Gulden;  gr  =  Groschen;  sh  =  Schilling; 
et)  =  Pfennig. 
1  thlr  =  24  gr  =  12  •  24  <^ 
1  fl       =  18  gr  =  12  •  18  ^.  =  7^  thlr. 
1  fl       =  24  sh  =  24  •  9  ^ 

w  =  Wispel;  seh  =  Scheffel;  v  =  Viertel. 
1  w  =  24  seh  =  24  •  4  v. 


Berichtigungen. 

S.  12,  letzte  Z.:  lies  „Landeshauptmanns"  statt  „Landesoberhauptmanns". 

S.  16,  Z.  16  und  17:  ües  „die"  statt  „das". 

S.  40,  Änra.  2,  Z.  2:  hinter  „so  daß"  zu  ergänzen  „wir". 

S.  53,  vorletzte  Z.:  lies  „nie"  statt  „wie". 

S.  67,  Z.  7:  lies  „es"  statt  „er". 

S.  69,  Z.  9:  lies  „hinübergreift"  statt  „hinübergrifF". 


Druck  von  Friedrich  Andreas  Perthes,  Aktiengesellschaft,  Gotha. 


Drück  Ton  Friedrich  Andreas  Perthes,  Aktiengesellschaft,  Gotha. 


Deutsche  Cjeschichlsblätter 

Monatsschrift 

ZUl' 

Förderang  der  landesgescMchtlichen  Forschung 

unter  itwirkung  zahlreicher  namhafter  Pachgenossen  herausgegeben 

von 

Dr.  Armin  Tille 

Landtagsbibliothekar  in  Dresden. 

Jahrgang  20  Bogen  stark,  Ladenpreis  6  Mk. 

Zu  beziehen   durch  alle  Buchhandlungen  und  Postanstalten;  Insertions- 
gebühr  für  die  Petitzeile  40  Pf. 

Die  „Deutschen  GescMchtsblätter"  wollen  eine  engere 
Verbindung  zwischen  der  allgemeinen  und  der  örtlich 
begrenzten  Geschichtsforschung  vermitteln,  indem  sie  den 
Lokalforscher  über  die  Probleme  der  allgemeinen  Geschichte 
unterrichten  und  den  Forscher  auf  allgemeinen  Gebieten 
namentlich  davon  in  Kenntnis  setzen,  was  im  einzelnen  Falle 
aus  den  verschiedenen  Gegenden  Deutschlands  an  gleich- 
artigem Material  vorliegt.  Die  Zeitschrift  sucht  deshalb  ihre 
Freunde  im  Kreise  der  meist  akademischen  Vertreter  der 
allgemeinen  Geschichte,  aber  nicht  minder  unter  den 
Archivaren,  den  in  zahbeichen  Geschichts vereinen 
organisierten  Lokalforscbern  sowie  unter  den  Geschichts- 
lehrern der  höheren  Lehranstalten,  welche  sämtlich  durch 
zusammenfassende  kritische  Aufsätze  über  den  gegenwärtigen 
Stand  der  Forschung  auf  den  verschiedensten  Gebieten  unter- 
richtet werden  sollen. 

Interessenten  wollen  bei  ihrer  Buchhandlung 
oder  direkt  beim  unterzeichneten  Verlage  die 
Übersendung  von  Probenummern  verlangen! 

Gotha. 

Friedrich  Andreas  Perthes,  A.-G. 


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HC 

Kaphalin,  Fritz 

2S7 

Die  -vartschaftlichen 

A5IO 

Folgen 

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